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Monster machen. Vlad III. im Fokus westeuropäischer Othering-Mechanismen

Vlad III., Gemälde aus dem 16. Jahrhundert, Anonymous [CC-PD]

 

Ein Beitrag von Jan Niklas Meier

Der nachfolgende Text geht zurück auf einen Vortrag aus dem "Examensseminar zur mittelalterlichen Geschichte" von Prof. Dr. Michael Rothmann an der Leibniz Universität Hannover. Scius-Verleger Jan Niklas Meier stellt darin sein Dissertationsvorhaben an der FU Berlin (Lehrstuhl Prof. Dr. Jutta Eming) vor.

 

In meinem Dissertationsprojekt an der Freien Universität Berlin befasse ich mich mit Monstern. Das klingt auf den ersten Blick etwas seltsam, bei näherer Betrachtung findet sich dann aber doch eine historische Dimension des Themas, wie hoffentlich deutlich werden wird. Ich habe meinen Text ganz plakativ mit Monster machen überschrieben. Der Untertitel ist dann bereits etwas spezifischer, es geht um Vlad III. im Fokus westeuropäischer Othering-Mechanismen.

 

Der Arbeit liegen also drei Begriffe zugrunde: Monster, Vlad III und Othering.

 

Ich greife in meiner Argumentation einen Diskurs auf, der sich – traurigerweise, möchte man sagen – seit dem frühen Mittelalter durch die europäische Geschichte zieht: Die Ausgrenzung des vermeintlich Anderen. Othering meint in diesem Kontext die Etablierung einer vermeintlich homogenen Gruppe, indem man alle Anderen, alle, die nicht einem ethnischen, kulturellen, religiösen oder sexuellen Ideal entsprechen, ausgrenzt. Alles, was nicht zu einer Kultur passt, was ausgegrenzt wird, repräsentiert nun also das intendierte Andere. Und jenes Andere inkarniert sich unter anderem in Monstern.

 

Das Monströse ist demnach stets zeichenhaft, es verweist auf etwas, ihm ist immer eine gewisse Form von Alterität eingeschrieben, sei diese nun eben ethnischer, sexueller, kultureller oder politischer Natur. Im monströsen Leib spiegelt sich das intendierte Andere einer Kultur, das Monster zeigt Tabus auf und enthüllt dabei gleichzeitig latentes Begehren. Es dient als Marker der Abgrenzung des Eigenen hin zum Anderen, zum Fremden. Damit ist es prädestiniert, zum Instrument von Othering-Prozessen zu werden.

 

Das Mittelalter nun verortete seine zumeist aus der Antike tradierten Monster – die Wundervölker – am Rand der damals bekannten Welt. Die Frage nach dem Stellenwert solcher Wesen im göttlichen Schöpfungsplan ließ das Monströse in jener Epoche zum Bestandteil theologischer Diskurse werden und bewirkte eine verstärkte wissenschaftliche Auseinandersetzung zahlreicher Gelehrter mit dem Phänomen der Wundervölker. Diese Diskussion wurde darüber hinaus auch auf naturkundlicher Ebene geführt, indem das Monster Eingang in mittelalterliche Enzyklopädien fand, die verschiedene Wundervölker nebst ihren Eigenschaften – also der Form bzw. dem Grad ihres Abweichens von der intendierten Normalität – detailliert auflisten. Zunächst wurden diese Wundervölker aber (zumeist) als nicht gefährlich für den Menschen angesehen; unter anderem, weil sie an unzugänglichen Orten lebten.

 

Im Verlauf des Mittelalters trat zu der theologisch-wissenschaftlichen Diskussion um die Monster ein politischer Aspekt hinzu: Der Begriff Monstrosität wurde zur Diffamierung eindringender Feinde genutzt, indem man sie als von der menschlichen Norm abweichend darstellte. Das Monster als Schwellenbewohner eignete sich nun besonders zur Kartierung eines Weltbilds, das die Erde in Zentrum und Peripherie unterteilte. So ist das christliche ‚Abendland‘ von Wildnis umgeben. Geographisch betrachtet unterscheidet eine derartige Teilung zunächst Westen und Osten, eben ‚Abendland‘ und ‚Morgenland‘.

 

In der deutschsprachigen höfischen Literatur findet sich der Zusammenhang von Monstrosität und von außen Eindringender besonders in Bezug auf jenen intendierten Gegensatz. Im ‚Parzival‘ erscheint etwa die Gralsbotin Cundrie als Grenzgängerin zwischen Orient und Okzident, wenngleich sie nicht als negative Figur dargestellt wird. In Wolframs ‚Willehalm‘ dagegen treten die Muslime als Antagonisten auf, die im Heer Gorhants gemeinsam mit monströsen Wesen kämpfen. Auch in christlich-theologischen Schriften lässt sich in Bezug auf den Umgang mit dem Islam ein Konzept des Othering erkennen: Das mittelalterliche Weltbild besetzt das Nahe mit dem Eigenem, dem Vertrauten, wohingegen das Ferne mit dem Fremden, dem Gefährlichen konnotiert wird. Die in der Peripherie situierten Monster galten entsprechend nicht nur als Gegensatz zur kulturellen Ordnung des (europäischen) Zentrums, sondern wurden ebenso als minderwertig erachtet. Ein Beispiel ist etwa Alain von Lilles Contra Paganos aus dem 12. Jahrhundert.

 

Waren es im 12. und 13. Jahrhundert besonders die Kreuzzüge, welche die Entstehung einer eindimensionalen, gegensätzlichen Darstellung des Verhältnisses von ‚Orient‘ und ‚Okzident‘ beförderten, brachte die osmanische Expansion einen zweiten Höhepunkt, der, unter anderem durch die technische Neuerung des Buchdrucks, eine Flut von Werken zum Thema zur Folge hatte. Das Monströse dient dort einer anti-osmanischen Propaganda, um das eigene christliche Selbstvertrauen zu stärken.

 

An dieser Stelle sei nur eines von vielen möglichen Beispielen eingebracht: ein Kupferstich, entstanden im 16. Jahrhundert vermutlich in Italien. Gezeigt werden zwei Gestalten, zwei Köpfe, die mit typisch osmanischen Attributen versehen sind. Auf der einen Seite wird die Pracht der Osmanen gezeigt, sie sind mächtig, schüchtern in ihrer herrschaftlichen Erscheinung gar ein. Dreht man den Stich aber um 180 Grad, so kann man – zumindest wenn es nach Meinung des Künstlers geht – das vermeintlich wahre Gesicht der Osmanen kennenlernen: Die Drehung macht aus den reichen, prächtig gekleideten Männern monströse Mischwesen. Dieses allein auf das Äußere zielende Beispiel mag an dieser Stelle exemplarisch für das gegen die Osmanen gerichtete monströse Othering stehen: Ihnen wird in Quellen – seien das nun Flugschriften, Spruchgedichte oder sonstige Zeugnisse – ein monströses Äußeres genauso wie ein monströses Handeln, ein Verstoß gegen christliche Werte und Normen unterstellt.

 

 

Anonymer Kuperstich aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Italien [CC-PD].

 

Doch damit nicht genug: Jene Form des Othering konnte sich ebenso gegen Christen richten – zumindest in einem Fall möchte ich ein solches Vorgehen nachweisen, nämlich anhand des walachischen Woiwoden Vlad III. Tepes Drăculea. Jener lebte in einer Welt des Krieges. Die Walachei war seit langer Zeit ein stark umkämpfter Raum, als der junge Vlad 1431 als Sohn des gleichnamigen Woiwoden geboren wurde. Sein Vater trug den Beinamen dracul, der Drache. Drăculea bedeutet dann soviel wie „der Sohn des Drachen“. Vlads Vater regierte ein Fürstentum, das stark bedrängt wurde: Am Rand des christlichen Raums gelegen, drangen die Osmanen immer weiter nach Westen vor. Nominell gehörte die Walachei zum Königreich Ungarn. Für den älteren Vlad galt es nun also, einerseits seinem König die Treue zu halten, andererseits irgendwie dem osmanischen Ansturm zu widerstehen. Als wäre dies nicht genug, hatte er auch noch innenpolitische Konflikte, geboren aus der Besiedlung der Gegend durch vier verschiedene Ethnien, zu lösen. Der Woiwode fuhr in dieser Situation einen gefährlichen Kurs: Er wechselte die Seiten, je nachdem, wie es die jeweilige Lage erforderte. Ein Beispiel: 1437 musste Dracul sich dem Druck der vordringenden Osmanen beugen und sein Fürstentum in die Tributpflicht führen. Bereits drei Jahre später kämpfte er jedoch wieder für die christliche Sache, als der siebenbürgische Woiwode Johann Hunyadi einen militärischen Erfolg nach dem anderen gegen den Sultan errang.

 

Sich der Sprunghaftigkeit seines Vasallen bewusst, suchte Sultan Murad II. dessen Treue dadurch abzusichern, dass er die Söhne des Woiwoden an seinem Hof als Geiseln hielt – ein zu damaliger Zeit durchaus gewöhnliches Vorgehen. Der jüngere Vlad und sein Bruder Radu erhielten am osmanischen Hof nun eine umfassende Bildung; vermutlich sollten sie nach ihrer Rückkehr von der Überlegenheit der osmanischen Kultur berichten.

 

Nach dem Tod seines Vaters – Dracul hatte erneut die Seiten gewechselt und dafür einen hohen Preis bezahlt – strebte Vlad nach dem Fürstenthron der Walachei. Um sich durchsetzen zu können, benötigte er jedoch osmanische Unterstützung, dank der er 1448 an die Macht gelangte. Der Siebenbürger Hunyadi hatte jedoch eigene Vorstellungen hinsichtlich der walachischen Thronfolge; er vertrieb Vlad bereits zwei Monate später und setzte seinen eigenen Kandidaten ein. Für den jungen Mann begannen nun Jahre der Wanderschaft. Ausgestattet mit einem mehr oder minder legitimen Thronanspruch war Vlad auf der Suche nach Verbündeten. Inzwischen folgte im Osmanischen Reich Mehmet II. seinem Vater Murad auf den Thron. Der ehrgeizige neue Sultan rüstete zum erneuten Sturm auf Europa und eroberte 1453 Konstantinopel. Plötzlich war die Gefahr für Zentraleuropa viel konkreter geworden! Der Wegfall der christlichen Schutzmacht am Bosporus erzeugte einen immensen Druck auf die Herrscher des Abendlandes. Auch die Walachei wurde zum Ziel Mehmets. Der dort eingesetzte Fürst vermochte dem Ansturm nicht zu widerstehen und unterwarf sich dem Sultan. Hunyadi sah nun die osmanischen Truppen vor der eigenen Tür, weshalb er sich beeilte, den vertriebenen Vlad auf den Thron zu hieven – er versprach sich von ihm militärische Erfolge, war der junge Mann doch seit seiner Kindheit mit der osmanischen Kultur und dem Militär der Feinde vertraut.

 

Der neue Woiwode handelte schnell. Er schloss Bündnisverträge mit dem ungarischen König und den Sachsenstädten, einflussreichen Handelsorten deutscher Siedler in Siebenbürgen. Der neue Vertrag wurde bald auf die Probe gestellt, als Mehmet 1456 in die Walachei einfiel. Prompt versagten die Sachsenstädte die versprochene Unterstützung. Der Feldzug ging verloren, Vlad musste den Osmanen tributpflichtig werden. Als Reaktion schränkte der Woiwode die sächsischen Handelsprivilegien in der Walachei ein, woraufhin die Städte einen Thronprätendenten bei sich aufnahmen. Vlad forderte dessen Herausgabe, erhielt jedoch eine ablehnende Antwort. Daraufhin ging er im Frühjahr 1457 gegen die Sachsen vor und führte brutale Strafexpeditionen durch, erst drei Jahre später wurde ein Waffenstillstand ausgehandelt. Machte sich Vlad hierdurch ziemlich unbeliebt bei den Großen im eigenen Reich, entmachtete er noch dazu die Bojaren, also letztlich den Adel unter dem Fürstenrang, um sich selbst als starke Zentralgewalt zu etablieren. 1460 fühlte er sich mächtig genug: Er verweigerte den fälligen Tribut und erklärte dem Sultan den Krieg.

 

Derweil war in Rom Enea Silvio Piccolomini als Pius II. zum neuen Papst erwählt worden. Der neue Heilige Vater fasste nun sogleich den Beschluss, ein gesamteuropäisches Bündnis gegen die Osmanen zu schmieden. Ein solcher Plan stieß bei den Herrschern betreffender Länder jedoch auf wenig Gegenliebe, sodass sich schließlich nur Vlad und der ungarische König Matthias Corvinus zum Waffengang bereit fanden. Der walachische Woiwode ging 1461 gegen die Osmanen vor und verwüstete Teile des heutigen Bulgariens. Im Februar 1462 schickte er Corvinus zwei Säcke voll abgetrennter Ohren und Nasen zum Beweis seines Erfolgs. Hiermit wollte er um Unterstützung zur Abwehr von Mehmets unweigerlich erfolgenden Gegenschlags werben. Corvinus jedoch war durch innenpolitische Streitigkeiten gebunden und fürchtete weiterhin die Rache der Osmanen, sodass er den Woiwoden vertröstete. In der Zwischenzeit musste sich Vlad aus Bulgarien zurückziehen, da die Osmanen seinen Bruder Radu als neuen Fürsten der Walachei etablieren wollten. Der ungarische König hatte sich mittlerweile gegen Vlad entschieden, brauchte jedoch eine Rechtfertigung, da er dem Papst ja Unterstützung der militärischen Aktionen zugesagt hatte. In dieser Situation tauchten drei Briefe auf, die Vlad an hohe osmanische Würdenträger geschrieben haben soll. Corvinus ließ den Woiwoden auf dieser Grundlage als Verräter verhaften und unter Arrest stellen. Bis heute ist die Forschung uneinig, ob es sich bei den Schriftstücken um Fälschungen handelt.

 

Mitte der 1470er Jahre kam es erneut zu militärischen Auseinandersetzungen mit den Osmanen und Vlad Drăculeas Dienste als Feldherr wurden wieder benötigt. Zusammen mit dem siebenbürgischen Woiwoden Stefan Báthory sollte Vlad Stefan von Moldau unterstützen. Hierfür setzte man ihn erneut als Woiwoden der Walachei ein. Im Zuge dieser Kämpfe starb er. Angeblich wurde der Woiwode im Kloster Snagov bestattet, das vermutete Grab wurde allerdings in den 1980er Jahren geöffnet und leer vorgefunden, sodass die eigentliche Begräbnisstätte bislang unklar ist.

 

Soviel zu einem historischen Abriss. Doch wer war nun Vlad? Die Quellen zeichnen ein überaus heterogenes Bild seiner Person. Grundsätzlich sind hier Dokumente dreierlei verschiedener Provenienz zu unterscheiden: westeuropäische (letztlich: deutsche) Quellen, osteuropäische und osmanische. Die osteuropäischen, zumeist nicht zeitgenössischen Quellen verehren Vlad als harten, aber gerechten Herrscher, als Verteidiger des Landes gegen einen schier übermächtigen Feind. Die osmanischen Quellen stellen generell Vlad als Feind des Reiches in den Fokus ihrer Betrachtungen. Sie präsentieren ihn zwar als grausam, mit allen Mitteln kämpfenden Gegner, erkennen aber teils durchaus sein militärisches Können an, gerade bei den postbyzantinischen Autoren schwingt durchaus Hochachtung für die entsprechenden Fähigkeiten des Woiwoden mit. Für mein Dissertationsvorhaben zentral sind nun aber die westeuropäischen, die deutschen Quellen. Denn jene thematisieren nahezu ausschließlich Vlads intendierte Grausamkeit, sein unmenschliches, sein monströses Verhalten. In diesen Zeugnissen erscheint der Woiwode als bloßer Schlächter, der das Töten und das Foltern von Christen über alle Maßen genießt – darüber hinaus wird er – und das ist zentral, wie zu zeigen sein wird – als Osmane präsentiert.

 

Zurück zur eben gestellten Frage: Wer war Vlad? Offenbar war er ein talentierter Feldherr, ein geschickter, aber skrupelloser Herrscher und ein guter Kenner der osmanischen Kultur. Für die Menschen in Westeuropa war er aber vor allem eines: ein blutrünstiges Monster. Sie Sachsenstädte mochten den Woiwoden aus naheliegenden Gründen nicht und auch Corvinus war nicht gut auf ihn zu sprechen und daran gelegen, ihn zu diffamieren. Vermutlich ihnen ist es zu verdanken, dass in Europa zahlreiche diffamierende Schriften und Flugblätter kursierten, die Vlad eine unmenschliche Grausamkeit unterstellten. Es hieß beispielsweise, er hätte im Kontext seiner Entmachtung des walachischen Adels 500 Bojaren  pfählen lassen, indem man sie auf senkrecht gestellte, vorn zugespitzte Holzpfähle aufspießte.

 

Neben diesen politisch motivierten Hinrichtungen unterstellte man dem Woiwoden aber auch eine vollkommen willkürliche Grausamkeit, wenn er etwa die Frau eines Bauern getötet haben soll, weil diese ihrem Mann ein zu kurzes Hemd genäht hatte.

 

Das Pfählen ist in diesen Quellen Vlads bevorzugte Hinrichtungsmethode, daher auch sein posthum verliehener Beiname Țepeș (rumänisch für „der Pfähler“).  Diese ausgesprochen qualvolle Art der Bestrafung kannte der Woiwode wohl aus dem osmanischen Reich, wo sie bereits seit langer Zeit angewandt wurde. Vlad ließ – so lassen es zumindest zahlreiche bildliche Darstellungen vermuten – die Verurteilten durch den After auf aufrecht stehende Spieße stecken – eine im Osmanischen Reich angewandte Hinrichtungsart bei Sexualdelikten.

 

 

Holzschnitt, Nürnberg (?), 1499 [CC-PD]

 

Ein ganz wesentlicher Punkt der Schilderungen von Vlads Grausamkeiten in Westeuropa ist der folgende: Sie erfolgen keineswegs planlos, sondern sollen dem Woiwoden ganz gezielt Eigenschaften zuschreiben, die man sonst aus gegen die Osmanischen Feinde gerichteter Propaganda kannte – nur dass bei Vlad die Grausamkeit entsprechend potenziert wurde. Vlad wurde so zum osmanischen Monster – doch nicht nur das. Er als der übergelaufene Christ, als der Verräter war noch viel schlimmer als die Osmanen. Dies äußerst sich in den folgenden Aspekten:

 

- Vlads Gewalt und Grausamkeit richtet sich gegen Christen, NICHT gegen Osmanen

- Vlad pfählt, und er tut dies auf eine dezidiert osmanische Art und Weise

- Vlad ergötzt sich an der Gewalt, die er anrichtet

- Vlad wird mit osmanischen Attributen, etwa einem Turban abgebildet.

- Und schlussendlich: All dies ist nur die logische Konsequenz daraus, dass Vlad am      osmanischen Hof aufwuchs, wo er jene schrecklichen Dinge erlernte.

 

Eine weitere Frage, die ich in einer Form von Exkurs thematisieren möchte, betrifft Vlads tatsächliche Grausamkeit. Wenngleich die westeuropäische Darstellung bei weitem übertrieben ist – einige Quellen sprechen etwa von nahezu 100.000 Menschen, die Vlad gepfählt haben soll – lässt die Einheitlichkeit, mit der auch osmanische und osteuropäische Quellen von Hinrichtungen durch Pfählen sprechen, darauf schließen, dass der Woiwode durchaus eine gewisse Vorliebe für diese Art der Bestrafung hatte. Die wenige zu diesem Aspekt vorliegende Literatur geht davon aus, dass Vlad schlicht und ergreifend hart durchgreifen musste, um im umkämpften Raum seines Wirkens bestehen zu können. Meines Erachtens ist dieses Argument zwar richtig, greift aber zu kurz. Zunächst diente das Pfählen vermutlich als eine Art Imagepflege, Vlad schürte also bewusst eine Art Aura der Angst um sich, um es etwas plakativ auszudrücken. Darüber hinaus möchte ich allerdings einen psychohistorischen Ansatz bemühen:

 

Vlad und sein Bruder Radu waren in ihrer Kindheit und Jugend Geiseln am osmanischen Hof unter Sultan Murad. Dessen Sohn Mehmet sollte später als Mehmet II Vlads Gegenspieler auf osmanischer Seite werden. Doch bereits während ihrer Kinder- und Jugendzeit scheinen die beiden verfeindet gewesen zu sein, osmanische Quellen sprechen von Züchtigungen Vlads, weil dieser im Streit mit Mehmet gelegen habe. Interessant für die Argumentation des Pfählens ist aber ein besonderer Verweis in einer osmanischen Chronik: Es heißt dort, Mehmet sei in Liebe zu Radu entbrannt und hätte den jungen Mann zu homoerotischen Handlungen genötigt, welche selbiger nicht nur über sich ergehen ließ, sondern sie gar genossen hätte. Vlad hätte dieses bemerkt und sei handgreiflich geworden, woraufhin er gezüchtigt worden sei. Im Erwachsenenalter stehen sich nun Vlad sowie Mehmet (und später auch Radu auf osmanischer Seite) als militärische Feinde gegenüber. Während die deutschen Quellen nun ausschließlich Vlads intendierte Gewalt gegen Christen thematisieren, sprechen osmanische und osteuropäische Zeugnisse durchaus von zahlreichen Pfählungen muslimischer Soldaten. Ich möchte nun den Schluss anregen, den Akt des Pfählens durch den After der Soldaten Mehmets und Radus als nachträglich motivierte Strafe Vlads zu verstehen, indem er durch die Art der Hinrichtung den homoerotischen männlichen Geschlechtsakt nachzuahmen sucht.