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Ein Ozean der Lesarten: "Der Weiße Hai" - Teil 1

Matt Hooper ist ein seltsamer Typ. Das mag daran liegen, dass er ein fiktiver Typ ist. So oder so, der junge Mann musste in seiner Kindheit ein ziemlich traumatisches Ereignis durchleiden: Als er in einem winzigen Boot hinaus aufs Meer segelt, macht er des Nachts die entschieden zu intensive Bekanntschaft eines Hais – der kleine Matt kann sich nur in letzter Sekunde an Land retten. Anstatt aber dem Wasser fortan mehr oder minder panisch den Rücken zu kehren, widmet Hooper den Haien sein ganzes Leben. Er wird zum Meeresbiologen – und zu einem der Protagonisten in Steven Spielbergs »Der Weiße Hai«.

 

Haifischflossen allerorten

Wohl kaum etwas fasst die Wirkung des ikonischen Werks besser zusammen als die lakonische Bemerkung Hoopers, als er seine prägende Begegnung mit dem Hai beschreibt: »Scared me to Death!« Der im amerikanischen Original als »Jaws«, also »Kiefer«, betitelte Film lockte nicht nur Unmengen an Zuschauern in die Kinos, er avancierte zu einem wahren Meilenstein, nicht nur des Horrorfilms, sondern des Hollywoodkinos an sich. Wenige Szenen etwa wurden so oft in anderen Werken zitiert, wie die bedrohlich herannahende Haifischflosse, unterlegt von der gleichermaßen simplen wie beklemmenden Musik John Williams‘. Der Kreativität der Filmschaffenden sind dabei offenkundig keine Grenzen gesetzt, die Flosse wird häufig durch ziemlich abwegig scheinende Dinge ersetzt – in »Spaceballs« ist es etwa ein Raumschiff, in »7 Zwerge – Männer im Wald« gar die Zipfelmütze eines der bärtigen Gesellen. In seiner (von der Kritik vielleicht zu Unrecht verunglimpften) Antikriegskomödie »1941: Wo bitte geht’s nach Hollywood?« spielt Altmeister Spielberg gar selbst auf seinen eigenen Film an: Die, übrigens auch in »Der Weiße Hai« vertretene, Schauspielerin Susan Backlinie wird dort vom Periskop eines japanischen U-Boots »haiartig« überrascht.

 

Natürlich bekam »Der Weiße Hai« auch die eine oder andere Fortsetzung spendiert: Unter den Titeln »Der Weiße Hai 2«, »Der Weiße Hai 3D« und »Der Weiße Hai – Die Abrechnung« wurden mehrere Sequels produziert, die aber nicht an den Erfolg des ersten Teils anknüpfen konnten.

 

Angstlust und Merchandising

Bis heute hat »Der Weiße Hai« nichts von seiner Faszination verloren, für den einen oder anderen des damaligen Publikums war die Wirkung des Films jedoch ungleich stärker: Der Streifen hatte tatsächlich eine regelrechte Badefurcht zur Folge, er erschreckte zahlreiche Kinogänger sprichwörtlich zu Tode. Wieso eigentlich? Vielleicht ist es die Ohnmacht, in einem Element, das nicht das unsere ist, einem perfekten Jäger ausgeliefert zu sein. Unsichtbar, lautlos, schnell, der Hai schlägt plötzlich zu, taucht blitzschnell auf und verschwindet Sekunden später. Das Meer liegt da, als sei nichts gewesen. Das weit aufgerissene Maul auf dem Filmplakat symbolisiert einen urzeitlichen Jäger, eine Gefahr für den Menschen, die Bedrohung einer zivilisatorischen Ordnung.

 

Ob es nun das war, was Psychologie und Literaturwissenschaft als Angstlust bezeichnet, das die Zuschauer ins Kino lockte oder nicht: Seinerseits wurde »Der Weiße Hai« zum bis dato erfolgreichsten Film überhaupt. Er gilt heute (zusammen mit dem zwei Jahre später erschienenen »Krieg der Sterne«) als Grundstein der Blockbuster-Ära. Und Hollywood lernte noch auf einer anderen Ebene: Nachfolgende Blockbuster setzten vermehrt auf etwas, dass die Produzenten hinter Spielbergs Film noch recht zaghaft betrieben hatten – Merchandising. Während der knapp 20 Jahre später erschienene »Jurassic Park« bereits die massenhafte Produktionen von Postern, T-Shirts und Actionfiguren zur Folge hatte, haben heutige Großproduktionen sämtliche Lizenzverträge häufig bereits ausgehandelt, bevor überhaupt das finale Drehbuch steht, geschweige denn die erste Szene im Kasten ist.

 

 

Mr. Benchley und das Meer

»Der Weiße Hai« ist eine Romanverfilmung – vom eigentlichen Buch hat es allerdings nicht allzu viel in den Film geschafft. Unter dem Titel »Jaws« hatte Peter Benchley 1974 einen ziemlich kulturpessimistischen Roman veröffentlicht, der stark durch die Haiangriffe an der Küste von New Jersey des Jahres 1916 inspiriert wurde. An der Atlantikküste nördlich von North Carolina war es im Sommer des Jahres zu mehreren Haiattacken gekommen, in deren Folge vier Menschen ihr Leben verloren. Wenngleich derartige Angriffe auf Menschen die absolute Ausnahme darstellen, war die Rezeption der Attacken, deren genaue Umstände teils bis heute ungeklärt sind, gewaltig: Der Hai avancierte für viele Amerikaner zum Inbegriff der menschenfressenden Bestie. So diente er etwa in der Propaganda als Symbol für die deutschen U-Boote die auf den Kriegsschauplätzen in Übersee das Leben amerikanischer Soldaten bedrohten. Wenngleich die Ereignisse von 1916 nicht im eigentlichen Sinne Teil des Romans und des Films sind, nimmt »Der Weiße Hai« doch einmal direkten Bezug auf sie: Der zweite Protagonist des Films, der Polizist Martin Brody, fordert den örtlichen Bürgermeister auf, die Strände aufgrund der ersten Attacken des Hais zu schließen, denn es würde nicht bei jenen Angriffen bleiben. So etwas hätte es nämlich bereits vorher, eben 1916, gegeben.

 

Benchley dienten die Angriffe von 1916 als Inspiration für sein Buch, der Roman selbst präsentiert dann allerdings viel eher eine Handlung, die einen tiefen Kulturpessimismus des Autors erahnen lässt. Man mag »Jaws« nun als eine satirische Abrechnung mit der Nixon-Regierung lesen (Benchley war zuvor als Redenschreiber für die Demokraten tätig) oder nicht – fest steht, dass der Autor kein gutes Haar an den Menschen von Amity lässt. Brody ist im Buch ein schwächlicher Feigling, seine Frau betrügt ihn mit einem geradezu widerlichen Hooper und die ganze Gemeinde strebt eigentlich nur nach dem Geld der Touristen. Hiervon bleibt im Film nicht viel übrig. Im Kino ist es dann vor allem der Bürgermeister der Stadt, welcher eine rigoros kapitalistische Einstellung verkörpert; so nimm er bereitwillig in Kauf, dass weitere Menschen sterben könnten, weil er die Strände nicht schließt, um die Einnahmen aus dem Tourismus nicht zu gefährden.

 

Als weitere Inspiration diente Hemingways berühmtes Werk »Der alte Mann und das Meer«, die Novelle wird von Drehbuchautor Carl Gottlieb explizit als Quelle genannt. 1951 auf Kuba verfasst, schildert der Text den Kampf des kubanischen Fischer Santiago mit einem gigantischen Marlin – auch hier kämpft also ein Mensch gegen einen Raubfisch.

 

Der vielleicht großartigste Monolog der Filmgeschichte

Weit wichtiger für den Film als etwa die Ereignisse von 1916 – vielleicht gar wichtiger als die eigentliche Romanvorlage – ist die tragische Geschichte der U.S.S. Indianapolis. Der alternde Seebär Quint, neben Hooper und Brody der dritte Jäger des Hais, thematisiert das Unglück in einem der wohl großartigsten Monologe der Filmgeschichte, wie der US-amerikanische Cineast Ian Freer es einmal ausdrückte. Der scheinbare Bezug auf ein historisches Ereignis des Zweiten Weltkriegs macht aus dem Film mehr als bloße Unterhaltung, er gibt ihm etwas (Pseudo-)Reales. Das Unglück dient somit nicht nur dazu, Quints Hass auf alle Haie zu erklären, sondern macht die Bedrohung fassbar.

 

Die U.S.S. Indianapolis, CC-PD

Die 1931 vom Stapel gelaufene U.S.S. Indianapolis, ein schwerer Kreuzer der Portland-Klasse, war der ganze Stolz der US-amerikanischen Kriegsmarine. Bereits mehrmals erfolgreich im Pazifikkrieg gegen die Japaner eingesetzt, erlitt das Schiff am 30. Juli 1945 zwei Torpedotreffer des japanischen U-Boots I-58 – übrigens nachdem es Teile der Atombombe transportiert hatte. Der Kreuzer schlug Leck und sank schnell. Es konnten nur wenige Rettungsboote zu Wasser gelassen werden, der Großteil der Überlebenden trieb in der offenen See. Aufgrund der hohen Geheimhaltungsstufe der Mission, auf der sich die Indianapolis befunden hatte, wurde die Katastrophe der Marine erst verspätet bekannt, Rettungsmaßnahmen verzögerten sich also: Man hatte im Zielhafen keinerlei Informationen über die erwartete Ankunft des Schiffes angegeben. Die Soldaten im Wasser wurden nun – so Berichte der Überlebenden – von Hunderten von Haien attackiert, welche die Wehrlosen getötet und gefressen hätten. Dieses scheinbare Massaker nimmt »Der Weiße Hai« auf und präsentiert Quint als einen Überlebenden, den das traumatische Erlebnis in seinen wahnhaften Hass auf alle Haie trieb.

 

Die Szenerie muss wahrlich furchtbar gewesen sein: In tiefster Dunkelheit trieben über 800 Männer im Meer, die wenigsten trugen eine Schwimmweste. Sie schließen sich zu Trauben zusammen, halten sich gegenseitig fest, damit sie nicht untergehen. Doch nach Stunden, gar den ersten Tagen treiben immer mehr Leichen zwischen den Soldaten, die Strapazen fordern ihren Tribut. Plötzlich tauchen die Haie auf, menschliche Körper verschwinden unter Wasser, überall ist Blut, Panik bricht aus. Das Blut zieht immer mehr Haie an, die sich scheinbar in einen Fressrausch steigern. Heute weiß man: Die Ziele der Haie waren in den allermeisten Fällen die Männer, die bereits an Entkräftung oder Dehydrierung gestorben waren – die Lebenden blieben in der Regel von den Tieren verschont. Die Dabeigewesenen wussten in ihrer Panik freilich von Menschenfressern zu berichten, wer will es ihnen auch verdenken? Fest steht, dass die Ereignisse dazu beitrugen, das Bild vom Hai als gefährliche Bestie zu verfestigen – Quint als Überlebenden der Katastrophe zu zeichnen, bot sich also geradezu an.

 

Schwimmen im Ozean der Lesarten

»Der Weiße Hai« ist ein brillanter Film, ein bildgewaltiges Epos. Aber er ist eben ein Film, ein Stück Unterhaltung. Nichtsdestotrotz offeriert Spielbergs Werk eine ganze Menge an Deutungsmöglichkeiten. Die grandios inszenierte Symbiose aus Abenteuer- und Horrorfilm bietet psychologische Zugänge, theologische Lesarten und ist vielleicht mehr als alles andere Kind seiner Zeit. Hätte der Regisseur ihn früher ins Leben rufen können, »Der Weiße Hai« wäre mit einiger Sicherheit einhellig als Metapher einer kommunistischen Bedrohung gelesen worden. So einfach schien es 1975 aber nicht mehr, die Hochzeit des Kalten Krieges war vorbei, Vietnam und Watergate hatten die US-amerikanische Gesellschaft darüber hinaus in eine Art Sinnkrise gestürzt. Der Philosoph Slavoj Žižek behauptet gar, Fidel Castro habe den Film gesehen und ihn als linkes Manifest begrüßt; ein rebellischer Hai verpasst den kapitalistischen Bürgern von Amity, die auf nichts anderes außer Geld aus sind, einen wirkungsvollen Denkzettel, indem er auf blutige Weise dafür sorgt, dass die Touristenzahlen einbrechen. Damit bleibt – ob man Žižek nun glauben mag oder nicht – »Der Weiße Hai« ein politischer Film. Auch wenn ein Gesellschaftskonflikt dort nicht so deutlich zu Tage tritt wie in der Romanvorlage, ist ein solcher doch vorhanden.

 

Angst vor dem Unfassbaren, Furcht vor dem Fisch

Wir haben definitiv Angst vor dem Hai, er erschreckt uns zu Tode, um die Worte des Protagonisten Hooper zu wählen. Warum eigentlich? Getreu den Ausführungen des Großmeisters des Horrors, H. P. Lovecraft, haben wir vor allem vor dem Unbekannten Angst; eben dem, das wir nicht zu erklären vermögen. Den Hai dagegen können wir durchaus kognitiv fassen: Rein objektiv betrachtet ist er ein großer, hungriger Fisch, der sich dummerweise in die Nähe eines Strands verirrt und Geschmack an Menschenfleisch entwickelt. Es wird nun allerdings niemand bestreiten wollen, dass es den Meisten letzten Endes vermutlich herzlich egal sein dürfte, ob sie von einem Hai oder einem nicht erklärbaren Alien gejagt und gefressen werden – trotzdem bleibt die Frage, ob der Grund unserer Angst nicht doch tiefer reicht.

 

Die titelgebenden Kiefer des Hais symbolisieren Gefahr, das aufgerissene Maul steht für eine Bedrohung, für das Scheitern allen Sinnes. Nicht mehr der Mensch ist der Jäger, er wird selbst zur Beute einer urzeitlichen Naturgewalt. Der Hai als Menschenjäger rekurriert auf eine unserer Urängste: In einer Umgebung, die nicht unsere natürliche ist, die wir nicht ohne weiteres kontrollieren können, werden wir zur Beute eines perfekt angepassten Angreifers. Das Meer ist ein Ort der Bedrohung für uns, wir sind dort nicht zuhause, sind dort vielleicht gar nicht willkommen. Unsere für die Sicherheit zuständigen Sinnesorgane – also Augen und Ohren – funktionieren nur eingeschränkt: Wenn wir schwimmen, bleibt das Allermeiste dessen, was sich unter der Wasseroberfläche befindet, unserem Zugriff entzogen. Wohl jeder kennt die undefinierbare Angst, die einen beschleicht, wenn man im offenen Meer schwimmend darüber nachdenkt, was sich so alles unter einem befinden mag. Der Hai ist eben dort zuhause, er lebt unter der undurchsichtigen Oberfläche des Meeres, er ist unsichtbar – bis er zuschlägt. Der Film lebt nun von dieser latenten Bedrohung, die immer erst im Augenblick des Angriffs manifest wird.

 

Grundsätzlich unterscheiden sowohl Psychoanalytiker als auch Kulturwissenschaftler zwischen Angst und Furcht: Während erstere objektunabhängig ist, also kein konkretes, kein klar erkennbares Ziel hat, stellt Furcht die Reaktion auf eine fassbare, eine definierte Bedrohung dar. Oder mit Lovecraft: Wir haben Angst vor dem Unbekannten. Jene Aufteilung geht zurück auf die Arbeiten Sigmund Freuds, welcher in seinem Werk »Jenseits des Lustprinzips« festhält:

 

»Angst bezeichnet einen gewissen Zustand wie Erwartung der Gefahr und Vorbereitung auf dieselbe, mag sie auch eine unbekannte sein; Furcht verlangt ein bestimmtes Objekt, vor dem man sich fürchtet.«

[Sigmund Freud: Jenseits des Lustprinzips [1920]. In: ders.: Gesammelte Werke. Bd. 13. London 1940. S. 3–69, hier S. 10.]

 

Während der Hai nun zunächst eine nicht näher ausgeführte Quelle der Gefahr bleibt, erhält er nach und nach eine Gestalt – allerdings eine ziemlich bedrohliche. Die Angst wandelt sich zu Furcht, eine latente Bedrohung wird zu einer manifesten.

 

Der Medienwissenschaftler Lars Koch – und damit sind wir wieder bei einer politischen Lesart des Films – versteht den Hai als ein Symbol: Das Tier übersetzt nicht klar zu fassende gesellschaftliche Ängste in ein konkretes Wesen der Furcht; die Angst wird fassbar, ihr wird eine Gestalt gegeben. Versieht man seine Angst nun aber mit einer Gestalt und macht sie damit zur Furcht, kann man gegen sie ankämpfen und sie besiegen. Um zu verstehen, warum ausgerechnet das »Der Weiße Hai« zu einem tröstlichen Film macht, müssen wir verstehen, wie es zur Entstehungszeit des Werks gesellschaftlich in den USA aussah - und das werden wir in der kommenden Woche!

 

Der gesamte Artikel erschien ursprünglich in: phantastisch! 71 (2018), S. 54-58.