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»Okay, dann schreibe ich halt mal ein Buch über Horrorfilme!« Prof. Dr. Marcus Stiglegger über Zombies und Grenzüberschreitung

© Marcus Stiglegger

 

Die Untoten sind überall. Sie begegnen uns in Filmen und Serien, in Büchern und Comics. Und auch der Typ gegenüber in der Bahn sieht vielleicht irgendwie aus wie ein Zombie, wenn er apathisch auf sein Smartphone starrt. Wie also gehen wir mit den wandelnden Toten um? Sind die Zombies eine Gefahr? Oder ebnen sie gar den Weg in eine neue Gesellschaft? Werden sie uns in Zukunft vollends überrennen? Oder schicken wir sie als überholte Modeerscheinung für immer in ihre Gräber? Es ist Zeit, einen Experten zu fragen! Wir haben uns deshalb an der DEKRA Medienschule in Berlin mit dem Filmwissenschaftler Marcus Stiglegger unterhalten, dessen Name im Zusammenhang mit dem Horrorfilm im Allgemeinen und dem Zombiefilm ist Speziellen immer wieder fällt.

 

Hallo Marcus! Stell dich unseren Lesern doch bitte einmal kurz vor! Wer bist du, was treibst du so?

 

Gern! Mein Name ist Marcus Stiglegger, ich bin promovierter und habilitierter Filmwissenschaftler mit einem kulturwissenschaftlichen Hintergrund. Ich habe zunächst Ethnologie und Theaterwissenschaften studiert und bin dann später auf die Filmwissenschaft umgestiegen, wo ich auch meine Qualifikationsarbeiten geschrieben habe. Ich habe acht Bücher zu film- und kulturwissenschaftlichen Themen verfasst und war an 20 weiteren Buchprojekten als Herausgeber beteiligt. Ich hatte lange Zeit eine eigene Kulturzeitschrift, das Ikonen-Magazin, die heute online weiterbesteht. Daneben produziere ich analytisches Bonusmaterial für Filmveröffentlichungen auf Blu-Ray und DVD, oft für Genrefilme. In diesem Bereich, also der Genregeschichte und der Genretheorie, habe ich auch einen meiner Forschungsschwerpunkte. Meiner wissenschaftlichen Arbeit liegt die Frage zugrunde, welche gesellschaftliche Relevanz mit Medien, insbesondere mit erzählten Medien, verbunden werden kann. Der Fokus liegt dabei auf fiktionalen Spielfilmen.

 

Ich habe gelesen, dass du dich mit einem »Kino der Extreme«, so einer deiner Buchtitel, also mit Grenzräumen des Kinos beschäftigst. In diesem Zusammenhang hast du auch einen Band mit Namen »Terrorkino« geschrieben, wo du dich mit dem durchaus umstrittenen Bereich des torture porn befasst. Wie kommt man dazu?

 

Meine Filmleidenschaft geht zurück bis in meine Kindheit. Was mich damals wie heute fasziniert hat, waren Intensitäten. Das Intensive ist immer mit Grenzsituationen verbunden, also mit Dingen, die im positiven oder negativen Sinn berühren, die Affekte auslösen. Also könnte es auch ein Kino der Affekte oder ein Kino der Intensität sein, das mich interessiert. Es ist nicht nur das Extreme im Sinne der Grenzüberschreitung, obwohl man mich schon oft darauf festlegt. Tabubrüche interessieren mich deshalb sehr, weil das eben die Bereiche sind, die mir als relevant erscheinen, weil sie von den Rändern her die gesellschaftlichen Mechanismen verständlich machen. Und das war der Hauptgrund für ein Buch wie »Kino der Extreme«.

 

Ich habe eigentlich erst recht spät angefangen, über Horrorfilme zu schreiben: Ich war seit Mitte der 90er Jahre Autor für die Zeitschrift Splatting Imgage, eine Genrefilmzeitschrift, die mittlerweile leider nicht mehr besteht. Dort habe ich immer über Auteurs geschrieben, also zum Beispiel über Paul Verhoeven, William Friedkin oder auch Oliver Stone. Ich habe also, zumindest dort, eigentlich gerade nicht über Horrorfilme geschrieben. Trotzdem wurde ich so lange darauf festgenagelt, doch der Horrorforscher zu sein, dass ich mir irgendwann gesagt habe: »Okay, dann schreibe ich halt mal ein Buch über Horrorfilme!« Und das führt dann auch zu »Terrorkino«. Dieser Begriff war im Grunde der Versuch, einen wertneutraleren Ausdruck als torture porn für eine Analyse des Phänomens zu finden. Damals, also Mitte und Ende der 2000er Jahre, gab es ja eine große Zensurdiskussion um das Thema torture porn, um Filme wie »Hostel« oder »Saw«. »Terrorkino« sollte die Intensität von derartigen Werken auf den Punkt bringen, dabei aber gleichzeitig Neutralität wahren. Ich bin in meinen filmwissenschaftlichen Ansätzen dabei relativ wertfrei, ich vermittele also nicht so etwas wie eine Idee des guten oder des schlechten Films. Mir geht es vielmehr darum, die Relevanz des Mediums Film im Kontext bestimmter Fragestellungen immer wieder neu zu evaluieren.

 

Vor ein paar Ausgaben erschien in der phantastisch! bereits ein Artikel zum Zombie. Bei den Recherchen zu diesem Thema stößt man früher oder später auf deinen Namen, manch ein Online-Portal nennt dich gar den »Zombie-Experten«. Was macht die Untoten so interessant für dich?

 

Nun, der Begriff untot ist ja bereits eine interessante Metapher: Das, was tot sein sollte, ist eben nicht tot. Das ist ein ziemlich langlebiges Motiv, in den meisten Mythen verschiedener Kulturen taucht so etwas früher oder später auf. Das kann sich zum Beispiel in Göttergeschichten äußern, aber auch Niederschlag in volkstümlicher Überlieferung finden. Das Wiederkehrende kommt dort immer wieder vor. Dabei muss es sich allerdings nicht zwingenderweise um Zombies handeln, das können auch Vampire, Ghouls, Geister oder andere sein. Zumindest scheint das Untote eine kulturell universelle Metapher zu sein, die man als Erzählmuster in wohl allen Kulturen wiederfindet.

 

Die Begrifflichkeit Zombie ist dabei kulturell allerdings erst einmal auf einen recht engen Rahmen begrenzt, sie kommt aus der afrikanischen Kimbundu-Sprache und meint dort einen Totengeist. Das, was wir heute als Zombie verstehen, basiert auf dieser Vorstellung. Durch verschiedene historische Entwicklungen, besonders den transatlantischen Sklavenhandel, gelangten afrikanische Glaubensvorstellungen in die Amerikas, dort vermischten sie sich mit christlicher Lehre zu einem Synkretismus. Der Voodoo-Glaube wäre ein Beispiel für so eine religiöse Hybridform. Die Idee des Zombies gelangte so auch nach Nordamerika, hier ist New Orleans eine Hochburg. Besonders Haiti sticht aber hervor, man hat dort gar dem Diktator Papa Doc vorgeworfen, zur Kontrolle seiner Soldaten und zur Terrorisierung seiner Feinde Voodoo-Praktiken einzusetzen.

 

Okay, der Zombie als Figur dient als Metapher, der Untod im Allgemeinen scheint etwas zu sein, dass Menschen aller Kulturen seit jeher fasziniert. Wie kommt es nun aber, dass der Zombie zu einem solch omnipräsenten filmischen Motiv geworden ist?

 

Dafür gehen wir am besten filmhistorisch vor: Das Thema Zombie ist dabei zunächst erst einmal sehr stark an das angebunden, was ich gerade historisch hergeleitet habe. Denn der Zombiefilm der dreißiger Jahre, etwa »White Zombie« oder »Revolt of the Zombies«, knüpft genau hieran an. Der zombifizierte Mensch ist dort jemand, der durch eine bestimmte Giftmischung in einen Scheintod fällt und dann als willenloses Wesen zu einem Arbeitssklaven gemacht werden kann. Dieser Zombie ist also gewissermaßen der Traum des Ultrakapitalisten bzw. der Albtraum des Sozialisten. Der Zombie ist hier also eine Metapher für die vollkommene Versklavung, für die Schaffung willenloser Arbeitskräfte. Und genau so wird das auch in diesen Filmen verwendet. Diese Darstellung findet sich später noch in dem bedeutenden Film »I walked with a Zombie« von 1943. Hier kommt dann aber eine Psychologisierung des Motivs dazu, denn es geht um die Frage, ob wir eine Person noch retten können, wenn sie einmal zum Zombie geworden ist. Das ist der erste Schritt weg von einer politischen Metaphorik hin zu einer psychologischen Lesart.

 

Und dann haben wir als nächsten Schritt eine Modernisierung im gesellschaftspolitischen Sinne, die besonders George R. Romero mit »Night of the living Dead« 1968 durchgeführt hat. Dort wird im Grunde nicht mehr von Zombies im eigentlichen Sinn gesprochen, obwohl der Begriff selbst durch die Romero-Filme verstärkt Einzug in die Populärkultur gehalten hat. Eigentlich ist das widersinnig, weil die Untoten bei Romero eben nicht als Zombies bezeichnet werden. Trotzdem erschien der Film in Europa unter dem Titel »Zombie«. In Italien wurde gar ein Film produziert, der als Prequel von »Dawn« verkauft wurde, obwohl er gar nichts mit Romeros Werk zu tun hatte. Der erschien in Deutschland übrigens als »Woodoo: Die Schreckensinsel der Zombies.« Das alles sind Phänomene, die in der Popkultur dafür gesorgt haben, dass der Zombie als Metapher bestehen bleibt, obwohl es eine Anbindung an den ursprünglichen Kontext eigentlich gar nicht mehr gibt.

 

Wenn ich mir jetzt eine aktuell unglaublich erfolgreiche Serie wie »The Walking Dead« anschaue, dann geht es dabei doch gar nicht primär um die Zombies, nicht um den Untod. Mir scheint, hier steht eher die Gruppe der Überlebenden im Fokus. Es wird beispielsweise thematisiert, wie man sich als Überlebender zurecht findet, wie man als Gruppe zusammensteht oder wer der Anführer ist. Kurzum: Es geht um die Menschen.

 

Der wesentliche Punkt dabei scheint mir zu sein, dass bereits bei Romero die Überlebenden im Angesicht der Bedrohung archaische gesellschaftliche Mechanismen bloßlegen, die in diesen Filmen zum Thema werden. Also, genau richtig, ich würde es auch so sehen, dass die Untoten häufig eigentlich Werkzeuge sind, die dafür dienen, bestimmte Dinge aufzeigen zu können. Und diese Dinge sind dann eben gesellschaftliche Urängste. Denn der Horrorfilm beschäftigt sich im Allgemeinen genau damit, er pointiert menschliche Urängste in einer übermenschlichen Bedrohung. Der Thriller macht das übrigens mit einer erklärbaren, einer natürlichen Bedrohung. Romero nun untersucht mithilfe seiner Untoten gesellschaftliche Bedingungen von Grenzsituationen. Das findet sich einmal in dem einsamen Farmhaus mit der Zufallsgemeinschaft, später dann in dem Einkaufszentrum, in das sich die Überlebenden zurückziehen, und dort in ihrem Konsumtempel leben, ohne ihn noch genießen zu können. In »Day of the Dead« ziehen die Menschen sich dann in einen Atombunker, also einen militärischen Komplex, zurück. Es wird also bereits hier die Gruppensituation thematisiert, zwischenmenschliche Beziehungen werden ausgehandelt, Konflikte entstehen.

 

Das sind übrigens alles Motive, die später in »The Walking Dead« wieder auftauchen. Die Serie ist im Grunde einfach nur eine mediale Transformation des Modells, das Romero entwickelt und ausgebaut hat. Schon in »Survival of the Dead« hält jemand seine zu Zombies gewordenen Angehörigen in einer Scheune; eine Szene, die exakt so auch in »The Walking Dead« vorkommt.

 

Stimmt, das müsste in der zweiten Staffel auf der Ranch der Greenes sein, oder?

 

Ja, genau da! Das wären jetzt nur ein paar Beispiele für Dinge, die Romero vorgedacht hat. Deswegen würde ich sehr stark darauf beharren, dass wir es Romero verdanken, das Zombiemotiv gesellschaftspolitisch modernisiert zu haben.

 

Es ist ja auch erstmals bei Romero so, dass die Bedrohung durch die Zombies globale Ausmaße annimmt. »White Zombie« spielt ja etwa noch im karibischen Raum, ist örtlich gebunden.

 

Richtig. Es gibt zwar bereits frühe Vertreter, etwa »Plague of the Zombies« der britischen Hammer-Studios, die das Motiv nach England transferieren, aber erst mit Romero kommt es zu besagten globalen Dimensionen, die spätere Filme dann weiterführen. Romero war dabei inspiriert von dem Roman »I am Legend« von Richard Matheson. Das ist eigentlich ein Vampirroman im apokalyptischen Kontext: Der letzte Mensch verbringt seine Tage damit, sich gegen Vampire zur Wehr zu setzen. Im Grunde ist das bereits das apokalyptische Modell, das Romero für »Night« benutzt. Auch hier ist die Bedrohung, nur eben durch Vampire, von globalem Ausmaß.

 

Der Zombie ist also eine globale Bedrohung und dient als Werkzeug zur Thematisierung gesellschaftlich durchaus relevanter Fragen. Trotzdem tauchen in den letzten Jahren vermehrt humoristische Darstellungen des Motivs auf. Man könnte das jetzt weniger schmeichelhaft formulieren: Ist der Zombie zur Lachnummer geworden?

 

Eigentlich kann man hier sagen, dass ein Motiv immer dann dazu geeignet ist, parodiert zu werden, wenn es sich etabliert hat. Das geht ja nicht nur den Zombies so, wir finden ja durchaus auch komische Lesarten des Vampirs oder des Werwolfs. Mit den Universal-Horrorfilmen der 30er Jahre wurde etwas weltweit etabliert, das bereits im Jahrzehnt darauf erfolgreich parodiert werden konnte. Ein Beispiel hierfür wäre etwa »Abbott und Costello treffen Frankenstein« von 1948. Für den Zombie kann man sagen, dass Romero etwas geschaffen hat, das spätestens Ende der 70er Jahre international wirklich erfolgreich war. Das führte zu einer Popularisierung, die wiederum dazu führte, dass bereits Anfang der 80er Jahre mit »Return of the living Dead«, der eigentlich eine Fortsetzung von »Night of the Living Dead« werden sollte, eine Parodie inszeniert wurde, die wohl die erste populäre Zombie-Komödie ist – zumindest an die ich mich erinnere. Wenig später schuf Peter Jackson mit »Braindead« dann das Paradebeispiel der ultimativen Zombie-Komödie. All diese Werke parodieren immer auch die Splatteraspekte des Zombiefilms, also etwa die Verwesungserscheinungen und die Körperauflösung, aber eben auch die Angriffe der Zombies oder deren Zerstückelung. Mit »Shaun of the Dead« haben wir dann eine Komödie, die den Zombie in die englische Popkultur überträgt, wenn z. B. die Zombies mit Schallplatten bekämpft werden, die als Wurfgeschosse missbraucht werden, oder sich die Protagonisten in einem Pub verschanzen. Dann finde ich noch die Idee aus »Fido« ziemlich gut: Es geht dort darum, dass eine Art 50er-Jahre-Gesellschaft die Untoten als Arbeitssklaven nutzt. Dabei muss man natürlich damit leben, dass, wenn man sie von der Kette lässt, sie doch ab und an mal die Nachbarin anfressen. Aber im Endeffekt findet sich hier die Metapher wieder, die man bereits aus den 30er-Jahren kennt, nämlich die Konsumkritik. Und dann gibt es schlussendlich noch die Nazi-Zombies, die auch immer etwas Ironisches haben. Man könnte sagen, die sind ein Randbereich der parodistischen Inszenierungen.

 

In »Dead Snow« zum Beispiel.

 

Ja, genau! Das ist eine Splatter-Komödie, die eben zeigt, wie ruhelos umherwandernde untote Nazis einen Schatz bewachen und im Skandinavien der Gegenwart ihr Unwesen treiben. Das symbolisiert natürlich zum Teil eine Wiederkehr des Verdrängten. Denn gerade in Skandinavien ist häufig ein sehr ambivalenter Umgang mit der Nazi-Vergangenheit zu verzeichnen. Man muss bedenken, dass es in diesen Ländern durchaus Dinge wie Freiwilligendivisionen der Waffen-SS gegeben hat, die in öffentlichen Diskursen gerne mal unterschlagen werden, die aber letzten Endes das Vorhandensein der Nazi-Zombie-Modelle erklären können: Sie sind Metaphern für die Wiederkehr des historisch Verdrängten.

 

Also gibt es durchaus auch in den Parodien eine ernsthafte Lesart des Zombies. In »Shaun of the Dead« zum Beispiel merkt der Protagonist ja erst einmal gar nicht, dass er sich auf seinem Weg zur Arbeit mitten unter Zombies befindet.

 

Ja, die Zombies wanken dort apathisch in ihrem Business-Dress durch die Gegend – genau so, wie sie es auch als Lebende tun. Klar, das ist Gesellschaftskritik. Am Ende wird ja auch der beste Freund des Protagonisten infiziert, was sich letzten Endes als gar nicht so schlimm herausstellt: Er kann immer noch vor der Playstation sitzen und spielen, nur dass man ihn jetzt eben dabei anbinden muss.

 

Wenn ich mir nun einen lustigen Film wie »Zombieland« anschaue, dann wird dort ja eine post-apokalyptische Gesellschaft inszeniert. Aber eine, die offenbar richtig Spaß macht! Die Überlebenden dort nehmen sich alles, was sie haben wollen, besuchen Orte, die sie schon immer sehen wollten, und feiern Partys.

 

»Zombieland« ist ein Film, der einen gewissen Eventcharakter hat, allein der Name klingt ja schon wie ein Themenpark. Und genau so wird die Apokalypse dort auch inszeniert. Die Zufallsgemeinschaft kann auch eine Spaßgemeinschaft sein, zumindest über gewisse Strecken. Zombieland ist deshalb irgendwo auch eine charmante Komödie mit einer Liebesgeschichte. Daneben arbeitet der Film mit popkulturellen Ikonen, Bill Murray etwa taucht ja als er selbst auf. Das alles sind Dinge, die eben sehr interessant und anschlussfähig bleiben und so die Relevanz der Zombie-Metapher für die Gegenwart bestätigen.

 

Wenn wir uns jetzt mal nicht die Überlebenden, sondern die Zombies selbst anschauen, dann gibt es große Unterschiede. Ein Zombie ist nicht gleich ein Zombie, es gibt ja etwa das rein triebgesteuerte Wesen, das nur fressen, das nur konsumieren möchte, aber andererseits auch miteinander interagierende Zombies. Mag letzteres auf eine zombifizierte Gesellschaft hinweisen, die parallel oder gar statt der menschlichen existiert?

 

Ich finde, auch hier ist George A. Romero der Avantgardist, denn er hat in »Dawn of the Dead« bereits die Frage gestellt, ab welchem Punkt ein Mensch nicht mehr als Mensch, sondern als Untoter zu betrachten ist. Denn ein Mensch, der infiziert wurde, also erst einmal krank ist, wird durch diese Infektion in einen Zombie verwandelt. In »Dawn of the Dead«  ist es nun so, dass einer der Protagonisten infiziert wird und entsprechend von den anderen Überlebenden getötet werden muss, weil er zur Bedrohung wird. In »Day of the Dead« hingegen wird der Zombie Bub als Experiment von einem Wissenschaftler genutzt. Bub erinnert sich offensichtlich an seine frühere menschliche Identität als Soldat, er salutiert vor dem Militär und er kann eine Waffe durchladen. Das sind alles Dinge, die der Frage nachgehen, wie viel Mensch im Untoten steckt – und andersherum. In »Land of the Dead« wird letztlich ein Tankwart-Zombie zum Anführer der revoltierenden untoten Massen. Dort spielt das Aufbegehren gegen Klassenschranken eine wesentliche Rolle. Das finde ich sehr bemerkenswert! Hierin liegt meiner Meinung nach auch die enorme Qualität von Romeros Filmen begründet, sie denken stets Dinge vor.

 

Ja, man sieht in »Land of the Dead« eher die Zombies als Sympathieträger, die Menschen kommen da nicht so gut weg …

 

Auf jeden Fall! Die Menschen sind so unsympathisch, dass dabei die Frage aufkommt, ob die zombifizierte Gesellschaft nicht die bessere ist. Das ist glaube ich der Punkt, auf den du hinauswolltest.

 

Genau! Wenn man sich nun einmal vorstellt, die Zombie-Apokalypse bricht herein, es gibt nur noch wenige Überlebende. Damit kollabiert ja auch die Funktionsweise der gesamten Weltgesellschaft. Und letzten Endes müssen die Überlebenden dann neu anfangen. Das hat ja irgendwo auch etwas Befreiendes. Man muss nicht mehr zur Arbeit, man wird nicht mehr von irgendwelchen Rechnungen erdrückt. Hat dieser Neuanfang vielleicht schon einen utopischen Charakter?

 

Ja, schon. Auch das ist bereits bei Romeros »Day of the Dead« aufgegriffen worden. Am Ende landen die Überlebenden auf einer Insel, wo sich eine Mikrogesellschaft formieren kann – da ist durchaus utopisches Potential vorhanden. Allerdings wird dafür ein radikaler Preis gezahlt. Lass mich mal ein wenig ausholen …  Eines der Dinge, die im öffentlichen Diskurs geradezu tabuisiert werden, obwohl sie nicht zu verleugnen sind, ist die Überbevölkerung. Wir befinden uns ja mittlerweile auf einem Bevölkerungslevel, der vor 30 oder auch vor 20 Jahren noch nicht ansatzweise zu erahnen war. Und das ist etwas, das diese Filme unterschwellig mittransportieren. Letzten Endes rekurriert so etwas auf menschliche Urängste, nämlich auf die Angst vor dem Erdrücktwerden, nur eben nicht von etwas wie einem Erdrutsch, sondern von der schieren Masse an Menschen. Das besagte utopische Potential liegt hier, so radikal das klingen mag, in der rigorosen Entvölkerung, nur dann können sich besagte Mikrogesellschaften bilden, die eine Art Stammescharakter haben. Solche Lebensformen sind übrigens utopische Ideale, die in den 60er Jahren mit der Hippie-Bewegung aufkamen. Natürlich kann man etwas derartiges nicht unkritisch sehen. Denn wenn man so etwas als Utopie ernst nimmt, dann müsste man ja jede Form von Katastrophe begrüßen – ein hochgradiger Zynismus!

 

Wenn wir abschließend mal eine Prognose wagen wollen, dann würde ich behaupten, dass der Zombie ziemlich omnipräsent ist. Gerade »The Walking Dead« hat ja ein riesiges Franchise generiert. Man hört immer mehr Stimmen, die sagen »Oh nein, nicht schon wieder ein Zombiefilm, das nervt langsam!«. Aber es gibt ja durchaus immer neue Lesarten. Vor ein paar Jahren ging es ja etwa mit »Warm Bodies« für die Zombies in die Gefilde der romantischen Komödie. Denkst du, das Motiv ist irgendwann schlicht übersättigt? Oder werden die Untoten immer neue Bereiche für sich erobern?

 

Hm, schwierig. Ich zögere etwas, weil ich das Gefühl habe, dass diese Metapher mittlerweile an eine Grenze geraten ist, die vielleicht nicht mehr unbedingt fruchtbar ist. Es ist durchaus richtig, dass in den letzten Jahren nochmal nicht ganz so naheliegende Modelle durchgespielt wurden, die Sexualisierung des Motivs zum Beispiel. Etwa in »Dead Girl«, wo zwei Studenten eine Untote in einem Bunker entdecken und sexuell missbrauchen. Bis sie sich wehrt und entkommt. 

 

Mit »The Walking Dead« hast du eine Serie angesprochen, an der ich einen Gedanken zum besagten Erreichen der Grenze veranschaulichen kann: Die Serie ist von meinem Kollegen Marcus S. Kleiner als reine Gesellschaftsmetapher gelesen worden ist, dem würde ich auf jeden Fall zustimmen. Dort sind die Zombies nur ein Vorwand, um die Mechanismen von Gesellschaftsformierung und -auflösung zu thematisieren. Und genau das macht den eigentlichen Reiz aus. Deswegen werden die Zombies dort auch nicht Zombies genannt, deswegen werden sie in manchen Folgen gar nicht so richtig wahrgenommen, sie laufen halt herum, das war es dann auch. Und hier findet sich der Endpunkt: Die Überwindung der Metapher hin zu etwas viel Konkreterem. Ob man jetzt darauf aufbauend noch etwas wirklich Neues entwickeln kann, warte ich mal gelassen ab. Ich muss zugeben, dass ich – obwohl der Film insgesamt sehr negativ aufgenommen wurde – »World War Z« in dieser Hinsicht ganz interessant fand. Denn dieser Film geht das Apokalyptische, das globale, das transkulturelle Moment nochmal anders an. Bei all seinen sonstigen Schwächen bringt er so eine nochmals etwas andere Lesart des Motivs ein; zwar nicht in Details, aber grundsätzlich schon.

 

 

Das Interview erschien zuerst in: phantastisch! 69 (2018).