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Horror aus der Vergangenheit? Grauen und historische Quellen in "The Witch"

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

Auf der jüngst beendeten Tagung der dgv-Kommission für Kulturen populärer Unterhaltung und Vergnügung, „Mediated Passt – Popular Pleasures“ (Berlin, 4.-6. Oktober 2018), berichtete der Kulturwissenschaftler Manuel Trummer von der Rückkehr bzw. Erneuerung eines kleinen, aber interessanten Filmgenres, nämlich des sogenannten „Folk Horror.“ Die ursprünglich in den 1970er Jahren entwickelten Filme erzählen von modernen, urban geprägten ProtagonistInnen, die es aufs Land verschlägt – wo sie dann auf eine Dorfbevölkerung treffen, die meist heidnische Fruchtbarkeitsriten durchführt, welche natürlich nur durch ein Menschenopfer funktionieren. Die Städter bangen sodann um ihr Leben. Bestes Beispiel dieses Subgrenres, „The Wicker Man“ von 1973, wurde zwar für das große Hollywoodkino 2006 mit Nicolas Cage neu verfilmt, jedoch floppte das Remake, während das Original bis heute Kultstatus besitzt.

 

Allen Filmen des Folk Horror ist gemeinsam, dass sie das Ländliche zu einem Raum des Andersartigen, ja Monströsen stilisieren. Das Dorf wird zum Rückzugsort für all jene, die von der Industrialisierung und Modernisierung unseres Lebens abgehängt wurden und sich deshalb auf eine diffuse, irgendwie gruselige Geschichte in Form merkwürdiger Rituale zurückbesinnen. Manchmal darf es dann die urbanen ZuschauerInnen gruseln, wenn sie die blutigen Schicksale ihrer Hauptfiguren verfolgen: Seht her, die armen, modernen Städter, wie sie von den verrückten Dörflern für altertümliche Kulte missbraucht werden. Manchmal darf aber auch die Dorfbevölkerung triumphieren oder sich zumindest für die Bedrohungen der Modernisierung rächen, indem sie beispielsweise von den Toten wiederaufersteht.

 

Diesem Trend des Ländlichen als Raum der Bedrohung folgt auf den ersten Blick auch „The Witch“ von Robert Eggers aus dem Jahr 2015. Hier wird die Familie des Neu-Engländers William nach einer religiösen Auseinandersetzung aus der puritanischen Gemeinschaft verstoßen und zieht Mitte des 17. Jahrhunderts an einen Waldrand in Nordamerika. William und seine Frau Katherine sind extrem gläubig, beide hoffen auf ein erfülltes Leben in der Wildnis, das sie nun endlich so gottgefällig gestalten können, wie sie es sich wünschen. Mit dabei sind die jugendliche Tochter Thomasin, der etwas jüngere Caleb, die Zwillinge Jonas und Mercy sowie Baby Samuel. Was die Familie nicht weiß: Im Wald lebt eine Hexe, die alsbald Samuel aus der Obhut Thomasins stiehlt, um ihn für ein teuflisches Ritual zu opfern. Aus diesem und weiteren Gründen gerät Thomasin unter Verdacht, selbst eine Hexe zu sein, während sich die merkwürdigen Ereignisse auf dem Hof am Waldrand weiter häufen.

 

Die Erzählung des Films ist auf den ersten Blick weder sonderlich innovativ noch gruselig, denn Eggers erzählt ganz gradlinig und ohne Jump Scares, wie die puritanische Familie nach und nach von einer Hexe heimgesucht und zerstört wird. Und doch hat sich „The Witch“ zwischen 2015 und 2016 zu einem kleinen Hit des Independent Kinos entwickelt, wurde sogar als Revolution des Horror-Genres gehandelt. Bemerkenswert ist dabei die detailverliebte Quellentreue, mit der Eggers sein Werk entwickelt hat: Durch seinen Rückgriff auf Dokumentationen historischer Hexenprozesse und Gebetstücher aus dem 17. Jahrhundert – kombiniert mit aktuellem historiographischen Wissen über die Lebenswelt einfacher Menschen dieser Epoche – erzählt der Film letztlich von frühneuzeitlichen Hexen- und Teufelsvorstellungen und deren religiösen Verhandlungen innerhalb der Gemeinschaft. Das Andere, das Grauen, der „Horror“ des Films entspringt scheinbar der Geschichte, genauer: den historischen Quellen. Durch sein Werk macht Eggers die Ängste historischer Akteure erfahrbar, lässt uns an ihren Albträumen teilhaben.

 

Der Film ist jedoch weit davon entfernt, ein schlichter HIstorienstreifen mit Horrorelementen zu sein. Hätte Eggers sich darauf beschränkt, historische Ängste vor Hexen darzustellen, wäre sein Werk wohl schnell in der Versenkung verschwunden. Dass dies nicht der Fall ist, lässt sich erklären, wenn wir uns fragen, wo eigentlich wirklich das Grauen in „The Witch“ zu finden ist: Wird es tatsächlich durch die Hexe im Wald verkörpert, die die Familie immer wieder heimsucht, die Ernte vernichtet und die Kinder stiehlt? (Achtung, ab hier wird gespoilert!) Dann wäre die Erzählung ein Erfolg des Bösen, denn am Ende des Films ist nur noch die – zu unrecht beschuldigte – Thomasin übrig, die sich schließlich dem Teufel anvertraut und so tatsächlich selbst eine Hexe wird. Eggers erzählt aber eigentlich eine andere Geschichte, nämlich die von einer durch religiösen Eifer und Rechtschaffenheit zerfressenen Familie: Deren Oberhaupt William fordert immer wieder Deutungshoheiten in Sachen Glaube und Moral ein, handelt jedoch selbst nicht immer danach und stürzt die Familie durch seinen Hochmut in die soziale Isolation. Während weder der jüngere Caleb noch die durchtriebenen Zwillinge irgendetwas falsch machen können, wird die jugendliche Thomasin immer weiter in die Enge getrieben und soll sogar fortgeschickt werden. Ihre Rolle innerhalb des Familienverbands gleicht der einer Magd, wird doch von ihr erwartet, die jüngeren Geschwister zu hüten und den Haushalt mitzuführen. Sämtliche Bedürfnisse nach Nähe, Anerkennung oder gar individueller Entfaltung werden von der Religiosität der Familie unterdrückt, ihre körperliche Entwicklung zur Frau beargwöhnt. Die übernatürlichen Vorkommnisse auf dem Hof treiben die Figuren in ein Klima des Misstrauens, das sich ausschließlich auf Thomasin richtet. Es verwundert daher kaum, dass der Teufel – für einen Moment der tierischen Gestalt des Ziegenbocks „Schwarzer Phillip“ entschlüpft und nur diffus im Hintergrund der Szenerie erkennbar – Thomasin bereits mit den Versprechungen nach schöner Kleidung und frischer Butter verführen kann. In einem Akt weiblicher Befreiung nimmt Thomasin so schließlich die Rolle an, die ihre nun tote Familie ihr zugedacht hat.

 

Das Andersartige der Hexe, verortet im angrenzenden Wald, wird so zum Sehnsuchtsort unerfüllter Freiheiten und umfassender Akzeptanz, in den Thomasin in der letzten Sequenz des Films völlig nackt hinübergeht. Das Grauen jedoch hatte die junge Frau längst vorher erfahren, nämlich innerhalb der familiären – und religiösen – Gemeinschaft.

 

Anders als bei den üblichen Filmen des Genres verlagert Eggers also den Horror nicht nur in den ländlichen Raum, sondern in die innersten Kreise unseres Zusammenlebens, in die Familie. Die Ängste vor Hexen und düsteren Wäldern entlarvt er genauso als Motoren der eigenen Zerstörung wie den fanatischen Glauben. Die Hexe Thomasin ist nichts weiter als das Produkt dieser fehlgeleiteten Ängste und Religiosität; erst durch das gegenseitige Misstrauen und den beständigen (Aber-)Glauben an sie wird sie real. Oder anders gesagt: Hätte die Familie von William in Liebe und gegenseitigem Verständnis zusammengehalten, wie ihre Religion es von ihnen verlangte, wäre die böse Hexe vielleicht einfach im Wald geblieben.