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»All Flesh must be eaten«: Zombies gestern, Zombies heute

Assembléetest dessin personnel, CC-BY-SA 3.0

 

von Jan Niklas Meier

 

»Spiel nicht den Helden! Kontrollier den Rücksitz!« So ermahnt sich ein junger Mann, der ganz allein in einem von Zombies verseuchten Amerika unterwegs ist. Dumm nur, wenn man dann irgendwann auf allerlei verrückte Weggefährten trifft, die es einem unmöglich machen, die selbstauferlegten Regeln auch einzuhalten. Zum Glück aber sind die vom Virus Befallenen langsam. Und dumm. Ziemlich dumm. Eigentlich werden sie nur von ihren Trieben gesteuert. Einem einzigen Trieb, um genau zu sein: dem Bedürfnis nach Fressen. Man kann sich der besagten Zombies also relativ gut erwehren. Tatsächlich macht es sogar richtig Spaß, sich ihrer zu entledigen. So großen Spaß, dass daraus sogar ein Wettbewerb entsteht: der Zombie-Kill der Woche! Columbus – unser regelliebender Freund –, Tallahassee, Wichita und Little Rock, die Protagonisten aus »Zombieland«, kommen demnach ganz gut mit der Apokalypse zurecht. Das geht allerdings nicht allen leidgeplagten Überlebenden so, die sich in einer Welt behaupten müssen, in der hinter jeder Ecke hungrige Untote auf sie warten. So haben die Helden aus The Walking Dead deutlich weniger Spaß, wenn sie sich mit ihrer postapokalyptischen Umgebung arrangieren müssen. Und solche Umgebungen gibt es genug. Die Zombie-Apokalypse hat Hochkonjunktur und flimmert in verschiedensten Spielarten über die Bildschirme dieser Welt.

 

Die Geburt eines Mythos

Der Zombie ist ein Monster mit Geschichte. Der Begriff als solcher entstammt dabei der afrikanischen Kimbundu-Sprache und bedeutet so viel wie »Totengeist«. Durch die Verschleppung von Afrikanern nach Mittelamerika im Zuge der Sklaverei, vermischten sich – insbesondere in Haiti auf der Insel Hispaniola – Elemente afrikanischer Kulte mit Teilen christlichen Glaubens zu einem vielschichten Synkretismus. Unter der US-amerikanischen Besatzung Haitis flossen nun Teile dieser Vorstellungen, dieses Voodoo-Kultes in die USA und wurden Teil der populären Kultur. Innerhalb des Glaubens versteht man unter einem »zombie cadavre« einen Menschen, der mit Hilfe eines Pulvers getötet wird, um dann als willenlose Marionette des Voodoo-Priesters wieder aufzuerstehen. Ethnologen haben lange nach einer Erklärung für dieses rätselhafte Phänomen geforscht und versucht, die Zusammensetzung besagten Pulvers zu entschlüsseln. Bislang erfolgte Erklärungsversuche reichen von der vermeintlichen Identifizierung der Substanz als Kugelfischgift bis dahin, die scheinbaren Zombies als berauschte oder psychisch kranke Obdachlose darzustellen. Trotz aller wissenschaftlichen Bemühungen, den Mythos zu entzaubern, bleibt der Zombie als Verkörperung einer unserer Urängste, der Furcht vor der Wiederkehr der Toten, bestehen. So gesehen ist das Motiv wesentlich älter, kann vielleicht gar als menschheitsgeschichtliche Universalie begriffen werden, wie der Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger schreibt. Auch das Christentum kennt – in Gestalt von Jesus selbst – den Wiedergänger, erhebt sich der Heiland doch nach drei Tagen aus seinem Grab.

Filmplakat Zombieland © Columbia Pictures

 

Der politische Zombie

Doch zurück zum Zombie. Bald nach der Ausbreitung des Mythos auf dem nordamerikanischen Kontinent, nahm sich Hollywood des Motivs an. Victor Halperins »White Zombie« von 1932 ist wohl der erste Vertreter seiner Art und begründete neben dem Zombie als Leinwandfigur auch gleich seine politisch-kulturkritische Konnotation, die später bei George A. Romero ihren Höhepunkt finden sollte, indem der Film Kolonialismus-Kritik und religiösen Synkretismus auf teils überaus bedrückende Weise vermengt. Auf der Suche nach diesem politischen Zombie müssen wir uns für eine Weile aus Hollywood entfernen und den Blick in das Pittsburgh des Jahres 1968 richten. Von hier aus brachte Romero, der heute verdientermaßen zu den Begründern des modernen Horrorfilms gezählt wird, eine bahnbrechende Independent-Produktion auf die Leinwand: »Night of the Living Dead«, eine kritische Abrechnung mit der zeitgenössischen amerikanischen Gesellschaft. Hier dient ein einsames Landhaus – ein Motiv, das bekanntermaßen später des Öfteren im Zombiefilm wiederkehren wird – als letztes Bollwerk gegen die anrückenden Horden von Untoten. Eine Gruppe von Überlebenden findet dort Zuflucht, doch bald entbrennen Konflikte unter den Eingeschlossenen. Jener scheinbar wahllos zusammengewürfelte Haufen unterschiedlicher Individuen dient Romero als Spiegelbild der amerikanischen Bevölkerung der ausgehenden 1960er Jahre. Auch die Handlung des Films treibt die Kulturkritik voran; so sind es etwa die Jugendlichen Tom und Judy, die beim Fluchtversuch durch eine Explosion zu Tode kommen und so einer destruktiven Gesellschaft den Spiegel vorhalten, die in Vietnam ihre Jugendgeneration zerstört. Das Kind attackiert seine Mutter, der Vater entpuppt sich als Rassist, zuletzt kämpft jeder nur noch um das eigene Überleben – drastische Indikatoren einer nicht nur politisch zerrissenen Gesellschaft. Die Konflikte zwischen den Menschen bringen keinen Gewinner oder Verlierer hervor, sie ebnen nur dem gemeinsamen Feind den Weg. Letzten Endes ist es der Farbige, Ben, der als letzter Überlebender den Zombies entkommen kann – nur, um von der anrückenden Bürgerwehr erschossen und zusammen mit den Untoten auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Sind es nun vielleicht gar nicht die Zombies, die das Ende der Menschheit herbeiführen?

Filmplakat Dawn of the Dead © Laurel Group

 

Nicht nur der amerikanische Film nutzt den Zombie als Mittel der Gesellschaftskritik. So zeichnet spanische Genrevertreter häufig eine anti-katholische Prägung aus, die aus dem Widerstand gegen das Franco-Regime erwachsen ist. Hier hatte die katholische Kirche eine zentrale Rolle als Stützpfeiler der Macht des Diktators inne, indem sie unter anderem, im Gegenzug für weitreichenden gesellschaftspolitischen Einfluss, die Herrschaft des Regimes legitimierte. Als Beispiel mag uns Amando de Ossorios Muertos-sin-ojos-Reihe (ab 1971) dienen. Dass die Taten der Kirche während der vierzigjährigen Diktatur heute keineswegs verziehen sind, bewies unlängst »Rec« (2007). Hier forscht ein vatikanischer Priester an einem Zombie-Mädchen nach dem Heilmittel eines Virus, das in höchsten kirchlichen Kreisen als Auslöser dämonischer Besessenheit gesehen wird. Als die Situation eskaliert, muss der Geistliche fliehen. Er lässt das infizierte Mädchen zurück, welches nun die Bewohner des gesamten Hauses zu Zombies macht.

 

Zurück in den USA schlägt auch Romeros zweiter Zombiefilm deutlich kritische Töne an und etabliert unsere Untoten als Mittel der Konsumkritik bzw. -satire. In »Dawn of the Dead« (1978) schlägt sich eine kleine Zufallsgemeinschaft von Überlebenden eines groß angelegten Untergangsszenarios bis zu einem verlassenen Einkaufszentrum durch. Zombies durchstreifen die Flure, wie sie es bereits im Leben getan haben, offenbar unfähig, Gewohnheit und Erinnerung zu entkommen. Warum sonst kommen sie in Massen zur Shopping-Mall? Der Film selbst gibt uns die Antwort: Sie kehren an den Ort zurück, der ihnen im Leben am wichtigsten war. Selbst nach ihrem gewaltsamen Tod sind jene bedauernswerten Individuen nicht in der Lage, den Zwängen ihres fremdgesteuerten Lebens zu entkommen. Auch der Zombie muss konsumieren, insbesondere ein Produkt des Kapitalismus hat es ihm angetan: wir! Das Jahr 2015 dreht diesen Spieß schließlich um, wenn »The Rezort« die Apokalypse überwindet und die letzten Zombies auf einer einsamen Insel in Gehegen hält, um sie dort von einer neureichen Oberschicht mit automatischen Waffen in Fetzen schießen zu lassen. Dass wir alle letzten Endes nichts als Zombies sind, infiziert vom Virus des westlichen Kapitalismus, versucht uns die Künstlergruppe »Rem:Brand« zu zeigen, wenn sie Prominente als Zombies fotografiert.

Filmplakat The Rezot © Ascot Elite Home Entertainment

 

Zombie-Trash, Zombie-Komödie

Neben dieser ernsthaften Spielart des Zombies, kennt die Figur natürlich auch andere Ausformungen. Am Beginn einer parodistischen Verzerrung des Untoten steht sicherlich das Musikvideo zu Michael Jacksons »Thriller« aus dem Jahr 1983, in welchem sich der Popstar selbst in einen Zombie verwandelt. Nach dem schwarzhumorigen »Return of the Living Dead« (1985) ist es wohl vor allem Peter Jacksons »Braindead«, der den Trash-Zombie für Filmfreunde adelt. Die Bisse eines obskuren Rattenaffen verwandeln die Bewohner einer Vorstadtsiedlung nach und nach in rasende Untote, deren Ausbreitung schließlich nur durch beherzten Einsatz eines Rasenmähers gestoppt werden kann – ein wahrer Meilenstein in der Geschichte des Horrorfilms. Mit Schwung in die Welt der kommerziell erfolgreichen Komödien katapultiert wurde der Zombie 2010 schließlich durch »Zombieland«, der über 100 Millionen Dollar einspielte und damit Zack Snyders Neuverfilmung von »Dawn of the Dead« (2004) als bis dato erfolgreichsten Zombiefilm ablöste. In jüngerer Zeit schließlich sind es die Klassiker des Genres, die den Protagonisten des heutigen Tages dabei helfen, mit den Untoten fertig zu werden. So dient Romeros Meisterwerk der Ärztin Liv Moore, die sich in iZombie durch den Kratzer eines mit der Modedroge »Utopium« Infizierten in einen Wiedergänger verwandelt, zur Recherche hinsichtlich des Umgangs mit ihrem neuen Selbst.

 

Der Zombie als Kulturprodukt

Liv Moore wird durch den Kratzer eines Mannes, der auf einer Party eine mysteriöse Substanz konsumiert, zum Zombie, während die Protagonisten in »Night of the Living Dead« aus dem Fernsehen erfahren, dass atomare Strahlung, die durch die Venus-Raumsonde auf die Erde gelangt ist, die Menschen zu Untoten machen soll. Die Verwandlung geht mit der Zeit, in ihr spiegeln sich Probleme und Ängste einer Gesellschaft wieder. In den 60er Jahren ist es die Angst vor der atomaren Katastrophe, eine kritische Gegenstimme zu einem vielfach propagierten reaktorgetriebenen Fortschrittsoptimismus der Nachkriegszeit, die Romero in seinem Film verarbeitet, während iZombie aus dem Jahr 2015 dem Zuschauer einen machtgierigen Konzern präsentiert, der skrupellos Substanzen für einen Energydrink entwickelt, die letzten Endes zur Verwandlung führen. Der Zombie ist ein Produkt seiner Zeit. Er ist ein Monster und ein Monster ist ein Kulturprodukt. Wir verstehen immer ein irgendwie geartetes Anderes als monströs, ein Wesen, das Tabus bricht, das nicht den Werten und Normen einer Gesellschaft entspricht. Ein Monster ist ein »No-Thing«, ein Bruch mit jeglicher Ordnung, es vereint etwa Dinge, die eigentlich getrennt sein müssten. Eine binäre Logik der Einordnung nach dem Entweder-Oder-Prinzip funktioniert hier nicht mehr. Ein Mensch ist nach unserer Vorstellung entweder lebendig oder tot, er kann nicht beides sein. Ein Zombie verzehrt Menschenfleisch, es ist der Hunger auf uns, der ihn antreibt. Damit verletzt er ein Tabu, wird doch Kannibalismus von der westlichen Gesellschaft verdammt. Wandeln sich die Werte und Normen, die Ängste und Probleme einer Gesellschaft, ändern sich auch ihre Monster. Der Zombie wandelt sich, wenn nun nicht mehr atomare Strahlung die Untoten gebiert, sondern sie zum Produkt von Infektionen, kontaminierten Nahrungsmitteln oder Modedrogen werden. Wenn Romeros Arbeiten nun die amerikanische Gesellschaft und Politik hinsichtlich ihres Umgangs mit ihren Minderheiten oder dem Krieg in Vietnam an den Pranger stellen, reihen sie sich hier ebenso ein wie spanische Genrevertreter, die mit dem Zombie Kritik an der katholischen Kirche transportieren. Vielleicht vermögen auch gesellschaftliche Veränderungen die derzeitge Populärität des Motivs zu erklären: In einer immer komplizierter werdenden Welt reduziert die Zombie-Apokalypse unser Leben auf den rudimentären Trieb zu überleben. Kein Beruf, keine Konferenz, keine Dienstreise ist mehr wichtig, von 10-Jahres-Plänen ganz zu schweigen. Es geht schließlich um Leben und Tod, unser Dasein dreht sich allein um das Hier und Jetzt.

 

Zombification …

Lag der Fokus dieses Beitrags bisher vor allem auf filmischen Umsetzungen des Zombies, breitet sich das Virus in den letzten Jahren immer weiter aus und infizierte bereits eine ganze Menge andere Bereiche unseres Lebens. So existieren transmediale Adaptionen besagter Filme und Serien, die sich in Videospielen, Büchern und Comics manifestieren. Daneben stehen aber auch eigenständige Kreationen ohne das große Vorbild der Kinoleinwand, wie etwa das Brettspiel »Zombicide«. Seit einiger Zeit finden regelmäßig »Zombie Walks« statt, Großveranstaltungen, bei denen die Teilnehmer als Untote verkleidet gemeinsam durch die Straßen ziehen. 2010 kamen im australischen Brisbane so nahezu 10.000 Menschen zusammen! Das Zombie-Virus breitet sich also weiter aus, es infiziert unserer Gesellschaft immer mehr. Die Untoten kommen und sie kennen nur ein Ziel: »All Flesh must be eaten!«, wie es das gleichnamige Pen-and-Paper-Rollenspiel auf den Punkt bringt. Es besteht allerdings Hoffnung für die Menschheit, schließlich haben wir auch schon andere Monster zu zähmen vermocht! Werwolf und Vampir sind im Zuge von Romance Fantasy bereits zu liebeskranken Kuscheltieren mutiert und auch der Zombie ist vor derlei Anwandlungen nicht gefeit, »Warm Bodies« hat es vor ein paar Jahren bewiesen!