· 

Die seltsamen Verwandlungen des Werwolfs. Teil 4: Auf der großen Leinwand

Zeus verwandelt Lykaon, CC-PD

 

Die filmische Adaption des Werwolfmotivs ist untrennbar mit dem Namen Curt Siodmak verbunden. Dieser 1902 in Dresden geborene Drehbuchautor und Regisseur prägte 1941 mit The Wolf Man (deutsch: Der Wolfsmensch) den modernen Werwolf ganz wesentlich. Siodmaks Drehbuch nämlich war es, das den Kreaturen erstmals eine Verwundbarkeit durch Silber und eine Übertragung ihres Schicksals durch Bisse auf den Leib schrieb.

 

»The Wolf Man«

 

Nach 18 Jahren in den USA kehrt der Protagonist des Streifens, ein junger Mann namens Larry Talbot, zurück nach Wales auf das opulente Anwesen seiner Familie, denn sein Vater Sir John – überrumpelt durch den plötzlichen Unfalltod seines Erstgeborenen – möchte seinen zweiten Sohn bei sich haben, um ihn auf die Aufgaben als Gutsherr vorzubereiten. Bald trifft Larry im nahegelegenen Dorf auf die attraktive Gwen, als er im Antiquitätengeschäft, in dem sie arbeitet, einen Spazierstock mit silbernem Knauf erwirbt. Larry bittet die junge Dame, mit ihm einen Spaziergang zu machen. Gwen willigt ein, bringt aber ihre Freundin Jenny mit. Im Wald treffen die drei auf einen mysteriösen Wahrsager, der Jenny aus der Hand liest. Als dort ein Pentagramm erscheint, schickt der Mann sie weg. Die erschrockene Jenny läuft in den Wald, wo sie kurz darauf von einem Wolf angefallen wird. Der herbeieilende Larry erschlägt das Tier mit seinem neuen Spazierstock, wird vorher aber in die Brust gebissen. Kurz bevor der Verwundete das Bewusstsein verliert, glaubt er, den Wahrsager anstelle eines Wolfs tot am Boden liegen zu sehen.

 

Larry wird nun des Mordes verdächtigt, fand sich im Wald doch tatsächlich ein toter Mensch, kein Wolf. Allein der Einfluss seines Vaters vermag den jungen Mann vor dem Gefängnis zu bewahren. In der Friedhofskapelle trifft Larry auf die Mutter des Toten, die ihm erzählt, dass ihr Sohn unter dem Fluch eines Werwolfs gestanden habe. Es kommt, wie es kommen muss: Auch Larry wird zum Werwolf, durch den Biss hat er sich infiziert. Der junge Mann nimmt schließlich ein tragisches Ende, er wird von seinem Vater erschlagen, als er versucht, Gwen anzufallen. Sir John muss schließlich erkennen, dass er mit der Bestie seinen eigenen Sohn getötet hat.

 

Ästhetik des Ekels

 

Neben der Einführung der Verwundbarkeit durch Silber und der Übertragung durch Bisse findet sich in The Wolf Man ein weiteres Novum, nämlich eine Ästhetisierung der Verwandlung: Während historische Quellen den eigentlichen Akt der Verwandlung aussparen, stellt Siodmak ihn extra heraus. Sei es in der antiken Mythologie, den mittelalterlichen Erzählungen oder auch in frühneuzeitlichen Prozessakten – es wird zwar darüber berichtet, wie eine Verwandlung möglich ist, aber nie, wie sie sich vollzieht. Es existiert schlicht keine Beschreibung der Metamorphose. Auch frühe filmische Adaptionen wie The Werewolf  von 1913 sparen diesen Aspekt fast gänzlich aus. Es ist nun sicherlich auch der technischen Entwicklung geschuldet, dass Siodmak knapp 30 Jahre später die Verwandlung dann endlich in Szene setzen kann. Und auch damit prägte der Drehbuchautor die Werwolfdarstellung maßgeblich, wurde die Metamorphose doch zu einem wesentlichen Element, um durch die Verformung des menschlichen Körpers, das Reißen der Haut und das Knacken der Knochen beim Zuschauer Ekel zu erzeugen. Und das nicht nur im Film: Christoph Hardebusch etwa beschreibt in seinem Roman Die Werwölfe detailliert, wie die Verwandlung von Statten geht:

 

»Zunächst geschah nichts, und der junge Italiener fragte sich bereits, welches Spiel sie nun wieder mit ihm trieben. Doch dann floss eine Veränderung durch Shelleys, als sei seine Haut die Oberfläche eines Teiches, in den man einen Stein gworfen hat. Er legte den Kopf in den Nacken und streckte sich, und seine Knochen knackten vernehmlich. Im fahlen Mondlicht schien sein Körper zunächst zu wachsen, dann wieder zu schrumpfen. Er hob die Hände, die wie Klauen verbogen waren. Ein unmenschliches Knurren entrang sich seiner Kehle. Vor Niccolos Augen vollzog sich die seltsamste und schrecklichste Verwandlung, die alle Vernunft zu sprengen schien. Das Fleisch zog sich zusammen, die Haut veränderte sich, und Shelley fiel auf Hände und Füße. Dunkle Flecken bildeten sich auf seiner Haut, und es dauerte einige Sekunden, bis Niccolo erkannte, dass dort Fell spross. Shelleys Gesicht verlängerte sich, als er den Mund wie zu einem Gähnen öffnete. Als er ihn schloss, war er zur Schnauze geworden, aus der große Fangzähne ragten. Die Gestalt wurde kleiner und schon bald war sie ganz mit dichtem Pelz bedeckt. Doch irgendwo in dieser tierischen Form konnte Niccolo noch Shelley erkennen, und er stöhnte entsetzt auf«

(Christoph Hardebusch: Die Werwölfe. München: Heyne 2009, S. 175f.)

 

Die Bestie im Innern

 

In The Wolf Man nun kommt der Werwolf als tragische Gestalt daher. Larry, eigentlich ein guter Kerl, der niemandem etwas zu Leide tun will, wird durch einen Schicksalsschlag zu einer mordenden Bestie. In eine ganz ähnliche Richtung zielt die Serie Being Human, in welcher ein Werwolf, ein Vampir und ein Geist eine Wohngemeinschaft bilden. Was zunächst nach einer unsäglich schlechten Komödie klingt, entpuppt sich doch als Gemälde einer verzweifelten Suche nach Menschlichkeit. Josh, der Werwolf, hat sich sein Schicksal nicht ausgesucht. Immer dann, wenn er sich verwandelt, verliert er die Kontrolle über sein Handeln, mutiert zu einer rasenden Bestie. Josh wird in Wolfsgestalt zu einer Gefahr für alle Mitmenschen, doch wirklich schlecht geht es ihm, wenn er als Mensch ein scheinbar normales Leben führen muss. Denn auch dann fühlt er sich nicht wie ein Teil der menschlichen Gemeinschaft, stets ist ihm das Monströse in seinem Innern bewusst.

 

Neben diesem tragischen, diesem sympathischen Werwolf kennt der Horrorfilm aber auch die tumbe Mordmaschine. Der Werwolf eignet sich hervorragend als Monster, als Gegner für den Helden. Filme wie die Underworld-Reihe inszenieren die Kreatur als Bestie, die allein um des Tötens willen tötet. Eine solche Reduzierung reicht aber spätestens dann nicht mehr aus, wenn der Werwolf als Protagonist einer Geschichte präsentiert werden soll. Dann repräsentiert er einen Widerstreit, eine bestialische und eine menschliche Seite, die um die Vorherrschaft konkurrieren. Der Mensch wird durch einen Biss zum Monster, fortan muss er lernen, seine innere Bestie zu kontrollieren – oder er wird schlussendlich von ihr kontrolliert.