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Von Optimierungszwang und beiläufiger Entkörperung. Zur Krise von Hollywoods Cyber-Punk-Adaptionen.

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

Westliche Filmschaffende scheinen derzeit vom japanischen Cyber-Punk der 1990er nicht die Finger lassen zu können. Das gilt ebenso für Ghost in the Shell von 2017 wie für den aktuellen Kinofilm Alita: Battle Angel. Für beide Filme wurde viel Geld aufgewendet, um jeweils einen Klassiker der asiatischen Popkultur einem neuen Publikum zugänglich zu machen – und beide scheiterten sowohl bei der Fangemeinde, den KritikerInnen als auch an der Kasse. Woran liegt’s? Vielleicht kann ein vergleichender Blick sowohl auf die Erzählstrukturen der Adaptionen als auch auf ihre Unterschiede zum Original Aufschluss geben.

 

Denn sowohl Ghost in the Shell als auch Alita: Battle Angel waren mit äußerst großzügigen Budgets rund um die 200 Millionen Dollar-Marke ausgestattet. Dementsprechend ordentlich war die jeweilige visuelle Umsetzung, mit welcher vor allem Ghost in the Shell überzeugen konnte. Set und Ausstattung der Filme zeugten von Liebe zum Detail, sodass die gezeigten Welten weit über ein seelenloses CGI-Gewitter hinausgingen. Und auch schauspielerisch wurde einiges geboten: In den Haupt- und/oder Nebenrollen durften wir Stars wie Scarlett Johansson, Christoph Waltz oder Mahershala Ali bestaunen. Trotzdem floppten beide Filme und fielen bei weiten Teilen des Publikums eher durch.

 

Die Antwort für das Scheitern der Filme liegt nicht in ihrer Produktion, sondern in ihren Geschichten: Beide Stoffe fragen mit unterschiedlicher Tiefe nach dem Sitz der Seele und generell nach dem, was uns zum Menschen macht. Sowohl auf visueller als auch auf inhaltlicher Ebene erzählen die Originale auf ihre Weise von der Flüchtigkeit und auch der Fragilität menschlicher Existenz. Hierfür ist der Cyber-Punk mit seinen düsteren Zukunftsvisionen natürlich ein hervorragendes Genre; deswegen verwundert es nicht, dass sich Hollywood irgendwann der beiden prägenden Werke annahm. Es scheint jedoch, dass die verantwortlichen ProduzentInnen eine gewisse Sorge um den Intellekt und die Abstraktionsfähigkeit ihres Publikums umgetrieben hat: Nur wenig davon trauten sie ihren ZuschauerInnen zu. Und deshalb sind die offensichtlichsten Unterschiede der US-Adaptionen zu ihren Vorbildern eben auch die gravierendsten, beginnend bei den Figuren und ihren Ambivalenzen. Während die Haupt- und Nebenfiguren in den Originalen moralisch höchst fragwürdige Entscheidungen treffen, sind sie in den aktuellen Filmen durchweg entweder gut oder böse. Es ist kein Zufall, dass Alitas Love Interest Hugo (im Original: Yugo) 2019 lediglich Cyborgs plündert, um sich so seinen Platz in der Himmelstadt Zalem zu erkaufen. Die Teile eines Cyborgs sind schließlich – und im Film auch visuell – eindeutig nicht menschlich. Sie sind ersetzbar und austauschbar.

 

Robert Rodriguez, der Regisseur von Alita: Battle Angel und James Cameron, die eigentliche treibende Kraft hinter dem Projekt, begrenzen so alles Menschliche auf eine sehr klare und biologisch-physische Weise: maschinelle oder elektronische Geräte sind nicht Bestandteil dessen, was in seiner Gesamtheit einen Menschen ergibt (TrägerInnen von Herzschrittmachern oder anderen künstlichen Körperteilen würden eventuell widersprechen). Deshalb können alle Charaktere in ihrem Film auch ohne diese Teile (oder gesamte Körper) problemlos weiter existieren. Und deshalb muss die Figur des Hugo, um ein einwandfreies Love Interest für Alita sein zu können, auch Cyborg-Körper zerteilen. Im Original töten er und seine Freunde jedoch Menschen, um an deren Wirbelsäulen zu gelangen und mit diesen zu handeln – ein moralischer Makel, den Hollywood auf keinen Fall zulassen konnte und der dem Hugo von 2019 enorm an Tiefe nimmt.

 

Für das zweite Beispiel, Ghost in the Shell, war ebenfalls entscheidend, wo genau die Grenze von Mensch und Maschine gezogen wird. Der kultige Anime von 1995 ließ diese Frage bewusst offen, denn der titelgebende „Ghost“ eines Menschen konnte in einen vollständigen Cyborg-Körper verpflanzt werden. Was genau also wurde dort verpflanzt? Und warum wurde gerade nicht von der Seele gesprochen? 2017 entschied man sich, weniger gewundene Pfade zu beschreiten und verpflanzte schlicht das Gehirn eines Menschen in einen künstlichen Körper. Frage geklärt: Das Hirn ist eben der Sitz der menschlichen Seele. Alita: Battle Angel handhabt es ganz genauso. Dabei strafte der Original-Manga, Battle Angel Alita, diesen Ansatz schon Lügen, als offenbart wurde, dass die Gehirne sämtlicher BewohnerInnen von Zalem durch einen Computer-Chip ersetzt worden waren. Obwohl Battle Angel Alita zugegebenermaßen nie ganz so ambitioniert und tiefgründig wie Ghost in the Shell sein sollte, warf der Manga auf diese Weise doch immer wieder interessante Fragen auf: Wohin führt die allgegenwärtige Ökonomisierung und Optimierung von Arbeit und Leben? Nachdem Alita nur seinem Kopf das Leben retten konnte, strebt Yugo/Hugo als Mensch-Maschine auf den Pipelines Richtung Zalem. Die Verzweiflung, mit der er sein unerreichbares Leben erklimmen will steht im bedrückendem Kontrast zu seiner entkörperten Existenz – unweigerlich stellt sich die Frage, was sein Leben nun noch wert ist, nachdem er alles für Wohlstand und Ansehen geopfert hat. Diese Tragik, mit der die Figuren in beiden Werken sich entweder selbst entmenschlichen, indem sie sich nach und nach in Cyborgs verwandeln, oder von ihrem Gegenüber entmenschlicht werden, indem man sie in künstliche Körper verpflanzt, fehlt den aktuellen Adaptionen.

 

Letztlich untergraben die Erzählungen der Filme durch die Verknüpfung eines physischen Organs mit der metaphysischen Seele sich selbst. Die in expliziten Bildern gezeigte Entkörperung der Menschen wird durch die Notwendigkeit ihrer biologischen Gehirne gleichzeitig entschärft. Unsere Körper unterliegen kapitalistischen Zwängen, werden ausgetauscht und verbessert. Lediglich unser Verstand bleibt davon – scheinbar – frei. Oder wie es in Ghost in the Shell 2017 so neckisch ausgedrückt wird: „Dein Ghost gehört dir.“ Damit verzichtet Hollywood letztlich auf erzählerische Möglichkeiten und Komplexität, was dem Genre des Cyber-Punks nicht gerecht wird. Und gerade der Cyber-Punk bietet so viele Möglichkeiten, sowohl in die Zukunft der Technik als auch in die Zukunft unseres Verhältnisses zu ihr zu blicken.