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Der Übermann: Krieg, Sexualität und Heldentum in „Taboo“

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

In einem Zeitalter der Trumps, der Influencer und Body-Styling-Kurse, wer sind da eigentlich noch unsere Helden? Diese Frage treibt inzwischen nicht nur die Forschung um, sondern beschäftigte mich auch, als ich mir mal wieder die erste Staffel der Amazon-Serie „Taboo“ mit Tom Hardy zu Gemüte führte. Keine ganz unwichtige Frage, denn die allermeisten unserer Erzählungen – ob nun im Kino, der Literatur oder im digitalen Bereich – sind Heldengeschichten. In der Popkultur sind es natürlich die Superhelden, die uns spätestens seit Marvel’s Cinematic Universe beeindrucken sollen. Ihr Erfolg hat nicht nur die Kinolandschaft grundlegend verändert, sondern auch das Angebot im Serien- und Streamingbereich nachhaltig beeinflusst. Die Helden dieser Geschichten sind nicht wegen ihrer Kräfte so super, also über, sondern, weil sie die Idee des Helden übertreiben: Fast immer sind sie Kriegshelden, kämpfen an vorderster Front. Ihre moralischen Überzeugungen sind stets Teil ihrer Heldenreise. Entweder ist Moral von Beginn an die Quelle ihres Heldentums, wie es bei Captain America der Fall ist oder sie sind charmante, aber verkommene Narzissten wie Doctor Strange, Thor und Iron Man, deren moralische Entwicklung gleich Teil ihrer Ausbildung zum Helden ist. Zu dieser wertebezogenen Überlegenheit gesellt sich dann auch stets die strategische, denn die Überhelden besiegen über kurz oder lang jeden Feind. Da die Filme samt und sonders ab 12 Jahren freigegeben werden, spielt Sexualität nur eine untergeordnete Rolle. Wenn, dann ist sie, wie fast alles am Superhelden, körperlich, hetero und eindeutig, gleichzeitig aber auch unsichtbar. Denn im Dasein als Held, dem ständigen Kampf gegen das Böse und der allgegenwärtigen Bedrohung aller, die der Held liebt, liegt auch die Unmöglichkeit echter Beziehungen begründet. Nicht ohne Grund haben die meisten Helden entweder gar keine Beziehung oder schmachten aus der Ferne ihren (auch gern mal verstorbenen) Geliebten hinterher.

 

James Delaney, der Protagonist der Serie „Taboo“, ist auch so ein Held. Die Serie ist hochwertig produziert und mit Tom Hardy in der Hauptrolle hochkarätig besetzt. Wie es für den Helden typisch ist, bewegt sich auch Hardys Figur stets am Rande der Gesellschaft. Er kehrt 1814 in ein London zurück, an dem er sich nicht mehr beteiligen will, aber eben auch nicht kann: Der Besitz des strategisch so wichtigen Landes in Nordamerika, den Delaney erbt, ist sowohl für die East India Trading Company als auch für die britische Krone von äußerster Wichtigkeit. Delaneys Weigerung, das Land der einen oder anderen Partei zu überlassen, drängt ihn aus der Gesellschaft heraus. Und es führt natürlich unweigerlich in einen Krieg. Da hätten wir Delaney also schon einmal als Kämpfer, als Anführer einer zwielichtigen Untergrundarmee aus Verbrechern und Huren. Anders als die Superhelden aus dem Kino bestraft Delaney Verrat allerdings brutal und rücksichtslos: Während er einem alten Mann (der sich klaglos jahrelang um Delaneys heimlichen Sohn gekümmert hat) die Zunge herausschneidet, weidet er einen anderen Mitstreiter aus und verschenkt dessen Herz an seine rechte Hand Atticus.

 

Diese Handlungen, kombiniert mit einem muskulösen, tätowierten und vernarbten Körper, rücken Delaney in die Nähe des Tierischen, Monströsen und natürlich auch Verbotenem. Der männliche Körper ist beim Überhelden stets Projektionsfläche und Träger seiner Männlichkeit. Bei „Taboo“ ist der Körper sichtbar versehrt und andersartig. Ständig zieht Delaney sich die Klamotten aus und latscht breitbeinig durch sein Haus, watet ins Wasser oder wird auf dem Boden einer Zelle zusammengeschlagen. Tom Hardy selbst erzählte in einem Interview, dass er sich bei seinem Schauspiel oft von seinen Hunden inspirieren lasse, was sich durchaus in dem Animalischen seiner Figur niederschlägt. Delaney grunzt ja auch oftmals mehr, als dass er spricht. Hinzu kommt seine für die britische Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts untragbare Herkunft in Gestalt seiner Mutter, die sein Vater einst aus den First Nations mitbrachte und schließlich in den Wahnsinn trieb. Die familiäre Vergangenheit ist für Delaney denn auch ebenso prägend wie traumatisch und bietet der Serie Raum für postkoloniale Kritik. Das Ganze bleibt aber sehr persönlich, psychologisch und auch arg pathetisch, und so bleibt das Schicksal der verschleppten Nordamerikanerin nebulös und nur so lange relevant, wie es für Delaneys Persönlichkeitsentwicklung eine Rolle spielt.

 

Das eigentliche Tabu der Serie ist auf den ersten Blick natürlich Delaneys inzestuöse Beziehung zu seiner Schwester, die ihre Leidenschaft für ihren Bruder ebenso verflucht wie herbeisehnt. In dieser Beziehung wird Delaney das erste Mal als begehrenswert inszeniert. Ebenso wie er selbst, so liegt auch seine Sexualität außerhalb der Normen, ist verboten und wild. Und hier wird Delaney dann auch zum echten Übermann, dessen Begehren übersinnliche Kräfte freisetzt, denn er sucht seine Schwester in ihren Träumen heim, afrikanisch anmutend maskiert. Über den hier zugrunde liegenden Exotismus, bei dem das Fremde und Ferne (in Form von Delaneys afrikanischer Maskierung) zur Sammelstelle für westliche Sehnsüchte nach sexueller Befreiung wird, könnte man sicherlich einen eigenen Aufsatz schreiben. In jedem Fall wird immer wieder deutlich, dass Delaney durch seine Sexualität als solche uneingeschränkte Macht über seine Schwester besitzt. Um die Figur jedoch wahrlich begehrenswert werden zu lassen, sabbern ihm aber natürlich auch alle anderen weiblichen Figuren der Serie hinterher. Das changiert zwischen dem rein körperlichen Begehren der Bordellleiterin Helga (herrlich spröde: Franka Potente!), den Wünschen nach väterlicher Leitung bei Helgas Tochter Winter bis hin zum unvermeidlichen Retter-Komplex bei seiner Mitbewohnerin, der Schauspielerin und Betrügerin Miss Bow. Bow tut natürlich alles für unseren grunzenden Übermann, erkennt seine innere Zerrissenheit und wäre sofort zur Stelle, ihn zu heilen, wenn er sie nur ließe. Aber erfülltes Begehren ist halbes Begehren und deshalb stößt Delaney natürlich alle, auch seine Schwester, im Laufe der Serie von sich. Ähnlich wie ein Superheld mit geheimer Identität ist auch er gezwungen, jene, die ihm etwas bedeuten, von sich zu weisen, um ihre Leben zu retten. Welch edle Tat! Hardy, der die Serie mit produziert hat und auch die Figur des Delaney mit entwickelt hat, reicht das aber natürlich noch lange nicht. Auch sein Informant, der Transsexuelle Godfrey, ist natürlich unglücklich in ihn verliebt. Delaney, das wird in der Serie immer wieder deutlich, gelten diese Menschen nichts. Als tief unglückliches Wesen, hadernd mit seiner eigenen Vergangenheit, kann er natürlich weder sich selbst, noch andere lieben. Ausgerechnet darin besteht aber auch der Reiz seiner komplett durchsexualisierten Figur.

 

Es ist keine friedvolle, keine sorgende oder freundliche Männlichkeit, die „Taboo“ inszeniert. Vielmehr sind Trauma, Verletzung, Gewalt und Kriegstreiberei genau jene Aspekte, die sie so erstrebenswert machen. Als Held der Geschichte gelingen Delaneys undurchsichtige Pläne am Ende immer, er weiß mit Intelligenz zu glänzen und kann sich mithilfe seiner Unerschrockenheit und Schmerzresistenz durchsetzen. Dafür liegen die Frauen ihm zu Füßen, Kinder und Männer folgen ihm bedingungslos. Kurz: Er ist kein einfacher Mann mehr, er ist darüber, ist ein Übermann. Es überrascht daher auch kaum, dass die Serie keine einzige Frauenfigur enthält, deren Handlungen nicht in direkter Abhängigkeit zum Protagonisten steht. Den Bechtel-Test schafft „Taboo“ jedenfalls nicht. So wie „Taboo“ nur eine Serie unter Tausenden ist, so ist natürlich auch dessen Übermännlichkeit nur eine unter vielen. Wenn wir uns jedoch die Frage stellen, wer unsere Helden in diesen Tagen sind, erschreckt die Antwort, die „Taboo“ gibt, jedoch mit ihrem Reaktionismus und ihrer Heteronormativität, Tabubruch hin oder her.