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We don’t need another hero – Haben Superhelden ausgedient?

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

2016, das war – zumindest unter Superhelden – kein gutes Jahr für Männerfreundschaften. Erst prügelten sich Superman und Batman so lange herum, bis sie feststellten, dass ihre Mütter den gleichen Vornamen haben. Dann kabbelten sich Captain America und Iron Man mit ihren jeweils besten Freunden auf einem digital nachgebauten Leipziger Flughafen. 2016 war auch der Höhepunkt der zweiten X-Men-Trilogie: Mit X-Men Apocalypse schloss sich die Erzählung rund um den jungen Magneto und seine On-Off-Beziehung mit Professor Xavier. Zwei Jahre ist das her, und der beständige Strom aus Superheldenfilmen nimmt in unseren Kinos kein Ende. Mit der Kino-Landschaft ist in diesem Jahr etwas passiert, es ist eine richtiggehende Zäsur geworden. Denn: Ohne es zu merken, haben wir uns von unseren Helden abgewandt.

 

Bis zu diesem Zeitpunkt ist die Vielzahl unserer Helden mehr oder weniger in unserer Welt verhaftet. Man denke an 2008, als Tony Stark durch den Nahen Osten eskortiert und von terroristischen Rebellengruppen gefangen genommen wurde. Der echte Bösewicht war dann zwar wesentlich näher, als gedacht, aber dennoch: Bösewichte in Superheldenfilmen spiegeln immer auch aktuelle politische Gegner, Angst- und Feindbilder wider. Und so verwundert es nicht, dass sich auch im ersten Iron Man der anhaltende Konflikt zwischen Nordamerika und dem Nahen Osten wiederfindet. In den nachfolgenden Filmen wurde zwar immer wieder deutlich, dass es Marvel an charismatischen Bösewichten mangelt, dennoch war die Bedrohung, für die sie standen, auf eine uns nahe Lebenswelt gerichtet. Ebenso waren ihre Ziele und die behandelten Themen an aktuelle Debatten gebunden. Nicht von ungefähr kämpfen die Avengers in Age of Ultron gegen eine künstliche Intelligenz, die sie selbst geschaffen haben. Und neben den Beziehungsproblemen zwischen Superhelden ging es in den Filmen von 2016 ja auch um die Frage, wie eine reale, politisch organisierte Welt auf Phänomene wie Superman oder die Avengers reagieren würde – zugegeben eine Frage, die das X-Men Franchise bereits vor Jahrzehnten zur Hauptprämisse gemacht hat. Aber bleiben wir mal bei Marvel und DC: Nicht nur die Menschlichkeit der Helden selbst, sondern eben auch die ihres Umfeldes hat die Filme bis dahin gewissermaßen in unserer Lebens- und Gedankenwelt verankert.

 

Mit dem Voranschreiten in Marvels Masterplan hin zum Infinity War hat sich das geändert. In Vorbereitung auf den absoluten Superschurken Thanos entfernen wir uns zunehmend von unseren Helden, sind sie doch keine Protagonisten unserer Welt mehr, sondern treiben sich in der Galaxie herum, verlagern Kämpfe auf mythische Inseln oder gleich ganz in andere Dimensionen. Das ist oft wunderschön anzuschauen, bedeutet aber auch einen enormen emotionalen Verlust, der nur noch davon ausgeglichen wird, dass wir die Figuren seit insgesamt 10 Jahren immer wieder auf der Leinwand sehen. Jetzt ist der Infinity War endlich da und weiß nicht zu berühren. Selbst die am Ende inszenierten Tode zahlreicher Figuren sind nicht endgültig, sondern werden schon, bevor sie überhaupt eintreten, vom Film selbst entschärft. Keine Sorge, wir sind doch Superhelden, wir finden schon einen Weg. Dagegen hatten der Civil War und auch Batman v Superman noch gezeigt, dass Heldenkämpfe zwar gut ausgehen mögen, aber auch monströse Zerstörung nach sich ziehen. Nichts blieb ohne Konsequenzen. Der Erfolg der Guardians of the Galaxy deutete aber bereits darauf hin: Das Publikum ist der düsteren Themen müde, will lieber bunten Spaß – was eine katastrophalen Justice League nach sich zog, die plötzlich auch bunt und spaßig sein musste, wo DC doch immer für schwermütigen Ernst stand. Die Folge: Obwohl wir weiterhin brav ins Kino gehen, haben wir uns emotional abgewandt. Superheldenfilme sind keine Geschichten mehr über liebenswerte Außenseiter, die aufgrund ihrer Andersartigkeit besondere Kräfte in sich entdecken. Sie sind zur reinen Effekte-Party geworden.

 

Wer einen Blick auf die Ausnahmen in diesem Party-Einerlei wirft, erkennt, dass wir uns zwar von der alten Riege abgewandt, aber längst einer neuen zugewandt haben: Helden wie Black Panther oder Wonder Woman verlegen ihre Kämpfe zwar auch gern in mythische oder wenigstens historische Gefilde (der Unterschied ist ja sowieso fließend), jedoch verhandeln sie Themen, die Herz und Kopf gleichermaßen beschäftigen: Identität, Gleichberechtigung, soziale Verantwortung – kurz: Themen von gesellschaftlicher Relevanz. Diese Filme haben das Heldengenre für sich als Parabel wiederentdeckt und nutzen es, um große Fragen auf spielerische Weise zu stellen. Das mag dem ein oder anderen eingefleischten Fan zwar sauer aufstoßen, wird aber der einzige Weg sein, um das Superhelden-Genre nicht in der Bedeutungslosigkeit versinken zu lassen. Bleibt also zu hoffen, dass Infinity War: Part Two ausgedienten Helden wie Iron Man, Captain America oder Thor die Möglichkeit bietet, ehrenvoll abzutreten und einer neuen Generation von Helden Platz zu machen. Helden, die unsere Welt zurück ins Kino holen, statt uns nur von ihr abzulenken.