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Urzeit aus dem Reagenzglas: Dino-Design, das Monströse und Jurassic World

Natur vs. Zivilisation (Filmstill aus JurassicWorld, © Universal Pictures)

 

 

Ein Artikel von Jan Niklas Meier

 

Sind Dinosaurier Monster? Selbstverständlich nicht, würde man aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive heraus antworten. Denn: Ein Dinosaurier ist ein Tier. Ein seit langer Zeit ausgestorbenes Tier zwar, aber dennoch ein Tier. Etwas genauer: Unter den Dinosauriern versteht die Paläontologie gemeinhin eine Gruppe von Landwirbeltieren, welche von vor etwa 235 Millionen bis vor 66 Millionen Jahren auf der Erde lebte und zumindest die festländischen Ökosysteme beherrschte. Die Dinosaurier werden aus der Perspektive einer klassischen Systematik als Reptilien definiert, eine phylogenetische Betrachtungsweise dagegen schließt die Vögel als systematische Einheit ein. Folgt man diesem Ansatz, wären eben nicht alle Dinosaurier am Ende des Mesozoikums ausgestorben: eine Linie lebt in Gestalt der Vögel in weiterentwickelter Form bis heute fort.

So weit, so gut. In diesem nüchternen Sätzen steckt nun eine wichtige Erkenntnis: Ein Dinosaurier ist kein Monster. Was eigentlich allgemein bekannt ist, sollte sich dennoch für eine Beschäftigung mit der gesamten Jurassic Park-Reihe im Allgemeinen sowie mit Jurassic Worldim Speziellen durchaus in Erinnerung gerufen werden. Auf einer ersten Ebene haben wir es doch dort eigentlich mit nichts anderem zu tun als mit einem Zoo. Zugegeben: einem Zoo, in dem so einiges ganz und gar schiefgeht. Dennoch werden in einem Park Tiere in Gehegen ausgestellt, damit Menschen sie dort betrachten können. Das erfüllt erstens einen wirtschaftlichen Zweck, denn die Besucher zahlen selbstverständlich Eintritt. Dafür werden sie zweitens mit einem Tag belohnt, der ihnen den Aufenthalt in der Natur simuliert, sie mit Staunen über Fauna (und teils Flora) unserer Erde unterhält und sie im besten Fall weiterbildet. Drittens dient der Zoo einer bequemen Erforschung der dort gezeigten Tiere, in diesem Fall eben: der Dinosaurier. Viertens werden die ausgestellten Arten zumeist auch gezüchtet. All das ist auch für die Jurassic World gegeben.

Bevor wir nun genauer auf den Film eingehen, sei kurz auf die Frage eingegangen, was denn eigentlich ein Monster ist. Die Kulturwissenschaftlerin Annina Klappert hat sich in diesem Zusammenhang mit einer für unser Thema überaus interessanten Frage auseinandergesetzt. Sie versteht unter dem Monströsen zunächst „unkontrollierbare Formbildungen […], welche die Grenze eines vorab definierten Rahmens überschreiten und dadurch für den Betrachter bedrohlich wirken oder werden.“ Interessant ist vor allem der erste Teil der Ausführungen Klapperts, denn hier befasst sie sich am Beispiel des Gorillas mit der Inszenierung des Monströsen und sich daraus ergebenen Folgen. Sie geht dort davon aus, dass es keine monströsen Figuren per segibt, sondern sie in Abhängigkeit der Perspektive ihres Betrachters geschaffen werden. Die Frage ist also, in welchen kulturellen und/oder räumlich(-sozialen) Figurationen eine Kreatur als monströs wahrgenommen wird. Am Beispiel des Gorillas stellt Klappert heraus, dass die Menschenaffen als gänzlich un-monströs angesehen würden, wenn sie sich im vorab fest abgesteckten Rahmen eines Geheges im Zoo bewegten, oder sie sich innerhalb ihres eigenen Lebensraumsbefänden. Dringt ein solcher Gorilla in einen Raum außerhalb seines angestammten Habitats vor, kann sich unsere Wahrnehmung seiner Gestalt hin zum Monströsen wandeln. Dies führt Klappert vor allem darauf zurück, dass eine klare Grenze zwischen Mensch und (Menschen-)Affe verschwimmt, sobald der Affe seinen Raum verlässt und in den unseren eintritt.

Wenngleich Dinosaurier definitiv Tiere sind, ist es doch nicht ohne weiteres möglich, sie auch als solche wahrzunehmen. Dies liegt in zweierlei Punkten begründet, von denen einer allgemein gilt, der zweite aber speziell auf die Jurassic Park-Reihe zu beziehen ist. Zunächst steht hier (leicht ersichtlich) das Problem der Zeit: Dinosaurier mögen zwar Tiere sein, sie sind aber eben ausgestorbene Tiere – wenngleich eine phylogenetische Klassifizierung dem widersprechen mag, werden sie in der breiten Bevölkerung doch als seit Jahrmillionen verschwunden wahrgenommen. Sind sie nun also in ihrer Zeit wie selbstverständlich als Tiere zu klassifizieren, verschwimmt eine klare Grenze zwischen Tier und Monster, wenn sie in die unsere transferiert werden. Ein Dinosaurier ist etwas, das in der heutigen Zeit nicht (mehr) existieren darf. Damit rückt der Dinosaurier in die Nähe des Monströsen, ja erfüllt wichtige Kriterien dafür, ihn weniger als Tier, sondern eher als ein Monster zu verstehen. Auch hier findet sich das Problem des Raums – in einem doppelten Sinne als ein Lebensraum einer- und ein Zeitraum andererseits. Hinzu kommt der Aspekt der Erschaffung der Wesen: Sie werden eben nicht auf natürlichem Weg gezeugt und geboren, sie werden geschaffen – oder: designt, wie es der Chefgenetiker des Parks, Henry Wu, ausdrückt.

Widmen wir uns zunächst dem Problem des Zeitraums. Jedem Betrachter der Dinosaurier erscheint es so, als blicke er durch ein Fenster in eine lang vergangene Welt – so gesehen ist die Namenswahl des Parks überaus sprechend. Denn der Besucher der Jurassic World wird Wesen gewahr, die es eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. In der Schule wird uns (und ihm) schließlich beigebracht, dass Dinosaurier seit Jahrmillionen ausgestorben sind. Es liegt hier also eine Grenzüberschreitung vor, der Übertritt von einem Raum in einen anderen, von der Vergangenheit ins heute. Die Dinosaurier werden aus ihrem Lebensraum über die von der Zeit gesetzte Grenze hinweg in den unseren Raum transportiert – allerdings nur scheinbar, denn tatsächlichwerden sie das eben nicht. So gesehen stellen sie hier dennoch etwas dar, das es nicht geben kann, nicht geben darf. Die Jurassic World wäre demnach ein monströser Ort, an dem eine vergangene auf eine moderne Welt trifft, ein Raum zwischen den Zeiten. Aber: Die filmische Inszenierung spielt hier mit dem Monströsen. Mal scheint es, als blicke der Besucher über den Zaun des Geheges wie durch ein Fenster in eine ferne Welt, eine als Idylle präsentierte Gemeinschaft friedlich zusammenlebender Wesen. Zach und Gray befahren zwar mit der kugelartigen Gyrosphäre eine Wiese voller Apatosaurier, überschreiten damit aber immer noch nicht eine unsichtbare Grenze zwischen menschlicher und Saurierwelt – hier fungiert die Hülle der Kugel als Grenze zwischen den Welten. Die Dinosaurier erscheinen dem Betrachter als Tiere; zwar als solche einer lang vergangenen Zeit, aber dennoch eben als Tiere. Die Jurassic World suggeriert den Einblick in eine prähistorische Welt – wenngleich etwa die umgebende Flora keineswegs einer solchen entspricht. Der Besucher blickt aus der Sicherheit seiner Welt hinaus in eine andere. Hier ließe sich meines Erachtens – trotz der Unzeitlichkeit der Dinosaurier – auf Klapperts Ansatz verweisen, dass Wesen (in ihrem Fall die Gorillas, in dem unseren eben die Saurier) als un-monströs erscheinen, solange sie sich in einem fest für sie abgesteckten Raum bewegen, in einem als ihr (natürlicher oder zoologischer) Lebensraum inszeniertem Rahmen. Anders verhält es sich nun – ebenso ganz nach Klappert –, wenn sie jenen Rahmen verlassen.

Fenster in eine andere Welt (Filmstill aus JurassicWorld, © Universal Pictures)

 

Wenn dann nämlich die Dinosaurier die Grenze überschreiten, also ihren Gehegen auf welche Weise auch immer entkommen, wechselt ihre Inszenierung vom Tierischen hin zum Monströsen. Sie verlassen ihr Habitat und treten in das unsere, in den menschlichen Raum ein. Durch den Übertritt jener Grenze erscheinen uns die Dinosaurier, die wir vorher noch als faszinierende Tiere bestaunt haben, plötzlich als bedrohliche Monster: Sie überschreiten jenen von Klappert beschriebenen vorab definierten Rahmen. Auch hier ist eine Unterteilung von Tier vs. Monster allerdings keinesfalls einfach zu vollziehen, wie zu zeigen sein wird.

Wenden wir uns nun dem Aspekt der Entstehung zu. Abseits einer bioethischen Diskussion um dem Status eines Lebewesens, welches aus einer nicht-natürlichen Geburt hervorgegangen ist, bleibt anfangs das Folgende festzuhalten: Grundsätzlich kann beim Klonen der Dinosaurier innerhalb der Jurassic Park-Reihe davon ausgegangen werden, dass es sich um Hybride handelt. Denn: Um einen lebensfähigen Organismus (in unserem Fall: einen Dinosaurier) künstlich herzustellen, benötigt man eine ausreichende Menge seiner DNS. Und hiervon wurde bislang nie eine ausreichende Menge gefunden. In der Jurassic Park-Reihe wird dieses Dilemma mithilfe von Mücken gelöst: In Bernstein konserviert kann den Insekten das Blut von Dinosauriern entnommen werden, die sie zu Lebzeiten gestochen haben. Dieses Blut enthält die nötige DNS. Fehlende Teile werden nun allerdings mit „passendem“ Ersatz aufgefüllt – die Dinosaurier sind somit Hybride. Henry Wu merkt hierzu an, dass die Lücken im Genom schon immer aufgefüllt worden seien, nichts in der Jurassic World wäre damit natürlichen Ursprungs. Somit wären auch hinsichtlich der Erschaffung der Wesen Kriterien des Monströsen erfüllt. Auch hier muss aber einschränkend bemerkt werden: Dem Rezipienten ist dies nicht ohne weiteres ersichtlich. Zwar wird die Erschaffung der Dinosaurier an verschiedenen Stellen der Filmreihe erklärt, für ihre Inszenierung spielt dies aber kaum eine Rolle. Denn: Die Dinosaurier sehen so aus, wie wir uns vorstellen, dass sie aussehen müssten. Im Grunde genommen liegt hier ein Paradoxon vor – schließlich wissen vermutlich weder die Besucher der Jurassic World noch die Kinozuschauer, wie ein solcher Saurier wirklichausgesehen hat. Oder anders: Um als monströs wahrgenommen werden zu können, muss sich das Hybride, das Abweichende körperlich zeigen, der monströse Körper muss einer intendierten Norm entgegenstehen, wie es zum Beispiel Hans Richard Brittnacher gezeigt hat. Eine solche Norm kann aber nur über Vergleichbarkeit entstehen – und die ist im Fall der Dinosaurier nicht gegeben, da sie alle auf dieselbe Art geschaffen werden. Die hybriden Saurier definieren so eine neue körperliche Norm, sie markieren eben keine Abweichung – mit einer Ausnahme: Indominus Rex.

Jene Kreatur wird als neuer Publikumsmagnet entwickelt. Indominus soll größer, stärker und gefährlicher sein als alle anderen Attraktionen im Park. Die Jurassic World wird als exklusive Freizeitattraktion dargestellt, täglich kommen etwa 20.000 Besucher in den Park – und die wollen unterhalten werden. Laut Claire reichen 20 verschiedene Arten Dinosaurier dafür offenbar nicht mehr, ein Stegosaurus etwa sei für die Leute nicht spannender als ein Elefant im städtischen Zoo. Die Produktentwicklung – seinerseits ein sehr sprechender Begriff – wird also mit der Kreation einer neuen Attraktion beauftragt. Indominus Rex ist also ein Dinosaurier der Superlative, Produkt einer hemmungslosen Konsumgesellschaft, wenn man so möchte. Er ist ein High-End-Produkt, er wird eben nicht gezüchtet, er wird designt, wie Henry Wu bemerkt. Der Neuzugang soll die Zuschauer erschrecken, ihnen Angst machen, gleichermaßen intelligent wie brutal sein. Wu und sein Team enttäuschen ihren Auftraggeber nicht: Als Claire dem Besitzer des Parks, Simon Masrani, Indominus vorführt, kommt es zu folgendem Wortwechsel:

ClaireDenken Sie, das erschreckt die Kids?

SimonDie Kids? Die Eltern werden Albträume kriegen!

ClaireIst das gut?

SimonDas ist phantastisch!

Es geht offenkundig nicht darum, ein Tier in seinem Habitat zu präsentieren, sondern um die Erzeugung von Angst, von Thrill. Die filmische Inszenierung von Indominus passt sich jenem Ziel an: Er wird – anders als andere Dinosaurier – meist nur teilweise gezeigt. Dem Zuschauer entzieht sich die Totale, das Nicht-Wissen über die genaue Form der Körperlichkeit der Kreatur erhöht den Thrill. Hinzu kommt (und damit befinden wir uns wieder auf der Ebene der Genetik): Indominus kann Dinge, die ein Dinosaurier nicht können darf. Zwar gilt auch hier, dass die allermeisten von uns vermutlich eigentlich gar nicht wissen, was ein Dinosaurier nun alles kann und was nicht – die Fähigkeiten von Indominus werden aber von vornherein als falscheingeführt. So kann er sich tarnen, weil Tintenfisch-Genom in seiner DNS zu finden ist, und seine Körperwärme anpassen, weil Erbgut des Laubfroschs enthalten ist. Indominus erscheint aber nicht nur auf dieser Ebene als monströs, auch sein Körper ist anders. Da die Kreatur eine Neukreation ist, man sich also an keinen genetischen Bauplan zu halten brauchte, stellt Indominus‘ Körper ein Sammelsurium verschiedener anderer Dinosaurier dar. Damit der Rezipient dies auch sicher merkt, fällt es den Protagonisten des Films, den Angestellten des Parks als Kenner der Materie, auf. Die neu definierte Körpernorm der hybriden Saurier kann nun dazu dienen, Indominus als Körpermonster zu markieren.

Allen Filmen der Reihe ist gemein, dass in weiten Teilen Dinosaurier als friedliebende Tiere inszeniert werden. Einerseits, indem die Besucher des Parks aus der (scheinbaren) Sicherheit der von den Sauriern separierten Besucherbereiche einen Blick auf die Wesen in ihrem (ebenfalls: scheinbaren) natürlichen Habitat erhaschen. Anderseits findet sich eine tierische Inszenierung stellenweise aber auch, wenn die Ordnung bereits zusammengebrochen, die Dinosaurier den Gehegen bereits entkommen sind. So beruhigen Dr. Grant und Tim im ersten Teil der Reihe, Jurassic Park, Lex, als ein Brachiosaurier das Blattwerk des Baumes, auf dem sich die drei verstecken, zu fressen beginnt: Der Saurier sei einfach nur auf der Suche nach Nahrung. Diese Szene verweist auf einen Aspekt der Filme, der später vertieft wird: So dreht der zweite Teil, The Lost World, (ebenso wie der dritte) den Spieß gewissermaßen um: Die Dinosaurier leben dort nicht mehr in einem Park, sie haben nach der Katastrophe aus Teil eins ihr eigenes Habitat, ihre eigene Insel. Der Mensch dringt nun in diesen Lebensraum ein und trifft dort auf sich (scheinbar) natürlich verhaltende Tiere.

 

Gleiches gilt im Übrigen für die Karnivoren, die Jagd auf die Menschen machen. Denn: Sie haben zumeist ein Motiv. So macht sich das Tyrannosaurus-Pärchen in The Lost Worldauf die Suche nach seinem entführten Jungtier und die Raptoren in Jurassic Park IIIwollen ihre Eier zurück, die Billy ihnen gestohlen hat. Eine Ausnahme mag hier der Spinosaurus im dritten Teil der Reihe darstellen, wenngleich man hier auch ein nachvollziehbares Verhalten der Revierverteidigung anführen mag. Alles in allem zeigen demnach auch die aggressiven Dinosaurier das nachvollziehbare Verhalten von Tieren. Anders Indominus. Zwar kann hier genau genommen kein atypisches Verhalten diagnostiziert werden, da Indominus keine Art ist, für welche man ein typisches Verhalten definieren könnte, dennoch verhält sich die Kreatur nicht wie ein Raubtier: So werden andere Dinosaurier zwar getötet, aber nicht gefressen. Indominus dezimiert eine Herde Apatosaurier, tut dies aber nicht aus Hunger; die Kadaver werden nicht angerührt. Owen stellt treffend fest: Indominus tötet aus Vergnügen. Indominus zeigt somit ein Verhalten, dass kein gesundes Tier an den Tag legen würde. Er ist ein Monster. Das scheinen auch die anderen Dinosaurier zu spüren, sie nehmen Indominus als Feind wahr. Am Ende wird die Kreatur gemeinsam von den Raptoren, dem Tyrannosaurus und dem Mosasaurier besiegt. Wenn die Dinosaurier sich ihren Park erobern, sich einen Lebensraum frei von menschlichen Zwängen schaffen, ist dort kein Platz für Indominus, das Monster.

IndominusRex (Filmstill aus JurassicWorld, © Universal Pictures)

 

Interessant bleibt an dieser Stelle dennoch weiterhin die Frage nach einem Wahrnehmungswechsel der Dinosaurier, sobald diese den menschlichen Lebensraum betreten. Dies trifft in Jurassic Worldja nicht allein auf den oben als Monster definierten Indominus Rex zu; Tyrannosaurus, Velociraptoren und verschiedene andere verlassen ebenfalls die Gehege, als es im Park zur Katastrophe kommt. Grundsätzlich muss bei der nachfolgenden Argumentation unterschieden werden, wer hier in welchen Lebensraum eindringt: die Menschen in den der Dinosaurier (wie in The Lost Worldund in Jurassic Park III), oder die Dinosaurier in den der Menschen (wie in Jurassic World). Worauf oben bereits hingewiesen wurde, sei an dieser Stelle nochmals betont: Dringen die Menschen in den Lebensraum der Saurier ein, bestaunen sie weiterhin Tiere in ihrer (scheinbar) natürlichen Umgebung; sie können beobachten, wie die Wesen leben, ihre Tagesabläufe, ihr Revierverhalten und ihre Fressgewohnheiten studieren. Was für Herbivoren noch problemlos funktioniert, wird für die Eindringlinge zur Gefahr, wenn sie auf Karnivoren treffen. Bei solchen Gelegenheiten, kommt es eigentlich immer zu einer Auseinandersetzung – was im Normalfall heißt, dass die Menschen entweder um ihr Leben rennen oder sich verstecken. Dennoch handelt es sich bei den Angriffen der Karnivoren nahezu ausschließlich um ein nachvollziehbares Vorgehen: entweder bedrohen die Menschen ihren Nachwuchs oder ihr Revier. Der Spinosaurus in Jurassic Park IIIetwa attackiert die menschlichen Eindringlinge zunächst, lässt aber von ihnen ab, sobald er sich einer größeren Bedrohung, nämlich dem Tyrannosaurus, gegenübersieht.

Anders verhält es sich nun, wenn die Dinosaurier ihr angestammtes Habitat, ihr Revier verlassen. Es ist anzunehmen, dass ein jeder Saurier zunächst einmal sein Gehege als sein Revier annimmt. Er lebt dort, niemand konkurriert mit ihm. Sobald sich nun allerdings die Möglichkeit bietet, verlässt er das Gehege – etwa wenn aus irgendwelchen Gründen die Zäume nicht länger unter Strom stehen. In diesem Moment tritt der Saurier aus seinem Raum in den unseren ein, so wird er als Monster inszeniert. Es bricht etwas in unseren zivilisatorisch-menschlichen Raum ein, eine Bedrohung von außerhalb – von außerhalb der Zeit etwa – attackiert die Menschen auf ihrem eigenen Gebiet. Die zivilisatorischen Errungenschaften in Jurassic Worldsind optisch deutlich vom grünen Dschungel abgesetzt; so gesehen inszeniert der Film den alten Konflikt zwischen Natur und Kultur, zwischen Wildnis und Zivilisation. Klinisch saubere, fast steril wirkende Hightech-Erzeugnisse wirken als Kontrast zu urwüchsigem Regenwald. Eine ähnliche Argumentation findet sich auch bei Hans J. Wulff: Jener weist darauf hin, dass Zoos (und wie wir oben gesehen haben, handelt es sich um nichts anderes bei der Jurassic World) Orte seien, an denen die Gefährlichkeit der in ihnen gezeigten Spezies ausgeklammert werde. Zoos könnten als Manifestation eines zivilisatorischen Triumphs über die Natur gelesen werden. Letzten Endes wird die Zivilisation aber in die Knie gezwungen: Die Saurier werfen die Menschen aus ihrer Welt hinaus. Damit wird auch die Jurassic World vollends zu einem monströsen Ort – allerdings nur von außen betrachtet. Denn: Das Monster wirkt eben nur von außerhalb als monströs. Betritt der Mensch den monströsen Ort, dann ist er der Eindringling und die Dinosaurier sind eben genau das, was sie eigentlich sein sollten: Tiere in ihrem Habitat. 

Zu guter Letzt soll noch ein wesentlicher Aspekt des Monströsen thematisiert werden: seine Lesbarkeit. Getreu seiner lateinischen Etymologie (monstrare bedeutet zeigen) verweist das Monster stets auf etwas. Der Verweis impliziert nun eine bloße Zeichenhaftigkeit des Monströsen. Es bleibt nunmehr die Frage zu stellen, auf was ein monströser hybrider Dinosaurier (wie Indominus) verweist. Letzten Endes findet sich hierin wohl am ehesten eine Kritik an menschlicher Allmachtsphantasie manifestiert. Der geklonte Dinosaurier, das künstliche geschaffene Leben wendet sich gegen seinen Schöpfer. Der zum Standardrepertoire des Horrorfilms gehörende mad scientist(in unserem Fall: Henry Wu und sein Team aus Genetikern aka die Produktentwicklung) erschaffen in ihrem rücksichtslosen Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis ein Wesen, welches ihnen schließlich zum Verhängnis wird – wenngleich Wu immer zu entkommen vermag. Gepaart wird der wahnhafte Zwang zum Fortschritt mit rigoros kapitalistischem Denken der verantwortlichem in Park, Wirtschaft und Militär. Doch die künstliche Schöpfung wehrt sich – die Dinosaurier besiegen die Menschen, werfen sie aus ihrem neu geschaffenen Lebensraum und etablieren eine eigene natürlich Ordnung. Besonders deutlich wird dies im Übrigen in Gestalt der Raptoren: Sie sollen als Waffe des Militärs dienen, sollen zu Kampfmaschinen ausgebildet werden. Doch im ersten Einsatz wenden sie sich schließlich gegen ihre vermeintlichen Herren und dezimieren die Soldaten – moderne, zivilisatorische Waffentechnik hat keine Chance gegen urtümliche Naturgewalt.

 

Literatur:

 

Hans Richard Brittnacher: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der Literatur. Frankfurt a. M. 1994.

 

Annina Klappert: Monster machen. In: Achim Geisenhanslüke, Georg Mein (Hrsg.): Monströse Ordnungen. Zur Typologie und Ästhetik des Anormalen. Bielefeld 2009. S. 125–164.

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