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David Klein: "Der Ewige Tanz" - Eine Leseprobe

Der erste Tanz

 

In den engen Straßen von Straßburg türmte sich der Abfall bis zum Himmel. So schien es zumindest. Stinkende Haufen, in denen sich der ganze Schmutz und das Elend ihrer Bewohner sammelte und ihren abscheulichen Dunst durch die Viertel der Großstadt im Jahre 1518 trug. Gregor Horstius, ein renommierter Professor der Medizin, streifte durch die verwinkelten Gassen und hielt sich die Nase mit einem parfümierten Tuch zu. Er hatte alle Mühe, streunenden Hunden und aufdringlichen Bettlern auszuweichen. Die Stadt quoll förmlich über vor Obdachlosen. Der schwarze Tod, der noch  vor etlichen Jahren in der Stadt gewütet hatte, hatte die Menschen designiert und schwer gezeichnet zurückgelassen. Die Furcht vor einem erneuten Ausbruch war noch tief in den Herzen der Einwohner verankert. Und wann immer jemand zu husten begann oder sich auffällig am Körper kratzte, brachen Umstehende in Panik aus, die nicht selten in Hysterie umschlug. Und das, obwohl es seit Jahren keine Fälle mehr gegeben hatte und die Kirche offiziell das Ende der Pest verlauten ließ. Trotz ihrer Botschaft waren die Menschen noch immer misstrauisch und wachsam.

Vor zwei Wochen hatte Gregor dann diesen Brief bekommen. Paracelsus, ein legendärer, aber auch umstrittener Gelehrte hatte ihn gebeten, nach Straßburg zu kommen. In diesem Brief war die Rede von einer Plage, dessen Natur weitaus unheimlicher und mysteriöser war als die der Pest. Es handelte sich um die sogenannte Tanzwut, eine Krankheit, die die Befallenen in sabbernde und besinnungslose Kreaturen verwandelte. Gregor hatte ihr in den letzten Jahren einen Großteil seiner Aufmerksamkeit geschenkt. Nur wenige wussten überhaupt von ihrer Existenz, ja viele hielten sie nicht einmal für eine richtige Krankheit, sondern für eine Strafe Gottes oder das Werk des Teufels. Begegnete man einem dieser Tanzwütigen, so zog schon ein Einzelner von ihnen Dutzende, wenn nicht hunderte Leute an, um mit ihnen ohne jeglichen Grund zu tanzen.

Gregors Forschungen reichten bis ins Jahr 1108 nach Aachen, wo es den ersten großen Vorfall mit vielen Toten gegeben haben soll. War das nicht schon verstörend genug, so stieß der Professor auf Berichte, in denen ausführliche Beschreibungen und Beobachtungen niedergeschrieben waren und davon erzählten, dass den Tanzwütigen der Schaum aus dem Mund gequollen sei und ihre Augen vor Besessenheit gefunkelt hätten. Tag und Nacht sollen sie getanzt haben, bis sie schließlich die Erschöpfung dahinraffte. Gregor schüttelte sich bei dem Gedanken. Schrecklich, eine wahre Tragödie, die scheinbar nun ihre todbringenden Klauen bis an die Stadttore Straßburgs streckte, wenn er den Erzählungen aus dem Brief Glauben schenken durfte. Paracelsus berichtete darin von einem Vorfall, der vor nicht allzu langer Zeit im Gebiet um die Stadt passiert sein soll.

Trotz allem stand Straßburg in der Blüte seiner Zeit. In der Stadt fand ein  regelrechtes Aufeinandertreffen humanistischer und reformatorischer Denker statt. Doch auch Straßburgs Infrastruktur erblühte. Prächtige Kirchtürme wuchsen aus einem dichten Meer von Dächern heraus. Durch die eng verzweigten Viertel Straßburgs schlängelte sich die Ill hindurch, vorbei an den imposanten Bauten der Stadt, die besonders durch ihre Giebel und Zinnen bestachen. Der Fluss umfasste die ganze Innenstadt. An manchen Tagen und am richtigen Ort  war diese Stadt eine wahre Bereicherung für das Auge. Würde sie doch nur nicht von der drohenden Plage überschattet, die sich wie eine schwere Gewitterwolkendecke über ihr aufbaute.

Gregor fröstelte und beobachtete, wie ein Paar aus einem Juweliergeschäft trat; der Frau lag ein von Glück beseeltes Lächeln auf den Lippen, der Mann hingegen ließ den Blick misstrauisch durch die Gasse streifen. Doch als er den Stadtgardisten erblickte, der eine lange Pike hielt und auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand, entspannte er sich.

Gregor folgte dem Paar, welches den Stadtkern ansteuerte. War es zuvor noch ruhig, prallte nun ein reges Stimmengewirr von den hohen Fassaden der Fachwerkhäuser ab und hallte durch die ganze Straße. Dazu gesellte sich der rhythmische Klang einer Fiedel, gepaart mit dem Geplärr alter Marktweiber. Gregor näherte sich seinem Ziel. Als sich dann der Schatten einer gewaltigen Kirche über ihn legte, wusste er, dass er endlich am Ziel angekommen war. Vor ihm erhob sich das Wahrzeichen der Stadt:

Das Straßburger Münster.

Eine Kathedrale, deren Glanz und Schönheit in keinem Vergleich zu irgendeiner anderen ihm bekannten Kathedrale stand. Gregor hatte diesen Ort bisher nur einmal in seinem Leben besucht, doch das reichte schon lange Zeit zurück. Und damals schon hatte ihn der Anblick des Gotteshauses in Ehrfurcht versetzt. Die Glocken begannen zu läuten und schreckten einen Schwarm Tauben auf, der gurrend emporstieg. Der Professor sah sich auf dem gepflasterten Platz um. Wohin er auch sah, strömten Menschen an bunten Ständen vorbei, ignorierten geflissentlich die Händler, die lautstark ihre Waren anpriesen und versuchten, potenzielle Kunden mit Locksprüchen für sich zu gewinnen. Inmitten der Menge jonglierten Narren, trieben Schabernack mit den Bewohnern und hüpften lachend  durch den Strom. Kinder spielten mit Stöcken, legten sie wie Musketen an und lachten dann, als sich einer der Getroffenen zu Boden warf und so tat, als erläge er seinen imaginären Verletzungen.

Hätte Gregor das parfümierte Tuch nicht dabeigehabt, hätte ihn der beißende Fischgeruch auf dem Markt glatt umhauen. Seltsamerweise störten ihn derartige Gerüche mehr als der Gestank eines menschlichen Wesens, mochten es Verwesung, eitrige Wunden oder Ausscheidungen sein.

Doch je tiefer er in den Markt eindrang, umso intensiver wurden die Düfte. Er  roch süßen Branntwein, Minze und Thymian, dazu würziges gebratenes  Fleisch. Gregor merkte jetzt, wie hungrig er eigentlich war. Dennoch  zwang er seinen knurrenden Magen zur Ruhe und setzte seinen Weg fort. Über den Köpfen der Straßburger fand er schließlich, wonach er  suchte. Ein pompöses Stadthaus mit einem Backsteinturm zwängte sich zwischen zwei prächtige Häuser. Das Haus lag direkt am östlichen Rand des Platzes und bot von dort aus einen ausladenden Blick auf die Kathedrale. Nach viel Zedern, Schubsen und Fluchen schaffte es Gregor aus dem Getümmel heraus und stand schließlich vor der Eingangspforte. Der Professor drückte die Schultern durch, glättete die Ärmel seiner Gelehrtenrobe, die schon arg in Mitleidenschaft gezogen worden war, und klopfte an der wuchtigen Eichentür, die von zwei goldenen Löwenköpfen bewacht wurde. Nur ein kurzer Augenblick verstrich bis ihm ein schwarzgekleideter Diener die Pforte öffnete. »Ich grüße Euch. Wünscht Ihr, den Hausherrn zu sprechen?« 

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