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Lovecrafts kosmisches Grauen: "The Dreams in the Witch House"

Lovecrafts großartiger Fehler, so wurde The Dreams in the Witch House (deutsch: Träume im Hexenhaus) genannt. Und wirklich: Es scheint fast so, als hätte der Autor hier ein wenig zu viel gewollt. Er schneidet eine ganze Menge Themen an, bringt aber einiges nicht zu einem zufriedenstellenden Ende. So muss sich der Leser am Schluss selbst eine Antwort auf die Frage geben, wie denn nun die kegelförmigen Aliens aus At the Mountains of Madness (deutsch: Berge des Wahnsinns) in die Träume des Protagonisten Walter Gilman gekommen sein mögen. Nichtsdestotrotz findet sich der erstmals 1933 erschienene Text in unserer Reihe zu den bedeutendsten Werken des Autors. Denn trotz einiger Schwächen schafft es die Geschichte, mit ihrer Verbindung von Hexerei und Naturwissenschaft eine Intensität aufzubauen, die den Leser nicht mehr loslässt. Am Ende bleibt gar das ungute Gefühl, vielleicht auch von der Hexe in Versuchung geführt worden zu wären.

 

Das Schicksal Walter Gilmans

 

Im vermoderten Dachzimmer eines alten, sagenumwobenen Hauses hat der Student Walter Gilman kürzlich eine Bleibe gefunden, deren Kosten seine bescheidenen finanziellen Mittel nicht überschreiten. Nicht nur der desolate Zustand seines neuen Heims hat den Mietpreis nach unten getrieben, sondern auch die Geschichte von Keziah Mason. Diese etwas unheimliche Dame lebte vor langer Zeit in eben jenem Haus, wo sie offenbar blasphemische Experimente durchführte. Angeblich sei es dabei um Veränderungen des Raum-Zeit-Kontinuums gegangen. Bevor der Fall jedoch abschließend geklärt werden konnte, verschwand die vermeintliche Hexe spurlos.

 

Walter Gilman lebt nun also im ehemaligen Heim dieser geheimnisvollen Frau. Und schon bald beginnen die Träume. Des Nachts reißt es den Studenten in fiebrige Abgründe voller verworrener Architektur, surrealer Landschaften und seltsamer Wesen. In seinen Träumen begegnet er des Öfteren Keziah, die ihm den Schwarzen Mann vorstellen will, auf dass Walter sie alle zum Thron des Azathoth begleite. Der junge Mann vernachlässigt sein Studium und vergräbt sich immer tiefer in okkulte Bücher. Doch auch wenn er beginnt, allmählich an seiner geistigen Gesundheit zu zweifeln, kann er doch plötzlich mit einem erstaunlichen Wissen über Astrophysik aufwarten.

 

Die Grenzen von Traum und Realität verschwimmen zusehends. Walter erfährt schließlich, dass während der Nacht ein violettes Licht aus seinem Fenster scheint – eben jenes Licht, welches in seinen Träumen auch die Hexe umgibt. Fortan hört der Student überall seltsame Geräusche, er hat Fieber, fantasiert und schlafwandelt. In seinen Träumen sieht er eine außerirdische Landschaft, bevölkert von den kegelförmigen Kreaturen aus Mountains. Eines Morgens findet er die Statuette eines solchen Wesens in seinem Schlafzimmer; er hat keine Ahnung, wie sie dorthin gekommen sein könnte. Die seelischen Qualen des jungen Mannes werden immer stärker, er droht, vollends den Verstand zu verlieren. Letzten Endes stirbt Walter Gilman; der Erzähler weist darauf hin, dass die Umstände seines tragischen Todes nie aufgeklärt wurden. Der Leser erfährt lediglich, dass durch einen schweren Sturm das Dachgeschoss des Hexenhauses beschädigt wurde und man bei den Aufräumarbeiten eine grauenhaft verstümmelte Leiche fand.

 

Der Schrecken in der Nacht

 

Keziah Mason will Walter den Schwarzen Mann vorstellen. Lovecraft nimmt hier ein populäres Motiv auf, das er gekonnt mit seiner Figur des Nyarlathotep verknüpft. Berichte über Begegnungen mit einem ominösen Schwarzen Mann finden sich in zahlreichen Kulturen, die Gestalt scheint archetypisch zu sein. Es existieren die verschiedensten Theorien über das seltsame Wesen, die in den meisten Fällen aber eher in das Reich der Esoterik zu verweisen sind, als dass sie einen wissenschaftlichen Erklärungsansatz bieten. Letzten Endes mag der Schwarze Mann vielleicht nur ein Abbild einer menschlichen Urangst sein; der Furcht vor dem Eindringen eines Fremden, dem wir schutzlos ausgeliefert sind, während wir schlafen.

 

In Witch House zumindest wird der Schwarze Mann mit Nyarlathotep verbunden, einer Gestalt, die bereits in früheren Werken Lovecrafts auftaucht. Jene Kreatur fungiert als Bote der Götter, als Verbindung zwischen göttlicher und menschlicher Sphäre – was etwas paradox ist, wenn man einen wesentlichen Grundpfeiler der Mythologie des Autors darin sieht, dass die Geschicke der Menschen den Outer Gods (deutsch: Äußere Götter) eigentlich vollkommen gleichgültig sind. Nyarlathotep wandelt in der Welt der Menschen, er tritt mit ihnen in Kontakt. Er scheint gleichsam das Gegenbild Azathoths zu sein, denn er verbreitet das schleichende Chaos und ist allgegenwärtig, während Azathoth das konzentrierte Chaos auf einen einzelnen Punkt symbolisiert. Jener vielleicht schlimmste der Outer Gods ist Nyarlathoteps Vater. Auch in Witch House soll der Sohn nun als Vermittler zwischen Walter Gilman und Azathoth dienen; durch sein Erscheinen im Traum erscheint die Manifestation als Schwarzer Mann dazu überaus passend.

 

Stimmung über Story

 

Witch House ist ein treffendes Beispiel dafür, dass es Lovecraft stets in erster Linie darum ging, Angst zu erzeugen. Diesem Leitsatz ordnete er die Handlung konsequent unter. So vermag es dann auch nicht zu überraschen, dass sich der Plot als eher simpel gestrickt präsentiert und der Protagonist wenig Sympathie erweckt. Der Autor mag darüber hinaus einige Elemente nicht konsequent zu Ende gedacht haben, und auch seine durchaus rassistische Grundeinstellung schimmert zwischen den Zeilen durch: In seiner hier teils humoristisch verzerrten Ablehnung des Katholizismus der irischen, polnischen und italienischen Immigranten ist er ganz White Anglo-Saxon Protestant. Dennoch: Witch House erzeugt eine überaus bedrückende Grundstimmung. Der Weg Walter Gilmans in den Wahnsinn wird packend geschildert und gerade die Ausflüge in die verworrenen Traumwelten hinterlassen einen richtiggehend verstörenden Eindruck beim Leser. Abseits von heute verbreiteter Wicca-Esoterik und weit weg von jeglicher feministischer Inbesitznahme des Motivs präsentiert Lovecraft dazu eine Hexe, die wirklich und wahrhaftig bösartig ist.