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Über den Weihnachtskonsumwahn

Ein Beitrag von M. Bertram

 

Noch im späten September, zum Ende unseres diesjährigen Rekordsommers, suchen wir triefnass vor Schweiß und hitzegeplagt nach Schatten und Ventilation, um der Sommerhitze zu entgehen. Aus diesen Tagen sind die ersten Bilder von Schokoladen-Weihnachtsmännern in unseren Geschäften überliefert. Als wollten sie den Winter mit Gewalt einleiten, stellen sie sich trotzig der Hitze entgegen – und schmelzen in der späten Sommersonne dahin. Sie sind die ersten Vorboten des Weihnachtskonsumwahnes, der uns, wie in jedem Jahr, auch in diesem so allmächtig umgibt. Inzwischen ist die Adventszeit angebrochen. Die Weihnachtsmärkte öffnen und versorgen uns mit klebrig-süßem Wein. Unsere Innenstädte und Einkaufszentren sind überladen mit glitzernden Sternen und Tannenzweigen und der Coca-Cola Weihnachtsmann winkt uns aus den Schaufenstern entgegen. Funk und Fernsehen spielen ihre Weihnachtsklassiker und wecken unsere Sehnsucht nach dem Fest der Besinnlichkeit. Mit einigen Freunden spiele ich zu dieser Zeit ein Spiel: der Letzte im Jahr, der Wham!s „Last Christmas“ zu Ohren bekommt, gewinnt.  Selten schafft einer es bis in den Dezember.

 

Es beginnen meine alljährlichen Sorgen um die Wahl eines passenden Weihnachtsgeschenkes. Unsere Geschenkkultur spaltet die Gesellschaft in verschiede Lager: die Frühbesorger und die Last-Minute-Shopper, die Schenker und die Beschenkt-Werder, die Liebhaber des Geschenkewahns und die Konsumkritiker, Grinches und Miesepeter. Ich muss mich wohl zu den Letztgenannten zählen. Die allgegenwärtige Werbemaschinerie animiert uns zum Kauf besonderes schöner uns besonders teurer Geschenke. Unsere verwöhnten Kinder rasen am Heiligabend nörgelnd aus der Kirche, um unter dem Baum ihre vielen Geschenke zu zählen wie der dicke Dudley Dursley. Der soziale Druck, das perfekte Geschenk zu finden steigt dabei ins Unermessliche. Die Gesellschaft für Konsumforschung projiziert einen Rekordumsatz von 15 Milliarden Euro alleine für das diesjährige Weihnachtsfest. Was tun wir uns damit an?

 

Besinnen wir uns auf den Ursprung der Geschenkidee. Anders als die Mehrzahl unserer Weihnachtstraditionen, wie dem heidnischen Baum oder eben dem Coca-Cola Weihnachtsmann, entspringt die Tradition der Geschenkgabe tatsächlich dem christlichen Glauben. Am ersten Weihnachtsfest überreichen die drei Könige aus dem Morgenland dem geborenen Gottessohn Weihrauch, Myrrhe und Gold. Das sind wohlgemerkt luxuriöse Geschenke. Doch diese haben noch den Charakter einer selbstlosen Gabe. Die Heiligen befinden sich auf einer Pilgerfahrt und verlangen für ihre Gabe nichts. Dieser Gedanke des schönen Geschenks ist inzwischen längst einem Tausch-Geschäft gewichen. Wir kaufen Gutscheine und hoffen damit, den Gegenwert des erwarteten Geschenks eines Tauschpartners zu treffen. Die Vielzahl meiner Geschenke kaufe ich aus Verlegenheit und in dem klaren Bewusstsein, dass ich meinem Gegenüber damit keine Herzensfreude bereiten kann. Dann erzähle ich eine nette Geschichte, die ihr oder ihm suggerieren soll, mit welcher Mühe und Sorgfalt ich das Präsent ausgewählt habe. Schlimmer aber noch finde ich das Geschenke bekommen. Wie lange wollen wir die heuchlerische Fassade der Freunde über das nächste Paar Socken der Großtante, die wir ohnehin nur zu Feiertagen treffen, noch aufrechterhalten? Die Weihnachtszeit bringt außerdem, an dieser Stelle nur angeschnitten, aber nicht weiter vertieft, verstopfte Straßen durch minderbezahlte Leiharbeiter im Versandhandel, Ressourcen- und Energieverschwendung in orgiastischer Dimension. Daher mein Plädoyer für dieses Jahr: Schenken wir uns nichts.

 

Ich möchte das Schenken nicht im Allgemeinen verteufeln. Beschenken Sie ihre Lieben mit Blumen zum fünften Donnerstag im Monat, oder mit einem Ring aus einem Kaugummiautomaten. Schenken Sie einen Glücksbringer zur bestandenen Feuerschutzübung, oder einen goldenen Schwamm, wenn sich der Tag der Erfindung des Geschirrspülers jährt, der uns vom Joch des Handspülens befreite. Nur lassen Sie Ihr Geschenk spontan, überraschend und persönlich sein, eine selbstlose Geste der Aufmerksamkeit. Und lassen Sie niemals Ihre Kaufkraft zum Gradmesser Ihrer Aufmerksamkeit werden. Ihre Lieben werden es Ihnen danken.

 

Zuletzt schenkte mir meine Freundin übrigens eine schöne Uhr zu Weihnachten. Ein teures, für mich nutzloses Utensil und Statussymbol. Ich bin nicht der Typ, der ständig auf die Uhr guckt und kann diesen auch nicht überzeugend nach außen darstellen. Heute trage ich die Uhr doch jeden Tag und bekomme sogar regelmäßig Komplimente dafür. Sie passt zu meinem Stil und ich kann sie mir nicht mehr wegdenken. Ich habe sie wirklich lieben gelernt; vielleicht kannte meine Freundin mich besser als ich selbst – ein Volltreffer, ein wunderbares Geschenk.