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Lovecrafts kosmisches Grauen: "The Dunwich Horror"

Frederic Edwin Church: Neuenglische Landschaft, 1852. CC-PD

 

Es scheint in Lovecrafts Natur gelegen zu haben, sein eigenes schriftstellerisches Talent nicht würdigen zu können oder zu wollen. Zumindest neigte er des Öfteren dazu, seine Texte als nicht unbedingt gelungen anzusehen. Anders bei The Dunwich Horror (deutsch: Das Grauen von Dunwich): Dieses Werk gefiel ihm tatsächlich ausgesprochen gut, wie der Autor in einem Brief verlauten lässt. Auch Farnsworth Wright, dem Herausgeber des Weird Tales-Magazins, schien die relativ umfangreiche Erzählung zuzusagen, erschien der im Spätsommer 1928 fertig gestellte Text doch bereits im April 1929 und bescherte Lovecraft sein bis dato höchstes Honorar von 240 $. Was dem heutigen Leser als eher dürftig erscheinen mag, war nach damaligen Maßstäben eine beträchtliche Summe. Zum Vergleich: Der spartanisch lebende Autor benötigte für seinen Lebensunterhalt 50 bis 60 $ im Monat. Während Lovecraft seine Arbeit – und wohl auch den dadurch erzielten Gewinn – durchaus wertzuschätzen wusste, teilten einige moderne Kritiker diese Meinung nicht. Der bekannte US-amerikanische Literaturwissenschaftler und Lovecraft-Biograph Sunand Tryambak Joshi etwa schrieb, Dunwich sei ob der so offensichtlichen Gegenüberstellung von Gut und Böse eines der schwächsten Werke des Autors.

 

Die Geschichte von Wilbur Whateley

 

Lovecraft erzählt die Geschichte von Wilbur Whateley, welcher unter düsteren Vorzeichen in dem kleinen, abgelegenen Dorf Dunwich in Massachusetts geboren wird. Bereits in jungen Jahren scheint dieses Kind etwas an sich zu haben, das die anderen Bewohner des Ortes dazu bringt, den Jungen zu meiden, ohne jedoch genau benennen zu können, was der Quell ihrer Abneigung sein könnte. Um das Mysterium perfekt zu machen, findet sich niemand, der als Vater des Kindes in Erscheinung tritt. Der Großvater Wilburs jedoch, unter den Dorfbewohnern als Hexenmeister verschrien, verkündet stolz, dass sein Enkel eines Tages den Namen seines Erzeugers von den Hügeln rufen würde. Die Jahre gehen ins Land und seltsame Zwischenfällen, an denen Wilbur stets irgendwie beteiligt scheint, häufen sich. So kaufen die Whateley etwa jede Menge Vieh, ohne dass sich aber ihre Herde merklich vermehrt. Der alte Whateley stirbt schließlich, und Wilbur übernimmt die Rolle des Familienoberhaupts.

 

Gemäß des letzten Wunsches seines Großvaters begibt sich der junge Mann nun auf die Suche nach dem sagenumwobenen Necronomicon, einem Buch voll der magischen Geheimnisse. Seine Recherchen führen Wilbur nach Arkham an die Miscatonic Universität. Der dortige Bibliothekar, Dr. Richard Armitage, weigert sich jedoch, ihm das Werk zu zugänglich zu machen. Daraufhin bricht Wilbur in die Bibliothek ein, um das Buch zu stehlen. Dem wütenden Wachhund dort ist er jedoch nicht gewachsen: Der Dieb wird von dem Tier zerfleischt, ehe er das Necronomicon an sich bringen kann. Den herbeieilenden Angestellten um Armitage bietet sich ein furchtbarer Anblick, entpuppt sich Wilbur doch als nicht mehr gänzlich menschlich, als ein bizarres Mischwesen aus Mensch und Tier.

 

Das Grauen von Dunwich

 

Wilburs Tod markiert den Einbruch des Grauens über Dunwich, denn fortan erschüttert eine Reihe bestialischer Morde, offenbar begangen von einer unsichtbaren monströsen Kreatur, den Ort. Es stellt sich nun heraus, dass der Verstorbene noch einen Bruder hatte, welchem die Menschlichkeit gänzlich fehlt. Bisher in der Scheune versteckt gehalten, treibt der Hunger dieses Wesen in die Welt hinaus, ist Wilbur doch nicht mehr da, um es zu füttern. Dr. Armitage fühlt sich verantwortlich für den Ausbruch der Kreatur und setzt alles daran, das Monster zu stoppen. Mit Hilfe von Bannsprüchen aus dem Necronomicon gelingt ihm und seinen Mitstreitern schließlich das Wunder der Bannung des Wesens.

 

Eine Stadt am Abgrund

 

Dunwich hat ein realhistorisches Vorbild, existiert doch in England ein Ort gleichen Namens. So etwas ist nun nichts wirklich Besonderes, denn die puritanischen Siedler in Neuengland benannten ihre neu gegründeten Dörfer häufig nach Orten aus ihrer Heimat. Jenes europäische Dunwich weist aber eine Besonderheit auf: es versank nach und nach im Meer. Das bereits auf ein römisches Militärlager zurückgehende Städtchen war im Mittelalter ein einigermaßen bedeutsamer Handelsplatz und Bischofssitz. Ein heftiger Sturm im Jahr 1286 spülte nun einen beträchtlichen Teil der Siedlung ins Meer. Gut vierzig Jahre später mussten die Bewohner erneut gegen eine riesige Sturmflut ankämpfen, der wiederum zahlreiche Häuser zum Opfer fielen. Der Rest des Ortes fiel während der nachfolgenden Jahrhundert einer schleichenden Erosion der Küste zum Opfer: Dunwich versank nach und nach fast gänzlich im Meer. Heute leben noch etwas mehr als 100 Bewohner in einem Küstengebiet, das einst mehrere Kilometer im Landesinneren lag.

 

Dunwich ist ein Ort am Abgrund, und das in einem ganz wörtlichen Sinn. Geschickt nutzt Lovecraft nun die puritanische Tradition der Ortsbenennung und platziert sein Dunwich in Neuengland. Hier dient das Abgründige als Metapher für das Grauen, welches jahrelang schlummert, um schließlich hervorzukommen und den Ort und seine Bewohner in den Abgrund zu reißen. Es geht dem Autor dabei offenkundig weniger um den direkten Bezug zum Meer als vielmehr um die Assoziation mit Verfall, Gefahr und schleichendem Untergang.

 

Kinder eines dunklen Gottes

 

Wilbur und sein monströser Bruder sind die Kinder Yog-Sothoths, einem der Götter des Cthulhu-Mythos. Es spricht nun Einiges dafür, Dunwich als eine Art Travestie des Christentums zu verstehen. Wilbur und sein Brüder sind von einem Gott gezeugt, ihre Mutter erlebt in dieser Hinsicht eine Form von unbefleckter Empfängnis, eine parthenogenetische Schwangerschaft, um es einmal naturwissenschaftlich auszudrücken. Wilburs Bruder stirbt auf dem Sentinel Hill, während er seinen göttlichen Vater anruft, genau wie Jesus auf dem Hügel Golgatha den Qualen der Kreuzigung erliegt. Anders als Letzterer war die monströse Kreatur in Dunwich allerdings nicht mehr in der Lage, ihr Werk zu vollbringen. Lovecraft selbst erwähnt diese möglichen unterschwellig-blasphemischen Anspielungen nun in keinem seiner zahlreichen Briefe zum Text, und auch den Zeitgenossen scheinen derartige Verbindungen nicht aufgefallen zu sein, wie der Theologe Marco Frenschkowski anmerkt. Möglich wäre eine solche Lesart aber durchaus, war Lovecraft doch überzeugter Gegner des Christentums.