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Die Monster im ewigen Eis: "At the Mountains of Madness"

Als Howard Phillips Lovecraft im März 1931 die Arbeit an »At the Mountains of Madness« beendete, war ihm – anders als bei einigen anderen seiner Texte – sehr daran gelegen, die Geschichte veröffentlicht zu sehen. Obgleich zahlreiche Kritiker den Roman heute für die gelungenste Schöpfung des Autors halten, wurde ihm zunächst kein besonderes Wohlwollen entgegen gebracht: Farnsworth Wright, Herausgeber des legendären Weird-Tales-Magazins, lehnte die Geschichte im Juni 1931 ab, erschien sie ihm doch zu lang und zu sperrig. Erst fünf Jahre später wurde das Werk in der Science-Fiction-Zeitschrift Astounding Stories veröffentlicht. Im Rückblick erscheint es schon fast als ein Sakrileg, dass man dem Text so lange die Publikation verwehrte, avancierte er doch schnell zu einem Klassiker sowohl der Horror- als auch der Science-Fiction-Literatur.

 

Die Story ist auf den ersten Blick denkbar simpel: Eine Expedition in die Antarktis macht eine schreckliche Entdeckung, welche die Teilnehmer zumindest die geistige Stabilität, wenn nicht gar das Leben kostet. Doch eigentlich geht es um viel mehr. Die Forschungsreise entwickelt sich zu einer Metapher; hier trifft der Geist des Forschers, die Seele des Suchenden auf das Unbekannte, ja das schier Unmögliche. Der Mensch wird aus den gewohnten, ausgetretenen Bahnen seines Denkens gerissen und mit einer Realität konfrontiert, die er nicht zu verarbeiten in der Lage ist. Der Wissenschaftler William Dyer, dessen voller Name allerdings nur in der Novelle »The Shadow out of Time« genannt wird, stößt in der Antarktis auf Geheimnisse der Prähistorie, welche die gesamte Bedeutung menschlicher Existenz in Frage stellen. Lovecrafts hier präsentiertes wahres Wissen birgt Erkenntnisse. Erkenntnisse, die den Geist zerrütten, die in der Lage sind, den Sinn unseres Daseins zu zerstören.

 

Als besagter Dyer damit beginnt, eine Expedition in die Antarktis zu planen, ahnt er noch nicht, in welche Abgründe der Psyche ihn seine Reise führen wird. Dabei beginnt die Mission durchaus vielversprechend! Dank einer neuartigen Bohrvorrichtung gelingt es den Wissenschaftlern, zahlreiche Bodenproben zu entnehmen, die auf verschiedene Erkenntnisse hoffen lassen. Auch als auf diese Weise seltsame Fossilien ans Licht kommen, ist die Stimmung zunächst regelrecht euphorisch, erhofft man sich doch große Anerkennung für derartige akademische Leistungen. Durch die Funde inspiriert, wird eine Teilexpedition nach Nordwesten entsandt, die schließlich auf einen gigantischen Gebirgszug trifft. Hier finden sich die Körper seltsamer, uralter Kreaturen, die keinem bekannten Wesen ähneln. Schnell wird der Rest der Männer benachrichtigt, die bei ihrer Ankunft am Fuß der Gebirgskette aber nur die Leichen ihrer Kollegen vorfinden. Die Körper der Alten Wesen wurden von den Mördern in Schneehügeln bestattet. Dyer beschließt, mit einem der mitgeführten Flugzeuge das Hochgebirge zu überfliegen. Begleitet von seinem Studenten Danforth stößt er auf eine Hochebene, die er für das sagenhafte Plateau von Leng des Cthulhu-Mythos hält. Hier überdauern die Ruinen einer Stadt seit Urzeiten die Witterung. Bei der Erkundung der verfallenen Gebäude stoßen die beiden Forscher auf Reliefs, welche die Geschichte der geheimnisvollen Alten Wesen erzählen: Diese kamen offenbar vor Millionen von Jahren aus dem Weltraum auf die noch jungfräuliche Erde, wo sie das uns bekannte Leben schufen. Zur Verrichtung schwerer Arbeiten kreierten sie darüber hinaus obskure, protoplasmische Kreaturen, die Shoggothen. Errichteten diese zunächst lediglich die gigantischen Städte der Alten Wesen, entwickelten sie im Lauf der Zeit eine eigene Intelligenz, die es ihnen ermöglicht, gegen ihre Herren aufzubegehren. Durch zahlreiche Kämpfe bedrängt, sahen sich die Alten Wesen gezwungen, ihre letzte Bastion in der Antarktis als Rückzugsort zu nutzen. Dyer und Danforth dringen immer weiter in die Stadt vor, bis schließlich das passiert, was der Leser schon längst befürchtet hat: Sie stoßen auf eine lebendige Kreatur, einen Shoggothen, dem sie nur knapp entkommen können. Auf ihrer Flucht erblickt Danforth schließlich eine Luftspiegelung, die so schrecklich ist, dass er nach seiner Rückkehr in die USA einen Nervenzusammenbruch erleidet.

Roald Amundsen auf der Fram-Expedition (CC-PD)

 

Lovecraft und der Südpol, Lovecraft und Poe

»At the Mountains of Madness« ist zunächst einmal die Beschreibung einer antarktischen Expedition. Lovecraft beweist hier eine immense Kenntnis der Materie, die aus seiner Begeisterung für die Erforschung der Pole erwächst. Bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte der berühmte Entdecker James Cook erfolglos versucht, den Südpol zu erreichen. Mehr als einhundert Jahre später errichtete schließlich der Norweger Carsten Egebert Borchgrevink das erste dauerhafte Lager auf dem antarktischen Festland. Mit Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgten zahlreiche Expeditionen, die den unwirtlichen Kontinent untersuchten. Die Kenntnis der Antarktis nahm immens zu, doch noch immer hatte niemand den Pol erreicht. Berühmt geworden ist das Rennen des Norwegers Roald Amundsen und des britischen Offiziers Robert Falcon Scott, das schließlich Amundsen für sich entscheiden konnte: Der Polarforscher und sein Team erreichten am 14. Dezember 1911 als erste Menschen den Südpol. Überschattet wurde der Erfolg jedoch vom tragischen Tod des englischen Rivalen; dieser starb mitsamt seiner Mannschaft  im März 1912 auf dem Ross-Schelfeis, nachdem er fünf Wochen nach Amundsen ebenfalls den Pol erreicht hatte. Lovecraft kannte die Expeditionen. Er war stets bestens über alles informiert, was mit der Antarktis zu tun hatte. Diese immense Sachkenntnis findet sich nun auch in seinem Roman. Der Autor beschreibt hier nicht nur detailliert die Planung der Expedition, wobei er z.B. intensiv auf die Anforderungen der klimatischen Verhältnisse eingeht, sondern thematisiert ebenso wissenschaftliche Erkenntnisse und offene Fragen der Polarforschung. So spielt Alfred Wegeners Kontinentalverschiebung ebenso eine Rolle wie die (für die damalige Zeit) aktuellsten Erkenntnisse der Paläobotanik und der Zoologie. Zentral für Lovecraft war sicherlich die Expedition Richard Byrds, der in den Jahren 1928-1930 die Antarktis erforschte und dafür intensiv Flugzeuge nutzte, die ja auch in unserer Geschichte eine wichtige Rolle spielen.

 

Neben der obsessiven Darstellung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Voraussetzungen einer Polarexpedition, zieht sich ein weiteres Merkmal wie ein roter Faden durch die Geschichte: die Hommage an Edgar Allan Poe. Als eines der großen literarischen Vorbilder Lovecrafts schimmert Poe immer wieder zwischen den Zeilen des Romans durch. So erinnern die antarktischen Berge die Teilnehmer der Expedition an das Gedicht »Ulalume«, dessen Berg Yaanek tatsächlich Mount Erebus, der einzige zu Poes Lebzeiten bekannte aktive Vulkan der Antarktis, sein muss. Auch Poes Roman »The Narrative of Arthur Gordon Pym of Nantucket« findet des Öfteren Erwähnung.

 

Die Monster im Eis

Die Expedition macht eine grausige Entdeckung: Verborgen im Eis liegen die Überreste der Alten Wesen; Aliens, die vor Jahrmillionen die Erde besiedelten. Marco Frenschkowski hat darauf hingewiesen, dass kaum ein Autor seine Monster so detailliert beschreibt wie Lovecraft seine Alten Wesen. Die Anatomie der Monstren wird mit der Präzision eines sezierenden Arztes geschildert. »At the Mountains of Madness« erzählt die Geschichte einer ganzen Kultur, von ihren Anfängen bis zu ihrem Niedergang, den sie mit der Erschaffung ihrer Sklaven, die letzten Endes rebellieren, selbst einläutet. Doch nicht nur die Shoggothen sind eine Schöpfung der Alten Wesen, auch die Menschen selbst waren ursprünglich nur zu ihrer Erbauung und zur Nahrungsergänzung gedacht. Alles, was uns, was unsere Kultur, unsere Zivilisation ausmacht, stammt in Wahrheit nicht von uns, sondern ist lediglich billiger Abklatsch der Errungenschaften der Alten Wesen. Aus der anfänglichen Abscheu den so überlegenen Aliens gegenüber wird dennoch schließlich Mitleid bis hin zu einer Identifikation mit den Monstern des Romans. Lovecraft schreibt den Alten Wesen gar Eigenschaften auf den Leib, die der kundige Leser auch an unserem Autor zu entdecken weiß; im siebten Kapitel heißt es, historisches Interesse und Stolz seien wesentliche Merkmale der Kreaturen gewesen. Die Alten Wesen sind geschlechtslos, sie vermehren sich pflanzlich, was ihre Kultur von all jenen Komplikationen befreit, die nach Lovecrafts durchaus rassistischer Einstellung den Menschen nur geschadet haben. Weiterhin ist die Rede von der Besiedlung eines anderen Planeten durch die fremdartigen Kreaturen, wobei sie eine hochtechnisierte Lebensweise praktizierten, welche sie aber schnell als unästhetisch empfanden und sich von ihr abwandten. Das Kulturideal der Alten Wesen entspricht damit Lovecrafts eigenem, das technischem Fortschritt häufig zumindest skeptisch gegenüber stand. »At the Mountains of Madness« bietet eine Entmythologisierung der Wesen des Cthulhu-Mythos, die in Lovecrafts frühem Werk  Angst und Schrecken zu verbreiten wussten.

 

Die Wahl der Antarktis als Schauplatz erfolgt ebenfalls keineswegs zufällig. Zur Zeit der Handlung des Romans ist der Südpol einer der wenigen Orte auf der Welt, die unerforscht, noch von Geheimnissen umgeben sind. Hier können die Relikte einer längst vergangenen Kultur ihrer Entdeckung harren. Mit der Situierung seiner Monster am Rand der bekannten Welt stellt sich Lovecraft in eine lange Tradition. Bereits das christliche Mittelalter siedelte seine s.g. Wunderrassen an den Rändern des erforschten Raums an. So lebten in Indien und Afrika Wesen ohne Kopf, die ihre Augen auf der Brust trugen, oder Kreaturen mit einem einzelnen, gewaltigen Fuß. Das Monster als ein Schwellenwesen, als etwas, das zwei eigentlich getrennte Dinge verbindet, und somit nach menschlicher Auffassung nicht sein darf, ist an Orten anzutreffen, die noch kein Mensch betreten hat; dort, wo sich die Welt und das Nichts verbinden. Der Südpol ist wohl eines der treffendsten Beispiele des Konzepts der Heterotopie nach Michel Foucault, er ist ein vollkommen anderer Raum, ein Ort, der uns unglaublich fremd erscheint und dabei doch auf unserer Erde liegt. Es sind solche Orte, die noch nicht von der Moderne entzaubert wurden, an denen Monster existieren können. Die Antarktis weist diesbezüglich eine literarische Tradition auf, die von dem Literaturwissenschaftler Hans Richard Brittnacher herausgearbeitet worden ist – als Beispiele seien hier Mary Shelleys »Frankenstein or the Modern Prometheus«, der schon genannte Roman Poes sowie Jules Vernes »Le Sphinx des glaces« genannt. In gewisser Weise stellt sich auch die US-amerikanische Serie The X-Files in die literarische Tradition der Situierung des Monströsen an den Polen, wenn Aliens Scully an den Nordpol entführen, um dort als Wirtskörper für einen schrecklichen Virus zu dienen, der ihren Körper nach und nach einer Metamorphose unterzieht.

 

In der Tradition der Theosophie nach Helena Petrovna Blavatsky, die Lovecraft wohl vor allem durch seine Arbeit an »The Call of Cthulhu« kannte, gilt der Nordpol als ein heiliges Land, wohingegen die Antarktis eine rein negative, ja bösartige Landschaft ist. Auch hierzu passt demnach der Südpol als Lebensraum monströser Wesen.

 

Was wir von den Alten Wesen lernen können

Lovecraft hat sich offenbar eine ganze Menge gedacht, als er das hier vorgestellte Werk verfasste. Aber was genau bezweckte er damit? Schrieb er einen seiner anderen umfangreichen Texte, »The Case of Charles Dexter Ward«, als große historische Hommage an sein geliebtes Providence, so ist die Aussage hinter der schrecklich schief gegangenen Expedition an den Südpol eine tiefere. Im Kern ist Lovecrafts Werk Zivilisationskritik. Wir Menschen sind eine unbedeutende Erscheinung in der Gesamtheit des Kosmos, haben wir doch eigentlich nichts selbst geschaffen, sondern ahmen nur das Wissen und die Kultur der Alten Wesen, in diesem Sinne also unserer Vorfahren, der eigentlichen „Urmenschen“, nach. Und in dieser Nachahmung liegt eine große Gefahr. Es ist William Dyer, der uns als Erzähler von der Expedition berichtet – und dies überhaupt nur tut, weil er unbedingt zu verhindern sucht, dass erneut eine Gruppe von Wissenschaftlern sich aufmacht, die untergegangene Stadt in der Antarktis zu untersuchen. Dyer fürchtet sich. Er fürchtet um die gesamte Menschheit, die durch das, was dort im ewigen Eis lauert, bedroht sein könnte. Seien es nun die Shoggothen, die offenbar überlebt haben, seien es die Alten Wesen selbst, die sich vielleicht eine letzte Bastion tief unter der Oberfläche gesucht haben oder sei es das namen- und gestaltlos bleibende Grauen, das der bedauernswerte Danforth zwischen den Berggipfeln erblickt, als die beiden Forscher Hals über Kopf fliehen – die geheimnisvolle Stadt hält für die Menschheit nur Schrecken bereit. Soviel zur Intention des Erzählers. Auf einer weiteren Ebene übt nun Lovecraft als Autor Zivilisationskritik, erreicht Dyer mit seinem so vehement, ja so verzweifelt vorgetragenen Wunsch nach Abbruch der Planungen einer neuen Expedition damit doch genau das Gegenteil: Unsere Neugier ist geweckt. Faszination und Neugier verdrängen den Schrecken und unsere Zivilisation wird durch das bedroht, was auch derjenigen der Alten Wesen letzten Endes den Untergang bereitet hat: den „versklavten Kräften einer unzügelbaren Natur“, wie es Marco Frenschkowski treffend ausgedrückt hat. Die Überheblichkeit, das Unbeherrschbare zu beherrschen, führte zum Verschwinden der Alten Wesen und wird vielleicht, und damit erneut in perfekter Nachahmung unserer monströsen Vorfahren, auch zu unserem Untergang führen. Unsere Ignoranz von Dyers Warnung könnte somit der erste Schritt zum Ende der menschlichen Kultur sein.