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Das Vergnügen, zu wissen: Wie sich populäre Erzählstrukturen verändern

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

Am Ende des ersten Infinity War zerfallen die Hälfte unserer Helden zu Staub. Thanos hat es geschafft, er hat alle Infinity Steine zusammengetragen und mit dem Finger geschnippt – mehr brauchte es nicht, um die Weltbevölkerung um 50 Prozent zu dezimieren. Anders als bei den übrigen Filmen des MCU gibt es beim Infinity War am Ende keine Mid-Credit-Scene, sondern nur, für die ganz Harten, eine echte Post-Credit-Scene. Darin geht es recht hoffnungslos weiter, denn wir sehen, wie Nick Fury und Agentin Maria Hill durch das chaotische New York fahren und mit ansehen müssen, wie sich immer wieder Menschen auflösen. In letzter Verzweiflung aktiviert Fury einen altmodisch aussehenden Pieper, auf dessen Anzeige aber keine Nummer auftaucht, sondern nur ein geheimnisvolles Zeichen ... 

 

Wer sich in diesem Moment mit wissendem Lächeln zu seinem Sitznachbarn gewandt hat, der wusste ganz offenbar, was das Zeichen bedeutet. Wer es nicht weiß, versteht die Szene vielleicht noch als kleinen Hoffnungsschimmer am Ende des Horizonts, jedoch nicht ihre Tragweite und Bedeutung für die Fortführung der MCU-Geschichte. Denn das Symbol auf dem Pieper ist nichts Geringeres gewesen als das Emblem von Captain Marvel, quasi dem weiblichen Pendant zu Wonder Woman. Und Captain Marvel, das wissen wiederum alle, die sich bei Marvel auskennen, ist eine nahezu unschlagbare Superheldin mit schlicht gigantomanischen Kräften. Inzwischen gibt es ja auch die ersten Trailer zum Captain-Marvel-Film, der uns wiederum weiteres Wissen um die Figur liefern wird, mit dem wir dann vorbereitet in den zweiten Infinity War gehen können. Wissen ist der Kern dessen geworden, was uns an diesen Filmen solchen Spaß bereitet: das Wissen um Anspielungen, das Wissen um kommende Figuren, das Wissen um Querverweise. Das liegt natürlich am seriellen Charakter des MCU und seiner großen Erzählung. Was brächte es, 20 Superheldenfilme zu drehen, die alle gleich aufgebaut sind und dann auch noch kaum miteinander in Verbindung stehen? Stattdessen sollen die Zuschauenden ihre Freude daraus ziehen, etwas erkannt zu haben, ein Easter Egg zum Beispiel. Wir schauen die Filme nicht nur, um sie zu sehen, sondern auch, um sie zu durchforsten, zu analysieren. Damit bleibt ihre Gemachtheit für einen Teil unserer Wahrnehmung stets präsent, denn wir erleben nicht nur die präsentierte Geschichte nach, sondern verknüpfen sie automatisch mit allen anderen bekannten Geschichten, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Kinos. Oder wie Jason Mittell es ausdrückt: „We watch these shows [...] to watch the gears at work.“

 

Im Gegensatz zu unserer digitalisierten Lebenswelt, in der sämtliches Wissen nur einen Klick entfernt ist (oder zumindest scheint), wird Wissen im Kino wieder privilegiert, ist bestimmten Gruppen vorenthalten. Nerds sind an der Macht. Um diesen Mangel zu kompensieren, hat sich inzwischen eine komplette mediale Wissensindustrie herausgebildet – vornehmlich YouTube-Videos und Wikis, in denen die Zuschauenden alle wichtigen Informationen nachlesen und nachschauen können. So existieren zu nahezu jedem bevorstehenden Kinofilm Videos zu den Origin Stories der Hauptfiguren, den Unterschieden zwischen Film und Comic oder eine Bild-für-Bild-Analyse einzelner Teaser und Trailer. Diese Filme unterhalten uns nicht nur durch ihre kohärente und kunstvolle Erzählung, nicht nur durch ihre Effekte oder emotionale Bindung, sondern eben auch durch die Belohnung von vorher angeeignetem Wissen. Auf diese Weise entwickelt sich im Publikum auch eine gewisse Erwartungshaltung, die der Film bedienen muss. Wurde in einem vorangegangenen Teil oder Werk eine bestimmte Andeutung gemacht, erwarten die Zuschauenden, dass sie im darauffolgenden Teil thematisiert und ausgebaut wird. Im Grunde weiß das Publikum also, was auf es zukommt, bevor die Lichter im Saal ausgegangen sind. Und so erklärt sich auch die gegenwärtige, beinahe phobische Angst vorm Spoilern. Wer spoilert, den erwarten soziale Sanktionen; spoilern ist streng verboten. Denn wenn wir schon mit all dem mühsam angelesenen und angeschauten Wissen in den Film gehen, möchten wir wenigstens noch von der ein oder anderen Verwicklung in der Handlung überrascht werden.

 

Nun ist das Phänomen als solches alles andere als neu. Das gilt weder für das serielle Erzählen noch die Vergrößerung der erzählten Welt über das Erzählte hinaus. Denn das ist ja der Reiz: Die Filmschöpfenden schaffen mit ihrem Werk eine Welt, die wesentlich größer ist als das, was sie uns davon zeigen. Überall wimmelt es von Figuren, Institutionen oder Orten, die lediglich kurz dargestellt, aber nicht erklärt werden und die für den eigentlichen Handlungsstrang keine Rolle spielen. Sie suggerieren lediglich: Das, was du siehst, ist längst nicht all das, was es gibt. Wir sehen nur alles, was das Licht berührt und fragen uns: Und was ist mit dem schattigen Land dort drüben? In der Popkultur ist das für Fantasy-LeserInnen ein alter Hut. Sie kennen diese Erzählungen, die über dutzende Bände erstreckt werden. Sie wissen, dass sie dieses eine Kapitel nur verstehen, wenn sie auch den Bildband dazu gesehen haben. Dieses intertextuelle Erzählprinzip wurde dann von den US-Comics übernommen und erreichte in den 1970ern das Mainstreamkino in Gestalt von George Lucas’ völlig unzeitgemäßer Space Opera Star Wars. Schon allein die Tatsache, die Geschichte bei „Episode 4“ beginnen zu lassen, deutet darauf hin. So ahnen wir von Anfang an, dass wir nur einen kleinen Ausschnitt einer wesentlich größeren Geschichte zu sehen bekommen und wollen automatisch: mehr.

 

Es dauerte dann noch mehr als 30 Jahre, bis sich das Prinzip durchsetzen konnte. Obwohl es schon in den frühen 2000er Jahren vermehrt Comicverfilmungen gab – sei es Sam Raimis Spider-Man Trilogie oder die X-Men von Brian Singer –, waren dies doch geschlossene Werke, deren einzelne Filme durchaus losgelöst voneinander funktionierten. Zehn Jahre später waren die inhaltlichen und chronologischen Bezüge im X-Men-Universum bereits so verworren, dass Deadpool selbst seine Witze darüber machte. Das Epos hatte sich erst mit den Verfilmungen des Herrn der Ringe wirklich durchsetzen können – natürlich eine High Fantasy, zu deren imaginierter Welt es hunderte Bücher Sekundärliteratur gibt, von Tolkiens Geschichtsschreibung über die vielfältigen Völker Mittelerdes bis zu wissenschaftlichen Analysen. Und das Epos braucht das Serielle, denn nur über das Format einer Serie oder Reihe kann es seine ganze Breite entfalten. Bösartig gesprochen, könnte man auch sagen: Medienschaffende brauchen das Epos, das Serielle, denn es bindet das Publikum als Konsumierende wesentlich stärker an das eigene Medium, als es ein einzelner Film je könnte. Immerhin ist es innerhalb kürzester Zeit für uns völlig normal geworden, am Wochenende ganze Staffeln von Serien durchzusuchten – Netflix and chill. Es bleibt also spannend, was in fünf bis zehn Jahren „normal“ sein wird: Gibt es dann professionelle Film- und Serien-Guides, die wir dafür bezahlen, dass sie uns durch einen tiefen Dschungel aus Intertextualität führen? Oder eher interaktives Erzählen, angelehnt an Videospiele? Erweiterte Realität, in der unsere Umgebung und eine fiktive Erzählung miteinander verschmelzen? Oder eine Abkehr von all dem?