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Alice in Dietland oder: Die Rückkehr des Tyler Durden

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

In der Popkultur dreht sich das Karussell der Referenzen, Remakes und Sequels, Reboots und Cross-Over immer weiter. Kaum noch kommt das Publikum hinterher; alles ist Adaption, alles ist vertraut und doch neu. Das gilt nicht nur für’s Kino, sondern inzwischen auch und insbesondere für Serien. Es wird nicht mehr mit den Versatzstücken eines einzelnen Genres gespielt, stattdessen werden alte Serien neu wieder aufgelegt (zum Beispiel Netflix’ „Fuller House“) oder aus gescheiterten Filmprojekten werden günstigere Serienadaptionen gestrickt (wie es bei „City of Bones" der Fall war).

           

Wie also den Überblick behalten? Ist Adaption nur noch dazu da, um uns Zuschauenden ein wohliges Gefühl der Vertrautheit und der Nostalgie a la „Stranger Things“ zu bescheren? Nun, sie kann durchaus noch mehr. Zwei Serien zeigen dies derzeit, interessanterweise mit gleicher Vorlage. Die Vorlage selbst: ein irrer Ritt durch die dumpf enttäuschte, amerikanische Männerseele der 1990er, inklusive eingängigem Soundtrack und grandios angedeutetem Plot-Twist. Die Rede ist natürlich von David Finchers „Fight Club.“ Ein Film wie ein Faustschlag, der eine ganze Generation von KinobesucherInnen darauf einstellte, dass längst nicht alles, was die Figuren eines Films wahrnehmen und uns zeigen, auch da sein muss. Auf diese Weise war der Film, der selbst eine Buchadaption darstellt, eine Feier des unzuverlässigen Erzählers. Nachdem das Konzept in den darauffolgenden Jahren immer wieder arg überstrapaziert wurde und uns der Twist mit der dissoziativen Identitätsstörung bereits drohte, zum Hals rauszuhängen, wurde es etwas ruhiger und die filmische Erzählstruktur wieder stringenter. Und während Fincher heute in Filmen wie „Gone Girl“ mit beinahe diabolischer Freude an dem Ungleichgewicht zwischen Figurenwissen und Zuschauerwissen spielt, verlagerten sich experimentelle, originelle Stoffe von der Leinwand auf den heimischen Bildschirm: Heute geben hochwertig produzierte Serien mit Millionen-Budget DrehbuchautorInnen und RegisseurInnen Platz, sich auszutoben. Und so verwundert es nicht, dass es auch ausgerechnet Serien sind, die „Fight Club“ für sich neu entdecken und zur Abwechslung mal ideenreich und sinnvoll adaptieren und weiterentwickeln.

           

Die erste Serie, bei der die Vorlage am offensichtlichsten zitiert wird, ist Amazons „Mr. Robot.“ In unserem Zeitalter der Digitalisierung lag es natürlich nahe, aus dem Alter Ego der scheuen Hauptfigur Elliot nicht etwa einen anarchistischen Schläger wie Tyler Durden, sondern einen revolutionären Hacker zu machen. Während Finchers namenloser Erzähler vor allem von sich selbst gelangweilt war, ist Elliot aufgrund seines gehackten Wissens über die Menschen um ihn herum gelangweilt, ja, sogar verschreckt. Beide Figuren – und deren abgespaltene Persönlichkeiten – eint jedoch das Ziel des gesellschaftlichen Umsturzes. Deswegen fliegen in beiden Werken auch gern mal wichtige Gebäude in die Luft, ohne, dass die jeweilige Hauptfigur davon etwas wusste oder dies gut findet. Elliot ist jedoch ein fast noch unzuverlässigerer Erzähler als sein Edward-Norton-Vorbild, denn ihm fehlen nicht nur immer wieder die Zeiträume, in denen Mister Robot seinen Körper übernimmt, er erinnert sich auch noch bewusst falsch an bestimmte Ereignisse in seiner Vergangenheit. Logisch, dass er also die ZuschauerInnen als imaginären, jedoch stummen Freund dazu befragt. Ähnlich wie Fincher es mit den Hinweisen auf die Schneidetechnik eines Kinofilms tat, überwindet also auch Sam Esmail – Schöpfer und Regisseur der Serie – immer wieder die vierte Wand und zeigt die Gemachtheit seiner Geschichte auf. Dass die Serie jedoch nicht nur als aktualisierte Hommage an „Fight Club“ funktioniert, liegt vor allem an der durchdachten, konsistenten Story, der komplexen Figurenzeichnung und der realistischen Umsetzung.

           

Es gibt aber seit Juni diesen Jahres noch eine weitere Serie, die sich auf „Fight Club“ zurückbesinnt und dabei eine neue, sogar um einiges relevantere Geschichte zu erzählen vermag: nämlich „Dietland“ von Marti Noxon. Sie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Sarai Walker, die sich wiederum ausdrücklich von „Fight Club“ inspirieren ließ. Was diese Adaption so interessant macht, ist ihr Blick auf ihre Grundlage, nämlich „Fight Club“ als zeitgenössische und soziale Konstruktion von Männlichkeit und männlichen Gender-Rollen zu verstehen. Diese Lesart verwandelt Walker in ein feministisches Alice im Wunderland, oder eben: im Diätland. Durch das Format der Serie schafft es „Buffy“-Schöpferin Marti Noxon nun wiederum, die vielen Schichten und Themen der Vorlage adäquat und gleichzeitig unterhaltsam auf den Bildschirm zu bannen. Auch bei „Dietland“ ist die Hauptfigur ein vergessenes Element der Gesellschaft, eine unscheinbare Looserin, die ohne FreundInnen und ohne Ziel durch’s Leben schleicht. Doch Moment, ohne Ziel? Alicia, die alle wegen ihres Übergewichts Plum nennen, hat sehr wohl ein Ziel:  endlich ihr dünnes Ich zum Vorschein zu bringen, um so sich selbst wieder lieben zu können und von anderen geliebt zu werden. Dass sie auf ihrem Weg dorthin zwischen die Fronten einer Millionärin mit Body-Positivity-Berufung und einer radikalen feministischen Terrorgruppe gerät, interessiert sie dabei nur bedingt. Für sie ist klar: Sie will keine „glückliche Dicke“ sein, sie will schlank sein. Die Terrorgruppe „Jennifer“ tötet währenddessen immer wieder Männer und auch Frauen, denen frauenverachtendes Verhalten vorgeworfen wird. Dadurch enthüllt sich die Serie natürlich als Satire, die man jedoch nicht allzu schnell als männerhassenden Feministinnen-Quatsch abtun sollte. Denn die Dialoge zwischen Plum und ihrer Umwelt sind pures Gold wert und entlarven quasi nebenbei die unterschwelligen psychologischen Mechanismen, die nach wie vor den Schönheitswahn und das Frauenbild vieler Menschen prägen. Erfrischend sind ebenfalls die verschiedenen Perspektiven, wie von Plums magerer Chefin Kitty, die mit ihren Karriereplänen in den gleichen Mechanismen feststeckt, die sie selbst als Leiterin des Mode-Magazins „Daisy Chain“ verfestigt. Der erhobene Zeigefinger fehlt dabei glücklicherweise schon allein aufgrund des absurden Humors und den differenziert gezeichneten Figuren.

           

Völlig auf die Spitze getriebener, radikaler Feminismus ist also der Tyler Durden in „Dietland.“ Aber anders als bei Fincher oder Esmail ist die Gruppe „Jennifer“ nicht Teil von Plums Persönlichkeit (bis jetzt jedenfalls noch nicht. Die Folgen werden wöchentlich auf Amazon Prime ausgestrahlt). Plum lässt sich nicht vor den Karren spannen, nur weil Erlösung durch Anarchie winkt. Es passt zum feministischen Grundgedanken der Serie, dass Plum eben keine unzuverlässige Erzählerin ist, sondern eine eigenständige, selbstbestimmte Persönlichkeit. Und das ist es vielleicht auch, was „Dietland“ als Adaption „Mr. Robot“ voraus hat: Während „Mr. Robot“ das Motiv der dissoziativen Identitätsstörung zur konsequenten Innenschau nutzt, verzichtet „Dietland“ ganz darauf und externalisiert die anarchistische Kraft von Durden in „Jennifer.“ Bei „Mr. Robot“ ist das Böse klar als solches erkennbar, als mächtiges Konglomerat Evil Corp und als Cyber-Terrorgruppe Dark Army. Bei „Dietland“ ist die Misogynie das Böse, allerdings mit dem Haken, dass sie in uns allen steckt.

           

So oder so: Popkultur und Kultur allgemein beruht auf Adaption und Rezeption. Da führt kein Weg dran vorbei. Eine gute Adaption schafft es jedoch immer, dem Vorausgegangenen etwas Neues hinzuzufügen. Sie lassen Tyler Durden nicht nur wieder auferstehen, sondern führen uns mit ihm in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus. 

 

P.S.: In der aktuellen Folge vom 10.07. trägt eine "monstermäßige" Plum übrigens auch ein Fight-Club-T-Shirt. Zufall? Ich glaube nicht!