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Ein Ozean der Lesarten: "Der Weiße Hai" - Teil 2

Die Vereinigten Staaten durchleben Mitte der 1970er Jahre eine Krise. Skandale und die Niederlage in Vietnam brachten die Menschen dazu, die Identität ihres Landes zu hinterfragen, das Vertrauen zu verlieren. Besonders die Niederlage in Vietnam traf die Amerikaner schwer. Lange Jahre hatte dort ein unerbittlicher Krieg getobt, tausende junge Männer waren in ein Land am anderen Ende der Welt gereist, um im Dschungel gegen einen unsichtbaren Feind zu kämpfen – und vielleicht dort zu sterben. Die USA sahen sich selbst als Beschützer, als mächtige, stolze Nation, welche die freie Welt vor allem Bösen bewahrt. Aus dem Zweiten Weltkrieg war das Land als wohl mächtigste Nation der Erde hervorgetreten. Der Krieg in Europa hatte den Amerikanern Wohlstand gebracht, das Land war zufrieden – zufrieden mit den Lebensstandard der Menschen, zufrieden mit seiner Regierung und seinem Platz in der Welt. Vietnam änderte alles. Niemand hatte geglaubt, dass ein kommunistischer Feind, eine Guerilla-Truppe mitten im Dschungel die mächtigste Armee der Welt in die Knie zwingen konnte – und kaum einer hatte überhaupt gewusst, wie desaströs die Lage wirklich war.

 

Ein Land in der Krise

Die Regierung der USA log die Bevölkerung jahrelang an, was Gründe, Verlauf und Ziele des Kriegs betraf. Ikonisches Dokument dieser Täuschung sind die berühmten Pentagon-Papiere, ein interner Bericht des Verteidigungsministeriums, der 1971 von der »New York Times« enthüllt wurde. Verstärkt noch durch den Watergate-Skandal wenig später, verloren viele Amerikaner das Vertrauen in ihre Regierung. Als schließlich offenbar wurde, dass der Krieg nicht gewonnen werden konnte, dass die USA verloren hatten, stürzte dies Amerika in eine Krise. Jene tausende Soldaten, die am Ende der Welt gekämpft hatten, dort gefallen waren, starben umsonst. Vietnam brachte das Selbstbild der USA zum Einsturz, eine nationale Identität wurde in Frage gestellt. Die Popkultur reagierte auf den Stimmungswandel, zahlreiche Filme und Musikstücke thematisierten – mal offen, mal versteckter – den Krieg und seine Folgen. Jimi Hendrix‘ spielte voller Zynismus »Star Spangled Banner«, Anti-Helden wie Jim Morrison wurden zu Stars. Eine filmische Auseinandersetzung mit der Thematik war zunächst versteckter, trotzdem lässt sich Vietnam aus zahlreichen Hollywood-Produktionen der Zeit herauslesen – so eben auch aus »Der Weiße Hai«. Der Hai schlägt plötzlich zu, er kommt aus dem Nichts. In einer Gesellschaft, die damit klarkommen muss, den im Dschungel ebenso agierenden Vietcong unterlegen zu sein, ist das besonders verstörend. Der Hai steht für die Strafe einer amerikanischen Überheblichkeit, für eine diffuse Angst vor dem Morgen, für die Post-Vietnam-Krise. Doch »Der Weiße Hai« ist ein versöhnlicher Film: Wenn der Hai besiegt wird, buchstäblich in Stücke gesprengt, dann überwindet Amerika sein Trauma, dann kann wieder alles gut werden. Die nicht klar zu fassende Angst vor der Zukunft findet in Gestalt des Hais ein Ziel, Angst wird zu Furcht. Am Ende besiegt der Mensch die Furcht, der Hai wird getötet, Amerika kann wieder zu sich selbst finden – allerdings nur auf der Leinwand.

 

Die verletzte Männlichkeit

Der Hai dient also als Symbol, er gibt Ängsten eine Gestalt und hilft so, diese zu überwinden. Neben dem Trauma des Vietnamkriegs verweist er allerdings ebenso auf eine Krise der Männlichkeit. Als eine manifestierte Naturgewalt ist der Hai weiblich konnotiert, sein Rachen erscheint als Vagina dentata, als Freuds Mythos der zahnbewehrten Vagina. Deutlich wird das besonders in der Konzeption des Filmplakats: Der entsprechend geformte Kopf des Hais schießt mit weit geöffneten Kiefern aus der mythischen Tiefe des Meeres hervor. 

Quint wird vom Hai kastriert und anschließend gefressen. Filmstill aus "Der Weiße Hai" (c) Universal Pictures

Der Hai stellt traditionelle Konzepte von Männlichkeit in Frage. So wird besonders Quint – als prototypischer Mann der 1950er Jahre und damit einer vergangenen Zeit – zunächst von ihm kastriert, bevor er gefressen wird. Die alte, die überkommene Männlichkeit wird im wahrsten Sinne des Wortes von der Vagina dentata entmannt. Im Kontext der 68er und einer allmählich in Schwung kommenden Emanzipation der US-amerikanischen Frau enthüllt der Film deshalb vielleicht auch die Angst vor einer weiblich dominierten Zukunft der männlichen Kinogänger. Aber auch hier stellt der Film am Ende die traditionelle Ordnung wieder her: Das Aufbegehren des Hais, der Angriff der emanzipierten Weiblichkeit wird vom männlichen Dreibund aus Quint, Hooper und Brody in Stücke gesprengt.

Das Boot der Jäger nach dem ersten Angriff. Filmstill aus "Der Weiße Hai" (c) Universal Pictures

Ende gut, alles Amerika

Wenn »Der Weiße Hai« also auf soziale Dilemmata der US-Gesellschaft der 1970er Jahre verweist, dann stellt seine Tötung traditionelle amerikanische Werte wieder her – allen voran eine familiäre Gemeinschaft. Denn: Brody ist zu Beginn des Films ein Außenseiter. Von New York hergezogen, werden seine Familie und er in Amity nicht wirklich akzeptiert, sie gelten nicht als vollwertige Mitglieder der Gemeinde. Im Verlauf des Films erscheint der Hai und bedroht die Familie des Chiefs; insbesondere Brodys Sohn ist in Gefahr, er kommt gar fast zu Tode. Brody, der unentschlossene, nicht durchsetzungsfähige Polizeichef, trägt hieran letzten Endes die Schuld: Er lässt die Strände zunächst nicht sperren, weil er vom Bürgermeister, welcher dramatische Einbrüche der Einnahmen aus dem Tourismus befürchtet, unter Druck gesetzt wird. Seine Frau Ellen macht ihm deshalb Vorwürfe, auch sie akzeptiert ihn nicht mehr, sie stellt seine Rolle als männliches Oberhaupt der Familie zunehmend in Frage. Erst in seinem Männerbund ist Brody stark genug, der Gefahr zu begegnen: Er tötet den Hai, vereint damit seine Familie und kehrt als Held heim nach Amity. Es steht zu erwarten, dass er dort fortan als Befreier ein wahrer Teil der Gemeinde sein wird.

 

Der Mörder aus dem Meer?

Leider liefert »Der Weiße Hai« noch eine andere Lesart mit: Dem unbedarften Zuschauer erscheint der Hai als eine wahre Mordmaschine, als eine Bestie, getrieben von der Gier nach Menschenfleisch. Das im Film gezeigte Bild vom weißen Hai ist nun in so ziemlich jeder Hinsicht falsch – bedauerlicherweise hat es sich dennoch bei vielen Menschen verfestigt. Wer sich jedoch Mühe gibt und ein wenig recherchiert, der wird feststellen, dass Haiangriffe auf Menschen viel eher die Ausnahme als die Regel darstellen – und wenn sie doch einmal geschehen, enden sie in den allermeisten Fällen nicht tödlich. In Zahlen heißt das: Jedes Jahr werden weltweit zwischen 50 und 75 Haiangriffe registriert, ungefähr 10 davon enden für den Menschen tödlich. Damit sterben allein in Deutschland mehr Menschen an Insektenstichen als weltweit durch Haie. Trotzdem haben die Tiere ein denkbar schlechtes Image. Woran liegt das? Leider scheint ein guter Teil des negativen Bildes der Fische von Filmen wie »Der Weiße Hai« geformt zu werden. Hinzu kommt eine gewisse Publikumswirksamkeit der Angriffe: Eben weil sie so selten vorkommen, erscheinen sie um so spektakulärer und werden entsprechend medial aufgebauscht.

 

Ein Kind seiner Zeit

Wir haben uns hier nur einige der zahlreichen Lesarten von Spielbergs Meisterwerk angesehen. Damals wie heutefunktioniert der Film wunderbar als ein grandioses Stück Unterhaltung, als Entertainment der besten Sorte. Trotz der aus heutiger Perspektive vollkommen veralteten Technik, läuft uns allen ein Schauer über den Rücken, wenn der Hai seine Beute jagt. Letzten Endes bleibt Spielbergs Film ein Kind seiner Zeit. Wie jedes Stück Populärkultur ist er das Medium eines gesellschaftlichen Kurzzeitgedächtnisses, er verweist damit auf die Kulturgeschichte der 1970er Jahre.

 

Der gesamte Artikel erschien zuerst in: phantastisch! 71 (2018), S. 54-58.