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Die seltsamen Verwandlungen des Werwolfs. Teil 3: In phantastischen Gefilden

Zeus verwandelt Lykaon, CC-PD

 

Mit dem Ende der Hexenverfolgung und Aufkommen der Aufklärung verschwand der Werwolf fast gänzlich aus der Historie, allenfalls als Figur volkstümlicher Überlieferung taucht er ab und an aus den Nebeln der Mythen auf, um Angst und Schrecken zu verbreiten – im deutschsprachigen Raum übrigens häufig entlang des Rheins. Den Kreaturen ergeht es damit wie so vielen Wesen, deren Existenz jahrhundertelang diskutiert wurde: Das aufklärerische Weltbild sowie die sich immer weiter entwickelnden Naturwissenschaften tragen zu einer Rationalisierung der menschlichen Sicht auf die Welt bei und Gestalten wie die Werwölfe, die Drachen oder die Basiliken wandern ins Reich des Phantastischen. Erst die sich ab Beginn des 19. Jahrhunderts etablierende Schauerliteratur entdeckt die Werwölfe wieder für sich, wenngleich zunächst nur in vereinzelten Fällen.

 

Von Verwandlungen bei Vollmond

 

Autoren wie Charles Maturin oder Richard Thomson verwenden das Motiv als eine der ersten in ihren Arbeiten. Der dort präsentierte Werwolf ähnelt stark seinem frühneuzeitlichen Ahnen der Hexenverfolgung, er ist böse, gefährlich und ganz allgemein ein ziemlich übler Zeitgenosse. Einige wesentliche Elemente wie der Teufelsbund, das Ablegen der Kleidung oder ein ritueller Gegenstand zum Einleiten der Verwandlung entnehmen die Schriftsteller eindeutig der Historie. Die Literatur fügt aber auch einiges Neues zum werwölfischen Repertoire hinzu: So übertragen die Kreaturen ihr Schicksal nun durch Bisse an andere, sind durch Silberkugeln zu verwunden oder verwandeln sich im diffusen Licht des Vollmonds. Ein Beleg dafür, warum genau diese Attribute hinzugefügt wurden, lässt sich nicht finden, allenfalls einige Vermutungen könnten einen motivgeschichtlichen Hinweis bieten. So findet sich etwa bereits im griechisch-antiken Schauspiel Satyricon ein Zusammenhang von Verwandlung und Vollmond: Der Protagonist beobachtet in einer Vollmondnacht auf einem Friedhof die Verwandlung eines Soldaten in einen Wolf. Ein direkter Bezug zum Satyricon erscheint allerdings als nicht wirklich plausibel, wurde das Stück in der Neuzeit doch vergleichsweise wenig rezipiert. Viel eher soll der Vollmond einfach als Element einer schaurigen Stimmung dienen. Die Übertragung durch Bisse mag auf eine, in der osteuropäischen Folklore tatsächlich gegebene, Verwandtschaft zwischen Vampiren und Werwölfen verweisen – schließlich werden Vampirgeschichten etwa zur selben Zeit überaus populär. Andererseits könnte auch ein Verweis auf tollwütige Tiere passend erscheinen, waren derart erkrankte Wölfe doch in ländlichen Gebieten keine Seltenheit und galten ob ihres aggressiven atypischen Verhaltens als durchaus reale Gefahr für den Menschen. Eventuell sollte so also eine Art lebensweltlicher Bezug erzeugt werden.

 

Metapher und Pulp-Literatur

 

Die Literatur des viktorianischen Englands nutzt den Werwolf dann als Metapher, die Kreaturen selbst kommen hier kaum vor. Viel eher symbolisieren sie den Ausbruch aus den strikten Zwängen der vorherrschenden zeitgenössischen Gesellschaft. Hier geht es also mehr um die Transformation des Menschen in etwas Anderes, Wilderes als um die Wolfsgestalt. Treffendes Beispiel wäre wohl Stevensons Klassiker The Strange Case of Dr. Jekyll and Mr. Hyde. Genau jene Ausbruchsthematik nimmt lange Zeit später Stephen King auf, wenn er 1984 in seiner Kalendergeschichte Cycle of the Werewolf die Bürger der konservativen Kleinstadt Tarker Mills zu Werwölfen werden und übereinander herfallen lässt.

 

Im US-amerikanischen Raum erfuhr der Werwolf mit Aufkommen der Pulp-Literatur in Magazinen wie Weird Tales ab den 1920er Jahren vermehrte Verbreitung. Beschwerte sich der damals noch recht unbekannte H. P. Lovecraft noch im März 1924 in einem Leserbrief, dass sich kaum ein Autor trauen würde, aus der Ich-Perspektive über einen Werwolf zu schreiben, nahmen die Auftritte der Kreaturen in späteren Jahren rasant zu, wenn auch nicht unbedingt aus der Ich-Perspektive.

 

Der Werwolf im Nationalsozialismus

 

Insbesondere im deutschen Raum ist allerdings seit dem Zweiten Weltkrieg ein deutlicher Rückgang der Werwolfgeschichten zu verzeichnen, was wohl auf die nationalsozialistische Instrumentalisierung des Motivs zurückgeführt werden kann. Während der NS-Zeit sollten so genannte We(h)rwolf-Gruppen einen Guerilla-Krieg gegen die vorrückenden Alliierten führen und so deren Vormarsch stören. 1944 ins Leben gerufen, symbolisieren sie einerseits zunehmende Verzweiflung der Wehrmacht im Angesicht der Niederlage, andererseits aber die nationalsozialistische Pervertierung germanischen Kulturguts. Wenngleich der genaue Grund der Benennung nicht überliefert ist, erscheint ein Verweis auf die germanischen Berserker als ekstatisch kämpfende Tierkrieger doch als wahrscheinlich. Analog dazu mag die Nähe zum Vornamen Hitlers – Adolf bedeutet so viel wie „Edler Wolf“ - genauso eine Rolle gespielt haben, wie ein Bezug zu Hermann Löhns Roman Der Wehrwolf. So oder so: Es sollte einige Jahre dauern, bis sich deutsche Autoren wieder an die Thematik wagten.

 

Einige Zeit vor Beginn des Weltkriegs ereignete sich allerdings in den USA ein weiterer bedeutsamer Schritt in der Geschichte des Werwolfs: Er wurde zum Star der Kinoleinwand. Der nächste Teil unserer Artikelreihe wird sich deshalb mit dem Werwolf als Kreatur des Horrorfilms beschäftigen.