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Real Life Cyborgs – Der Mensch und die Maschine

Real Life Cyborgs – Der Mensch und die Maschine

Ein Beitrag von M. Bertram

 

Unsere Sinne sind unser Tor zu Welt. Ein weit geöffnetes Tor, wohlgemerkt, denn wir hören das Meeresrauschen, spüren Erdbeben, fühlen warme Sonnenstrahlen auf unserer Haut und sehen die Fülle und Farben der Natur, die uns umgibt. Doch all dies vermögen auch technische Geräte zu registrieren und aufzuzeichnen. Dabei sind sie oft viel präziser als unser so fehlbares menschlichen Sinnesvermögen. Wie stark war das Erdbeben, wie warm wird unser Körper genau? Eine simple Messung genügt und gibt uns vergleichbare Angaben, die wir für objektiv halten. Und die Technik kann noch viel mehr. Sie bestimmt etwa gefährliche UV-Strahlung, die den Augen verborgen bleibt und unsere Haut verbrennt. Ein Ultraschallgerät zeigt den Fötus vor seiner Geburt, optische Instrumente ermöglichen den Blick in größte Ferne und nächste Nähe. Wenn der Mensch sich die Technik dienlich macht, wird er sich der Limitationen seines eigenen Wahrnehmungsvermögens bewusst, seines anthropozentrischen Zugangs zur Welt. Auch der Vergleich zum Tierreich lässt erahnen, welche erstaunlichen Aspekte der Umwelt unserer täglichen Auffassung entgehen müssen. An dieser Stelle male man sich den stolzen Delfinvater aus, der über sein Sonarorgan das ungeborene Junge im Leib seiner angebeteten Delfindame tagtäglich heranwachsen sieht, wenn er von der Arbeit im Meer nach Hause kommt. Und wie wäre es eigentlich, eine Fledermaus zu sein? Aus diesen Gedanken entwickelt sich schnell eine simple Idee, eine transhumane Idee – die Idee des Cyborgs. 

 

Was wäre, wenn Mensch und Maschine verschmölzen? Welche neue Sicht auf die Welt würde uns der „kybernetische Organismus“, kurz: Cyborg, ermöglichen? Im erweiterten Sinne seiner Definition könnten wir bereits jeden Brillenträger zum Cyborg erklären. Selbst eine engere Auffassung, bei der ein technisches Instrument in den Körper seines Trägers implantiert sein muss, ist in Form von etwa Herzschrittmachern oder Prothesen längst gängige medizinische Praxis. Philosophisch Interessant wird der Cyborg dort, wo er die eigentliche körperliche Kapazität des Menschen nicht bloß restauriert, sondern transzendiert. Das Beispiel des New Yorker Künstlers und Cyborgs Neil Harbisson soll die Möglichkeiten dieser Idee veranschaulichen – er ist ist Mitbegründer und Gallionsfigur der Cyborg Foundation – einer Bewegung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschen die Transformation zu einem Cyborg zu ermöglichen. Sie kämpft für deren Rechte und verbreitet Cyborg-Kunst. Dabei distanziert sie sich bewusst von Formen künstlicher Intelligenz und konzentriert sich auf den Bereich künstlicher Sinne.

 

Neil Harbisson lebt ohne funktionsfähige Zapfen, die Farbrezeptoren auf der Netzhaut unserer Augen. Für gewöhnlich sind Menschen mit diesem meist angeborenen Defekt vollkommen Farbenblind, leiden also an einer Achromatopsie. Harbisson jedoch kann Farben wahrnehmen. Unterstützt von Technikern und Medizinern hat er ein medizinisches Gerät, ein Organ entwickelt, den „Eyeborg“. Dieser kann Farbinformationen aus seiner Umwelt über eine Antenne vor der Stirn registrieren und in akustische Signale umwandeln. Über einen Chip, der in den Schädelknochen implantiert und mit diesem verwachsen ist, werden diese Signale in Vibrationen umgewandelt und über Knochenfortleitung zu den Sinneszellen der Ohren weitergeleitet. Harbisson kann Farben hören: eine Sonochromatopsie, wie er es selbst bezeichnet.  Rot ist tief und Violett am höchsten, entsprechend der Farben des Regenbogens und innerhalb des Tonumfangs einer Oktave. Nach einer schwierigen Zeit der Kopfschmerzen und Eingewöhnung ist Harbisson ist in der Lage, die erlernte Kombination aus Farbton und Klang intuitiv zu erkennen, etwa so, wie wir lernen können, eine Fremdsprache zu verstehen. So wird für ihn ein Ausflug in ein Kunstmuseum zu einem ganz neuen Erlebnis. Er beginnt die Farben der Gemälde zu hören und erschließt eine unbekannte Dimension in der Kunst. Genauso neu und aufregend erlebt er aber auch jeden Besuch im Supermarkt. Er entwickelt einen eigenen Farbgeschmack, kleidet sich in hübschen Akkorden. Um seine Wahrnehmung auch anderen zugänglich zu machen, beginnt er, Klangporträts zu zeichnen, besonders von Gesichtern bekannter Persönlichkeiten. Diese mögen zwar hübsch aussehen, einige klingen aber scheußlich. Umgekehrt lernt er auch Alltagsgeräusche als Farben wahrzunehmen und zeichnet Bilder von berühmten Liedern und Reden. 

 

Als er unser Farbspektrum, den dem menschlichen Auge zugänglichen Anteil elektromagnetischer Wellenlängen, beherrscht, entscheidet sich Harbisson, seiner Wahrnehmung um andere Farben zu erweitern. Er fügt seinem persönlichen Farbspektrum Ultraviolett und Infrarot hinzu, die Antenne erkennt sie mühelos. In einem weiteren Schritt entschließt er sich, über einen weiteren Chip online zu gehen, um externe Signale von Freunden zu empfangen. Plötzlich beherrscht Harbisson Dinge, von denen wir vorher kaum zu träumen wagten. Er hört, wenn sich ein Bewegungsmelder im Raum befindet, oder wann er sich im Sommer eincremen muss, um sich vor starker UV-Strahlung der Sonne zu schützen. Er empfängt Bilder von der Internationalen Raumstation und blickt in ein wundervoll buntes All, nicht schwarz, sondern voll verschiedenster Strahlungen. 

 

Der technische Fortschritt scheint vor keinem Lebensbereich haltzumachen. Smartphones, Smart Homes – sind Smart Bodys die logische Konsequent? Wir sind heute in der Lage unsere Körper technisch zu optimieren und uns damit einen anderen Blick auf die Realität zu ermöglichen. Dies ist sicherlich keine natürliche Entwicklung und eröffnet somit ein riesiges ethisches Diskussionsfeld. Darf der einzelne an seinem menschlichen Körper experimentieren? Welche Ärzte sollen diese Entwicklung tragen? Es ist denkbar, dass einige Optimierungen zu wesentlichen Vorteilen führen, etwa im beruflichen Umfeld. Wer darf dann noch Zugang zu Cyborg-Techniken erhalten? Diese Diskussionen werden mit großer Vor- und Umsicht geführt werden müssen, analog zu Diskussionen um etwa die künstliche Intelligenz oder künstliche Schaffung von Leben. 

Es darf aber relativierend dagegengehalten werden, dass der Cyborgismus in seiner beschriebenen Form in erster Linie eine Form der Kunst ist. Ein kleiner Blick in die Szene zeigt weitere faszinierende Beispiele, etwa von dem taubstummen Musiker Myles de Bastion oder der Senstronautin Moon Ribas, die Mondbeben über Vibrationen in ihren Füßen spüren kann. Zuletzt eine Download Empfehlung: mit der kostenlosen „Eyeborg“-App können wir Harbissons akustisches Farbverständnis nachvollziehen. Dieser Cyborgnismus zielt nicht etwa auf Innovation ab, sondern bildet das Leben in aller Schönheit und Kreativität ab.