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Lovecrafts kosmisches Grauen: "The Shadow over Innsmouth"

Am 20. November 1931 schrieb Howard Phillips Loveraft einen Brief an seinen Freund Clark Ashton Smith, einen aus Kalifornien stammenden Schriftsteller-Kollegen und Freund. Der Autor schildert hier einen seiner Besuche der Stadt Newburyport, gelegen in Essex County, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Boston. Der Anblick jener Stadt, ihre Altertümlichkeit und Verlassenheit, hätten ihn zu einer neuen Geschichte inspiriert, geboren aus der Faszination für die gespenstische Atmosphäre des kleinen Hafenstädtchens. Das Werk aber, das dieser Faszination entsprang, entsprach nun gar nicht Lovecrafts Vorstellungen, er war offenkundig ziemlich unzufrieden mit seiner Arbeit und wollte die Geschichte zunächst keinem der Magazine anbieten, die sonst seine Texte publizierten. Zum Glück für uns kam aber alles anders, »The Shadow over Innsmouth« wurde über einige Umwege zur einzigen Buchpublikation des Autors zu dessen Lebzeiten. Erst im Januar 1942, also Jahre nach Lovecrafts Tod, erschien zusätzlich eine gekürzte Version im Weird-Tales-Magazin.

 

Eine kleine Küstenstadt in Neuengland

Die Novelle wird heute zu Recht als eines der besten Werke des Autors gesehen, an Klasse überboten vielleicht nur noch von seiner großen antarktischen Erzählung »The Mountains of Madness«. Lovecraft berichtet im Text über regionalen und gesellschaftlichen Verfall und transportiert damit – und das soll nicht verhehlt werden – leider auch durchaus rassistisches Gedankengut. Doch dazu später mehr, begeben wir uns zunächst einmal auf eine Reise nach Neuengland, an die Atlantikküste des amerikanischen Nordostens. Hier liegt in Lovecrafts Fiktion das Städtchen Innsmouth, welches von der Forschung mal mit oben genanntem Newburyport, mal mit dem etwas südlicher gelegenen Gloucester in Verbindung gebracht wurde. Die Gegend ist zu Lovecrafts Lebzeiten eine ärmliche. Bereits 1875 hatte Samuel Adams Drake in seinem Buch »Nooks and Corners of the New England Coast« von Gemeinden an der Küste zu berichten gewusst, die so verarmt und vom Rest der Welt abgeschnitten waren, dass dort keine Geburts- oder Heiratsregister mehr geführt wurden, vom Vorhandensein einer irgendwie gearteten städtischen Organisation ganz zu schweigen. Einige dieser Orte hätten nur noch wenige Dutzend Einwohner, die sich mehr schlecht als recht vom Fischfang ernährten. Auch Inzest sei dort an der Tagesordnung. Es soll hier gar nicht darauf eingegangen werden, was an den Schilderungen Drakes der Wahrheit entspricht und was nicht, denn das ist für unsere Zwecke nicht von Belang. Wichtig ist, was seine Darstellung für Lovecraft war, nämlich eine unschätzbare Quelle der Inspiration. Denn »The Shadow over Innsmouth« nimmt all diese Berichte Drakes auf, die Novelle erzählt von dem namensgebenden Städtchen, in dessen Abgelegenheit sich eine degenerierte Gesellschaft gebildet hat, die eine abscheuliche Gottheit verehrt.

 

Drei Ebenen des Schreckens

»The Shadow over Innsmouth« ist zunächst einmal eine spannende Novelle, deren Handlung ebenso fasziniert wie ihre Atmosphäre. Der Moment des Grauens, der Auslöser unserer Ängste ist sicherlich Lovecrafts geschickter Einsatz eines Stilmittels, nämlich der Erzeugung verschiedener Ebenen des Schreckens. Hier sind es drei: zunächst die eigentliche Handlung in Innsmouth, dann die über das Erzählte hinaus bestehende Bedrohung der Menschheit durch die Tiefen Wesen – die Monster der Geschichte – sowie zuletzt die verstörende Identitätssuche des Protagonisten. Letztere führt schließlich zur beklemmenden Einsicht, dass jener selbst zu den Kreaturen aus der Tiefe gehört. Menschen und Tiefe Wesen sind verwandt, die Dekadenz erweist sich als Atavismus. Lovecraft zeichnet den allmählichen Niedergang einer Gesellschaft nach, er versteht die Einwohner von Innsmouth wohl als Stellvertreter für die gesamte Menschheit. Dekadenz führt zum Untergang, so könnte man das Werk lesen. Genauso aber bringt, Lovecrafts Meinung nach, offenbar die Vermischung zweier Rassen nichts Gutes. Diese nicht zu leugnende Form von Rassismus vertrat der Autor auch in der realen Welt. So schrieb er an seinen Freund Robert Bloch: »[Für] mich liegt etwas bösartig Faszinierendes in den dekadenten Typen, die sich in den alten und vernachlässigten Provinzen entwickeln. Die Rückentwicklung zu primitiven Formen ruft stets Grauen hervor, und das Grauen verdoppelt sich, wenn die betroffene Rasse in der Nähe lebt und zu der eigenen Zivilisation in Verbindung steht […] Ein afrikanischer Stamm mag abstoßend sein, aber er ist nicht entsetzlich – doch eine amerikanische Gemeinde, die aus der Zivilisation heraus in einen Zustand gleich dem eines afrikanischen Stammes absinkt, ist unendlich entsetzlich.« Die Novelle ist eine Warnung vor den vermeintlichen schlimmen Folgen der Rassenmischung und entspricht damit Lovecrafts stets offen gezeigter Forderung nach ethnischer und kultureller Homogenität.

 

Lovecrafts Spiel mit der Angst

»The Shadow over Innsmouth« hinterlässt nach der Lektüre ein mulmiges Gefühl. Wir wissen nun, dass die Tiefen Wesen dort draußen sind. Sie sind nicht besiegt. Und es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Menschheit aus einem etwaigen Konflikt in der Zukunft siegreich hervorgehen würde. Ganz im Gegenteil, unsere Chancen stünden wahrscheinlich nicht unbedingt besonders gut, sind die Meerwesen doch offenkundig nahezu unsterblich. Dieser Meinung ist auch der alte Trunkenbold Zadok Allen, wenn er dem Erzähler mitteilt, dass es nicht etwa die Menschen sind, welche die Tiefen Wesen in ihren Meeren leben lassen, sondern vielmehr wir von ihnen geduldet werden, sie uns jederzeit auslöschen könnten, wenn sie es denn wollten. Letzten Endes wandelt sich auch die Einstellung des namenlos gebliebenen Erzählers, wenn er sein Schicksal, einst selbst zu einer der Kreaturen zu werden, akzeptiert, sich gar darüber zu freuen scheint. Sitzt er dabei einer gigantischen Selbsttäuschung auf, wie der populäre Lovecraft-Forscher Sunand Tryambak Joshi interpretiert? Oder entwickelt er wirklich ein Zugehörigkeitsgefühl, verändert sich sein Wesen, wird aus Abscheu Faszination? Das meint zumindest der Leipziger Theologe Marco Frenschkowski. Wie dem auch sei, »The Shadow over Innsmouth« ist sicherlich einer der Meilensteine amerikanischer Horrorliteratur, wenngleich die transportierten Inhalte durchaus kritisch hinterfragt werden müssen.