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Versteckte Botschaften und doppelter Boden in "Ihre beste Stunde"

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

Auf den ersten Blick ist „Ihre beste Stunde“ (im Original: Their Finest) aus dem Jahr 2016 eine leichtfüßige, aber nicht alberne Romanze im London des Zweiten Weltkriegs: Die junge Catrin Cole lebt in wilder Ehe mit ihrem Partner, dem Künstler Ellis Cole zusammen. Da sich seine düsteren Gemälde schlecht verkaufen, beschließt sie, einen Job anzunehmen. Kurzerhand wird sie vom britischen Informationsministerium angeheuert – und zwar für Schmalz. „Schmalz“ nennen die MitarbeiterInnen des Ministeriums jene Teile eines Films, der eher so was „für die Frauen“ ist. Gefühle, Beziehung, Fürsorge. Alles natürlich immer mit Blick auf den Krieg, es handelt sich also um Gefühle und Beziehungen heimgebliebener Frauen, die sich um ihre Soldaten-Männer, Soldaten-Väter, Soldaten-Brüder oder Soldaten-Söhne sorgen. Aber dennoch: Das Ministerium meint sich darüber im Klaren, dass eine anständige Kriegsbegeisterung und Solidarität innerhalb der Bevölkerung nur dann zustande zu bringen ist, wenn die Damen der Schöpfung mit etwas Schmalz bei der Stange gehalten werden. Catrin überarbeitet also Drehbücher für patriotische Kinofilme und haucht ihnen ein wenig „weiblichen Charme“ ein. Dabei verliebt sie sich natürlich in den widerspenstigen, aber liebenswerten Autoren Tom Buckley, der sie sowieso viel glücklicher macht als ihr treuloser, selbstbezogener Künstlerfreund.

 

So weit, so Klischee. Der Film lohnt aber dennoch mehr als nur einen Blick und vor allem über die elende „Wie historisch akkurat ist er?“-Frage hinaus. Denn Mutter England hat es sowieso mit ihren Heritage Filmen und ihrer Heritage Industry, die ihrerseits möglichst patriotische Gefühle ob der überstandenen Kriegswirren erzeugen soll. Das ist der erste doppelte Boden „Ihrer besten Stunde“: Er ist ein Film über Propagandafilme während des Krieges, der gleichzeitig seinerseits wirkkräftige Aussagen über den Zweiten Weltkrieg als identitätsstiftendes historisches Ereignis trifft. Und die fallen weder kritisch noch sonderlich multiperspektivisch aus. Wir erleben die Beklemmung der Bombenangriffe, die Catrin Cole mit vielen anderen LondonerInnen im U-Bahn-Schacht verbringt. Wir erleben Erleichterung und Bestürzung, wenn nach einem der Angriffe auf den Straßen zunächst zerbombte Schaufensterpuppen, dann aber bald auch zerstörte Menschen liegen. Bill Nighy, der den alternden Schauspieler Ambrose Hilliard mimt und seinerseits eine britische Film-Institution, fasst es in dem Film zusammen: „Der Krieg hat den Rahm abgeschöpft und wir stehen mit dem ranzigen Quark da!“

 

Es geht also darum, die Entbehrungen und das Leid der Zivilbevölkerung mitzuerleben. Sie ist der Gewalt des Krieges schutz- und schuldlos ausgeliefert. Aber sie rafft sich eben auch zusammen: In dem Sinne, dass Cole zusammen mit Buckley und Hilliard einen berührenden, sehr britischen und sehr patriotischen Film dreht. In diesem Sinne ist er eine Erfolgsgeschichte, die zeigt: Auch in diesen schwierigen Zeiten stehen die Menschen zusammen und schaffen etwas, das größer und schöner ist als sie selbst. Die Figuren erlangen für ihr Leben Bedeutung, aber auch Würde in all dem Verzicht und der beständigen Angst. Dass sie somit Teil eben jener Kriegsmaschinerie werden, unter der sie so offenkundig leiden, reflektieren sie weniger, da wird höchstens mal mit den Augen gerollt, wenn es neue Vorgaben der Vorgesetzten hagelt.

 

Aus dieser Perspektive ist „Ihre beste Stunde“ nichts weiter als ein typischer Historienfilm mit national-historischen Narrativ: Da die bösen Deutschen, die den Krieg bringen, hier die guten Briten und Britinnen, die nie den Mut verloren haben. Nicht zufällig spielt der Film im Film in Dünkirchen, dem britischen Kriegshelden-Ort überhaupt. Der Strand in der Normandie, an dem im Frühsommer 1940 hunderttausende alliierte Soldaten nach Südengland evakuiert werden konnten, ist ein lieu de mémoire ganz im Sinne Pierre Noras: Im national orientierten Gedächtnis Britanniens kristallisieren sich in den überräumlichen Erinnerungen an Dünkirchen eben jene Ideen, die 2016 von Drehbuchautorin Gaby Chiappe in „Ihre beste Stunde“ aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Sie erreicht dies unter anderem dadurch, dass sie ihre Hauptfigur Catrin auf die Suche nach „wahren Begebenheiten“ schickt. Catrin kehrt mit einer Meldung über zwei Frauen zurück, die das Boot ihres Onkels stahlen, um Soldaten aus Dünkirchen abzuholen. Mit der Art und Weise, wie die Filmemacher im Informationsministerium aus der relativ unspektakulären „Wahrheit“ eine mitreißende Geschichte für den Film stricken, rekurriert Chiappe natürlich auch auf der Gemachtheit ihres eigenen Werkes. Für einen kurzen Augenblick dürfen die Zuschauenden sich fragen, wie realistisch oder historisch akkurat eigentlich der Film ist, den sie gerade sehen. Aber dann werden wir auch schon wieder ergriffen von den liebenswerten Figuren – allen voran Ambrose Hilliard, den Bill Nighy als herrlich anspruchsvolle Drama-Queen mit Herz aus Gold spielt –, der anheimelnden Musik von Rachel Portman und den bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Kulissen und Kostümen.

 

Auf diese Weise hält sich in dem Film stets die Waage zwischen augenzwinkernder Doppelbödigkeit und Wohlfühlatmosphäre. Denn neben dem doch recht dick aufgetragenen Nationalstolz trifft „Ihre beste Stunde“ auch immer wieder hochaktuelle Aussagen über’s Filmemachen, aber auch über Geschlechterrollen. Und diese Aussagen finden stets auf der Ebene der Story statt, aber auch auf der Produktionsebene: Denn noch 2017 hatte gerade mal ein Viertel der großen Filmproduktionen eine weibliche Hauptrolle.

 

Laut des Center for the Study of Women in Television and Film waren in dem Jahr gerade mal 8 % Regisseurinnen und 10 % Drehbuchautorinnen in der Kinolandschaft vertreten. Catrin Cole, die ja selbst eine Protagonistin in einem Film ist, der von einer Frau geschrieben und auch geleitet wurde (Lone Scherfig), sieht sich 1940 ganz ähnlichen Repressionen ausgesetzt. Mit viel Witz und dem nötigen Selbstbewusstsein behauptet sie sich in einem Arbeitsumfeld, in dem sie eigentlich nur für den „Schmalz“ zuständig sein soll. Auch hier ist „Ihre beste Stunde“ eine Erfolgsgeschichte, erzählt er doch von einer jungen Autorin, die letztlich ihren eigenen Film schreibt und ins Kino bringt. Dass ihr dies nicht gegen den Willen ihrer männlichen Mitstreiter Hilliard und Buckley gelingt, sondern mit ihnen zusammen, unterscheidet ihn jedoch von üblichen filmischen Emanzipationsgeschichten.

 

All diese, und sicherlich noch weitere, hintergründige Anspielungen machen „Ihre beste Stunde“ zu einem höchst interessanten Film, der uns nicht nur vor Augen führt, wie Geschichte durch’s Kino gemacht wird, sondern auch, wie Kino überhaupt gemacht wird – und von wem. Das zuletzt von Christopher Nolan etwas überstrapazierte Dünkirchen-Narrativ findet sich allerdings besser umgesetzt in Joe Wrights sagenhaft-fünfminütiger Plansequenz in „Abbitte.“