Interview mit Herausgeber Phillip Helmke

 

Im Kopf leben heißt die neuste Veröffentlichung vom scius Verlag. Nach dem tragischen Tod der Autorin Suna S. Yilmaz hat Phillip Helmke die Herausgabe ihrer Literatur übernommen. Wir haben ihn für euch interviewt.

 

scius: Hallo Phillip, schön, dass wir uns treffen konnten. Kannst Du uns zunächst etwas über die Autorin erzählen?

 

Phillip: Hallo Christin, danke, ich freue mich über die Anfrage! Suna war zunächst eine Kommilitonin von mir, die ich im Bachelorstudium kennengelernt habe. Wir haben zusammen Germanistik studiert, ihr Zweitfach war Philosophie. Eine Anekdote: Als wir uns kennenlernten, saßen wir im Seminar „Einführung in die Literaturdidaktik“ über Eck nebeneinander und das Erste, das sie zu mir in einem äußerst ironischen Ton sagte, war: „Schickes Hemd!“ Nach diesem Vorfall sah ich mein olivgrünes Hemd schlagartig mit anderen Augen, das – zugegebenermaßen – nicht unbedingt zu Komplimenten aufforderte. Im Nachhinein erzählte Suna mir, dass sie mit dem Spruch meinen Charakter testen wollte – es war wohlgemerkt unser erster Austausch. Ich habe den Affront gegen mein Hemd mit Humor genommen und wenn schon den modischen nicht, immerhin den charakterlichen Eignungstest bestanden. Suna konnte äußerst humorvoll und ausgelassen sein.

 

scius: Weiß man, ob die Autorin etwas veröffentlichen wollte?

 

Phillip: Da Suna keine Notiz dazu hinterlassen hat oder Ähnliches, war nicht mit letzter Sicherheit zu sagen, welche Texte sie hätte veröffentlichen wollen. Diese Entscheidung lag in meinem Ermessen. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass die deutliche Mehrzahl der Texte, die sie hinterließ, zur Veröffentlichung geeignet wäre. Daher war zunächst auch geplant, eine Werkausgabe herauszugeben. Der enorme Textkorpus, insbesondere des erzählerischen Werkes, müsste aber zunächst eingehend überprüft werden. Das ist ein sehr sensibler Akt. Hierfür würde ich ungern Entscheidungen treffen, ohne die Familie der Autorin einzubeziehen, die hierfür noch Zeit braucht. Zunächst habe ich mich also dazu entschieden, die Lyrik inklusive ihrer Poetry Slams und ein Theaterstück herauszugeben, weil diese Texte ihren künstlerischen Anspruch besonders gut abbilden. Die gebundene Rede und die elaborierte und kunstvolle Sprache sind etwas, für das sie wirklich stand. Grundsätzlich war ihr Wunsch, eigene Gedanken und Kunstwerke – ob Texte, Bilder oder Songs – mit der Welt zu teilen, stark ausgeprägt, zumal sie im zarten Alter von 16 Jahren schon ihren ersten Kriminalroman Versprich mir veröffentlichte.

 

scius: Hat sie Dir oder anderen Freunden selbst Texte zum Lesen gegeben?

 

Phillip: Das Theaterstück Mimis Leiden. Die tägliche neue Wahrheit. habe ich auf ihren Wunsch schon vor drei Jahren gelesen und war wirklich begeistert. Ich kannte auch schon einige Gedichte. Mit ihrer besten Freundin tauschte sie sich ebenfalls viel aus, war also generell sehr an Feedback interessiert. Besonders beim Theaterstück war ihr das wichtig, weil sie, so glaube ich, wusste, dass sie da etwas Einmaliges geschrieben hat.

 

scius: Was war Dein persönlicher Grund, Herausgeber werden zu wollen?

 

Phillip: Es muss sich jemand um die Herausgabe ihrer Literatur kümmern, wenn sie nicht vergessen werden soll. Da ich in ihrem Freundeskreis derjenige bin, der am meisten mit Literatur zu tun hat, habe ich meine Arbeit angeboten – da ist ein Literaturstudium tatsächlich für etwas gut, wer hätte das gedacht! Für mich selbst war es eine wertvolle und spannende Erfahrung, einen solchen Prozess aktiv mitzugestalten; das habe ich in der Form noch nie gemacht. Gleichzeitig war das ganze Projekt emotional sehr fordernd. Es handelt sich ja nicht um die Herausgabe der Literatur eines beliebigen Autors oder einer beliebigen Autorin. Daher war es eine stete Herausforderung, mit kühlem Blick auf die Texte zu schauen, was bisweilen schwerfiel. Ganz idealistisch gesprochen wollte ich mit dem Vorhaben Sunas tragische Geschichte in eine positive und produktive Zukunft verwandeln, nicht zuletzt für ihre Familie und Freunde. Ein Teil von ihr lebt weiter.

 

scius: Was war für Dich auf dem Weg zur Veröffentlichung zu tun?

 

Phillip: Zunächst mal habe ich mir einen Überblick darüber verschaffen müssen, wie der Textkorpus überhaupt aussieht. Dazu gehörten natürlich auch praktische Angelegenheit, wie z.B. der enge Kontakt mit Sunas Freundeskreis, ihren Eltern und dem Verlag. Ich habe immer versucht, alle mit ins Boot zu holen, was mal besser, mal schlechter gelungen ist – für alle Parteien war das Projekt sehr intensiv.

Während der Arbeit habe ich mich schnell für die Anordnung der Texte nach Genres entschieden, weil so meiner Meinung nach ein möglichst kohärentes Buch entstehen kann. Innerhalb dieser Genres habe ich die Texte nach der Entstehung bzw. Digitalisierung angeordnet, weil eine willkürliche Aufbereitung nach subjektiven Kriterien weder sinnvoll wäre noch mir persönlich zustünde. Dann habe ich mich um das Editorial gekümmert, damit mein Vorgehen sichtbar und die Literatur ansatzweise eingeordnet wird – wichtig war mir hier, mich kurz zu halten und keine Literaturkritik zu schreiben, die ich als Herausgeber gern anderen überlasse.

Am schwierigsten war es für mich, den Klappentext zu schreiben, weil der erste Eindruck unheimlich wichtig ist, wenn man ein Buch in der Hand hält. Ich wollte nicht zu viel Deutung hineingeben, aber auch nicht zu technisch werden. Ob es mir gelungen ist, wird sich wohl zeigen. Grundsätzlich war mein Anspruch, ein ästhetisch ansprechendes Buch herauszugeben. Nichts weniger hätte auch Suna gewollt, in dem Punkt gibt es keinen Zweifel.

 

scius: Welche Schwierigkeiten gab es bei der Umsetzung?

 

Phillip: Am schwierigsten war es, das Spannungsverhältnis folgender Fragen auszutarieren: Welche Texte repräsentieren Suna bestmöglich? Welche Texte hätte sie veröffentlichen wollen? Welche Wünsche bestehen seitens ihrer Familie und Freunde? So eine Publikation ist ein sensibles Unterfangen, da sie potenziell eine längere Lebensdauer hat als wir alle zusammen und somit einen bleibenden Eindruck hinterlässt. Geschichtsschreibung hat immer definitorische Macht, ebenso wie eine solche Veröffentlichung. Ich denke aber, dass ich dieser schwierigen Aufgabe bisher gerecht geworden bin. Außerdem war das Projekt für mich eine Herzensangelegenheit, was grundsätzlich sehr schön ist, aber daher wie gesagt emotional nicht immer einfach war.

 

scius: Was möchtest Du den Lesern mit auf den Weg geben?

 

Phillip: Ich empfehle, sich während der Lektüre von der bedrückenden und dunklen Stimmung nicht überwältigen zu lassen, sondern besonders die Umschlagmomente wahrzunehmen, in denen zum Teil eine absolute Lebensbejahung spürbar ist, ja sogar ein kühner Schritt nach vorne auf der Bühne der Welt, wie zum Beispiel im Slam An das Leben, Für das Leben. Man sollte die Sprache an sich heranlassen und nicht gleich zurückschrecken, was zugegebenermaßen eine Herausforderung darstellt. Aber es lohnt sich! Im Buch geht es um mehr als die dunklen Seiten des Lebens. Das wird besonders im Theaterstück deutlich, das philosophisch, progressiv und politisch ist. Der gesellschaftspolitische Impetus der Gleichberechtigung oder des Feminismus’ ist so fortschrittlich, weil es vielmehr um absoluten Humanismus geht. Es geht nicht darum, zu sagen: „Männer an den Pranger!“, sondern darum, Geschlechterklischees aufzubrechen und gesellschaftliche Erwartungshaltungen zu dekonstruieren – so beispielsweise auch im Poetry Slam Für die Gleichberechtigung. Es geht um Versöhnung, und darum, Vielfalt und Toleranz als verbindliche Normen zu etablieren. Davon könnte sich mancher allmachtsfantastische Feminismus eine Scheibe abschneiden, um mal eine steile These zu formulieren, über die man sich empören kann. Sunas Ideen werden literarisch wirklich erlebbar. Das Buch ist keine leichte Kost, aber dafür erkenntnisreich und birgt das Potenzial, den eigenen Horizont zu erweitern. Was will man mehr?

 

scius: Welche Zielgruppe hat das Werk Deiner Meinung nach?

 

Phillip: Es gibt naturgemäß einen starken Regionalbezug, da Suna in Hannover lebte und hier gewirkt hat. Über die Bekanntmachung im Uni-, Familien- und Freundeskreis hinaus muss man nun schauen, welche Platzierung im Buchhandel möglich ist. Ich glaube, dass es sich bei Im Kopf leben um eine spezielle Lektüre handelt, um ein Liebhaberstück. Wir bedienen keine Masse damit – Popliteratur geht anders. Das Ziel war es auch nicht, sich an eine Masse anzubiedern. Das würde gar nicht funktionieren. Dafür ist es aber beispielsweise theatertheoretisch und -praktisch sehr interessant! Vielleicht kann man die Publikation mit einem Projekt des Studienganges „Darstellendes Spiel“ vom Deutschen Seminar der Leibniz Universität hier in Hannover verbinden. Das wäre natürlich ein Traum.

Um nochmal auf die Zielgruppe zu sprechen zu kommen: Sicherlich ist das Buch auch grundsätzlich für Menschen von Interesse, die gern psychologisch denken und lesen. Ich bin davon überzeugt, dass die Aspekte Psyche, Kreativität und literarische Produktivität dynamisch miteinander zusammenhängen und hier gut abgebildet werden. Gleichzeitig ist mir wichtig, dass man Im Kopf leben nicht auf ein psychopathologisches Dokument reduziert, sondern durch die Lektüre eine Welt entdeckt, in der Suna lebte – im Kopf, sozusagen. Schaut man genau hin, scheint diese Welt durch die teils erschütternde Sprache klar hindurch.

 

scius: Welche Reaktionen erwartest Du von der Leserschaft?

 

Phillip: Erst einmal liegt eine gewisse Bedrücktheit nahe, alles andere würde mich überraschen. Sicherlich liegt es auch nahe, an die Autorin zu denken und biographisch zu lesen – immerhin führen wir gerade ein Interview auch über die Autorin. Das ist auch völlig okay, Autorinnen und Autoren sind nun mal interessant – daran kommt sogar die Literaturwissenschaft nur schwer und mit fragwürdigen Morden vorbei, die Franzosen kennen sich da besonders gut aus. Wie auch immer: Nach den ersten Eindrücken schaut man sicherlich nochmal anders auf die Texte und lässt sich auf sie ein, wenn man möchte. Meine Hoffnung ist, dass die Sprache als solche und die Ideen, die dahinterstehen, wirklich durchdringen.

 

scius: Warum empfiehlst Du, dieses Buch zu kaufen?

 

Phillip: Ich behaupte aus eigener Erfahrung, dass es in der Gegenwartsliteratur nicht immer selbstverständlich ist, Bücher zu finden, die einen auch nach mehrmaliger Lektüre wirklich berühren und herausfordern, die einen auf existentielle Fragen zurückwerfen, die etwas zu sagen haben! Das hatte Suna: etwas zu sagen. Das darf auch mal unangenehm sein, denn das Unangenehme gehört zum Leben genau wie die positiven Wendepunkte und Auftriebe, die es doch wieder lebenswert machen – Ying und Yang. So ist es auch im Buch, eine Lektüre der Extreme, aber genau darin liegt eine große Stärke von Im Kopf leben. Also: Am besten bestellen und selbst ein Bild machen!

 

scius: Vielen Dank für dieses ausführliche Interview!

 

Phillip: Ich bedanke mich, jederzeit gern wieder!

 

 

 

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