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Voodoo, Propaganda und ein französischer Feind: "Der Gefangene von Dahomey"

Was tut eine Regierung, die im Begriff ist, einen Krieg zu verlieren? Die Wirtschaft ist am Ende, militärische Mittel sind weitestgehend ausgeschöpft. Dann bleibt immerhin eine Möglichkeit, die Moral der Bevölkerung aufrecht zu halten. Das Mittel zum Zweck heißt Propaganda. Und die funktioniert meist auf eine recht simple Weise: Das eigene Volk wird als tapferer Streiter wider einen sadistischen Feind dargestellt. Die eigene Lebensweise, die eigene Regierungsform, die eigene Kultur – all das ist in propagandistischer Verzerrung Ausdruck einer überlegenen, einer guten Lebensweise, wohingegen all das, was den Feind, was die »Anderen« auszeichnet, negativ konnotiert sein muss.

 

»Ein Platz an der Sonne«

Bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs war ein wichtigstes Instrument der Propaganda die filmische Inszenierung. Im Kaiserreich diente die in Berlin ansässige Deutsche Kolonial-Film GmbH (kurz: »DEUKO«) einer Verschmelzung von Kriegspropaganda und Kolonialdrama. Das Unternehmen sollte einerseits eine Antwort auf britische und französische »Hetzfilme« sein, die deutsche Soldaten als skrupellose Bestien darstellten, andererseits dem Volk eine »gesunde« Sicht auf die Kolonien vermitteln. Denn das Deutsche Reich hatte ein Problem: Als ein Nachzügler im europäischen Rennen um lukrative Landnahme in Übersee blieb den Deutschen bereits vor dem Krieg wenig mehr als ein Traum vom berühmten »Platz an der Sonne«. Zentrale Rohstoffstandorte, wichtige Häfen und militärisch günstige Positionen waren bereits lange vorher von konkurrierenden Nationen besetzt worden. Nichtsdestotrotz erwarb das Deutsche Reich nach und nach das viertgrößte Kolonialgebiet der Welt – nach England, Frankreich und Russland. Wirklich lukrativ war das allerdings nicht; einige Historiker glauben gar, dass die kolonialen Unternehmungen ein immenses Verlustgeschäft für das Kaiserreich waren. So oder so, der verlorene Krieg zerstörte den Traum vom Kolonialreich nachhaltig. Bereits im Verlauf des Konflikts muss den Verantwortlichen klargewesen sein, dass bei einer Niederlage dem Reich seine Kolonien genommen werden würden. Letzten Endes sollte es eben so kommen: Im Versailler Vertrag von 1919 mussten alle deutschen Kolonien (Bismarck nannte sie Schutzgebiete) abgetreten werden.

Bereits Jahre vor dem Krieg vermittelten Filme der deutschen Bevölkerung ein Bild vom Leben in den Kolonien. Ein von der Obrigkeit abgesegnetes Bild selbstverständlich. Der Kriegsausbruch machte dem ein jähes Ende, unter dem Titel »Unsere bedrohten Kolonien« erreichte 1914 erst einmal der letzte Kolonialfilm das Publikum. Bereits früh setzten allerdings Diskussionen um die Frage ein, wie und mit welchen finanziellen Mitteln eine Produktion fortgesetzt und wirkungsvoll in die einsetzende Kriegspropaganda integriert werden könnte. Wichtigstes Gremium der deutschen Landnahme in Übersee war die DKG, die »Deutsche Kolonialgesellschaft«. Ihre leitenden Mitglieder debattierten hitzig über einen Einstieg in die filmische Propaganda. Als die DKG schließlich derartiges ablehnte, wurde im April 1917 in Berlin die DEUKO gegründet.

 

Koloniale Propaganda

Die neue Firma stieg großen Fußes ins Filmgeschäft ein: Die DEUKO eröffnete ein Büro auf der Friedrichsstraße, damals die Berliner Filmmeile schlechthin. Gleichzeitig suchte man den Kontakt zu wichtigen Stellen der Kolonialverwaltung, etwa dem Reichskolonialamt. Bereits einen Monat nach ihrer Gründung schrieb die DEUKO einen Wettbewerb für das Drehbuch ihres ersten Films aus, bis Kriegsende wurden sieben Werke produziert. Das letzte war schließlich im Oktober 1918 »Der Gefangene von Dahomey«. Unter der Regie von Hubert Moest entstand ein Werk, das eine bewährte Mixtur der DEUKO verwendete: Exotismus und Propaganda.

 

Die Handlung in Kürze: Der deutsche Pflanzer Burgdorf ist bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs ein Gefangener der französischen Armee und wird in ein Lager in Dahomey (ein Königreich auf Gebiet des heutigen Benin) verbracht. Dort hat er besonders unter den Gewaltphantasien des sadistischen Lagerkommandanten zu leiden, die dieser an seinen Gefangenen auslebt. Der Franzose schreckt nicht einmal davor zurück, einen Geistlichen zu misshandeln. Burgdorf nun erregt das besondere Missfallen dieses unschönen Zeitgenossen, als er eine faire Behandlung nach Kriegsrecht verlangt. Zur Strafe soll der Pflanzer von einem Afrikaner mit einer Nilpferdpeitsche geschlagen werden. Dieser weigert sich und wird daraufhin vom Lagerkommandanten getötet. Später quält der Kommandant Burgdorf, bis der schließlich in Ohnmacht fällt. Der schwer verletzte Deutsche wird von einer Afrikanerin gepflegt, welche ihm einen mysteriösen Trank verabreicht, der den Pflanzer in einen todesähnlichen Schlaf versetzt. Die Wachen erklären ihn daraufhin für tot, Burgdorf wird kurzerhand verscharrt. Seine Retterin verabreicht dem Deutschen allerdings ein Gegengift, sodass er nun Nacht für Nacht ins Lager schleicht und die Franzosen einen nach dem anderen tötet. Einmal jedoch wird Burgdorf bei seinem Vorgehen beobachtet: Der Kommandant ordnet an, die Leiche des Pflanzers zu exhumieren. Im Grab findet sich ein vorsorglich dort platzierter Toter – die Franzosen sind zunächst beruhigt. Zwischenzeitlich ist – welch Wunder – eine Liebesbeziehung zwischen Burgdorf und der Frau des sadistischen Lagerkommandanten entstanden. Es kommt schließlich zum Showdown zwischen Burgdorf und seiner französischen Nemesis in den umliegenden Sümpfen. Nachdem der Deutsche seinen Feind getötet hat, flieht er mit seiner neuen Geliebten in die Schweiz.

 

Voodoo-Zombie

Burgdorf wird zum Zombie. Die Afrikanerin als Voodoo-Priesterin stellt sich in den Dienst der Deutschen und nutzt ihre Magie, um dem Pflanzer die Rache an den Franzosen zu ermöglichen. Damit bedient der Film ein Verlangen nach Exotismus. Die Kolonien verdankten einen Großteil ihrer Anziehungskraft dem Wunschtraum eines Lebens inmitten exotischer Pflanzen, Tiere und Kulturen. Voodoo schien den Europäern eine gleichsam faszinierende wie bösartige Religion der »Wilden« zu sein, die sich geradezu anbot, in einen Film wie »Der Gefangene von Dahomey« aufgenommen zu werden.

 

Der in der Popkultur allgegenwärtige Zombie wurde besonders durch die Arbeiten George Romeros für ein westliches Publikum adaptiert. Produktionen vor dem stilprägenden »Night of the Living Dead« nutzten allerdings durchaus ebenfalls das Motiv, nur eben in einer ursprünglicheren Form. Der Glaube an Zombies, also die Wiedererweckung eines toten oder totgeglaubten Körpers, ist seit jeher Teil des Voodoo-Glaubens. Jener wird zwar besonders mit der Karibik, insbesondere Haiti verknüpft, ist allerdings ursprünglich Teil afrikanischer Kultur. Dort geraubte Menschen gelangten als Sklaven in die Neue Welt, wo sie mit dem Christentum und anderen religiösen Strömungen konfrontiert wurden und mit dem Voodoo eine Art Synkretismus verschiedener Religionen schufen. Die Keimzelle des Glaubens liegt allerdings in Afrika. Schon das Wort Zombie ist aus den afrikanischen Bantusprachen entlehnt: zumbi bedeutet in etwa »der versklavte Geist«. Auf dem Gebiet des heutigen Benin (also damals durchaus in Dahomey) glaubte man, dass ein entsprechend versierter Magier einen Toten aus dem Grab holen und unter seine Knechtschaft zwingen konnte. In der ehemaligen südafrikanischen Provinz Transvaal dagegen ging die Versklavung ein wenig anders vonstatten. Hier geschieht der Akt des Tötens selbst auf eine schwarzmagische Art und Weise, so landet nur der Geist im Grab, während der Körper seinem Mörder gehorchen muss.

 

Der mysteriöse Trank dagegen ist dann wiederum ein Aspekt des haitianischen Voodoo-Glaubens: Ein Voodoo-Priester, ein bòkò, versetzt einen Menschen durch Gift in eine Art Scheintod. Nachdem der Bedauernswerte beerdigt worden ist, kann der bòkò ihn mit einem Gegenmittel »wiedererwecken« und sich als willenlose Marionette gefügig machen. Bekannt geworden ist in diesem Zusammenhang die – durchaus kontrovers diskutierte – Studie Wade Davis‘, welche die benutzten Halluzinogene als Produkt aus dem Kugelfischgift Tetrodotoxin und der Datura-Pflanze zu identifizieren glaubt.

 

Der Rächer von Dahomey

Burgdorf ist natürlich kein willenloser Zombie. Dann wäre ja ein Deutscher dem Willen einer Afrikanerin untertan, für einen Propagandafilm selbstverständlich ein absolut undenkbarer Zustand. Der Pflanzer behält vielmehr seinen eigenen Willen, der Voodoo-Trank dient lediglich als Möglichkeit des Ausbruchs aus dem Lager. Die Afrikanerin eröffnet Burgdorf somit die Möglichkeit der Rache. Es wäre allerdings falsch, sie deshalb als gleichberechtigte Mitstreiterin, als Verbündete des Deutschen verstehen zu wollen. Burgdorfs Retterin erfüllt vielmehr das Stereotyp des »edlen Wilden«, also des starken, gutaussehenden, allerdings ohne große Intelligenz oder eigenen Willen gesegneten Farbigen, welches in Europa lange Zeit propagiert wurde.

 

Neben der besonders durch den Voodoo transportierten exotischen Welt steht die Diffamierung der französischen Armee im Zentrum des Films. Die Wachen, angeführt von ihrem gewalttätigen, psychotischen Kommandanten verüben allerlei Gräuel sowohl an den Gefangenen, als auch an den Afrikanern. »Der Gefangene von Dahomey« ist damit ein typischer Propagandafilm. Der moralisch wie körperlich überlegene Burgdorf richtet die verkommenden Feinde, führt sie ihrer gerechten Strafe zu. Der Pflanzer als (seinerseits stereotyper) aufrechter deutscher Mann bekämpft somit den französischen Feind, dem alle Moral, ja gar jedwede Menschlichkeit abgesprochen wird.

 

Der verlorene Film

»Der Gefangene von Dahomey« ist heute im Original verloren. Bei der Rekonstruktion der Handlung sind wir also auf Quellen rund um die Produktion angewiesen. Eine spannende Möglichkeit hierzu ist (neben den Rezensionen, die unter anderem eine Rekonstruktion des Plots erlauben) die Entstehungsgeschichte des Films. Der allgegenwärtige Krieg machte den Dreh in den Kolonien selbst unmöglich. Die DEUKO sah sich also gezwungen, alternative Drehorte zu finden und bewies hierbei offenbar großes Geschick, afrika-ähnliche Locations in und um Berlin zu finden. Hierbei nutzte man wiederum das Kriegsgeschehen für sich aus. Durch Kontakte im Reichskolonialamt war es der DEUKO gestattet, in einem Gefangenenlager zu drehen: In Berlin-Wünsdorf hatte die Oberste Heeresleitung ein Lager für farbige muslimische Kriegsgefangene eingerichtet, welche indoktriniert werden sollten, einen Djihad gegen französische und britische Truppen in den Kolonien zu führen. Die gefangenen Soldaten wurden kurzerhand gezwungen, die Bewacher zu spielen, während der freie Deutsche zu ihrem fiktiven Gefangenen wurde. Ein Teil der Requisiten des Films wurde vom Berliner Völkerkundemuseum gestellt. Um die oben erwähnte Nilpferdpeitsche etwa rankt sich bis heute ein Geheimnis: Die Leihgabe des Museums verschwand während des Drehs und tauchte nie wieder auf.

 

Was als grandiose Inszenierung deutscher Überlegenheit geplant war, erwies sich als finanzielle wie ideologische Katastrophe. Kein Film vermag die politische Realität zu ändern. Und die sah im Herbst 1918 nun einmal furchtbar aus. Die Zuschauer glaubten im Angesicht von drohender Kriegsniederlage keinen Versprechen deutscher Überlegenheit mehr und wollten auf der Kinoleinwand keine Gewalt mehr sehen. Versehrte und eigenes Fronterlebnis hatten das Bedürfnis nach Tod und Leid wahrlich gestillt. »Der Gefangene von Dahomey« wurde zum Ende der DEUKO: Das Unternehmen musste aufgrund des finanziellen Fiaskos Konkurs anmelden.