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Die seltsamen Verwandlungen des Werwolfs. Teil 2: Neben den Hexen vor Gericht

Zeus verwandelt Lykaon, CC-PD

 

Irgendetwas muss mit den Werwölfen an der Schwelle von Mittelalter in die Frühe Neuzeit hinein geschehen sein. Aus irgendeinem Grund begannen sie nämlich damit, Menschen zu fressen. Begegneten wir im letzten Beitrag noch dem sympathischen Werwolf, unserem tragischen Ritter Bisclavret, sind wir nun Zeuge düsterer Inquisitionsprozesse, in welchen die Werwölfe furchtbarer Taten bezichtigt werden. Tatsächlich lässt sich nicht genau festmachen, wie es zu diesem erneuten Wandel des Motivs gekommen ist. Fest steht aber, dass in eigentlich allen theologischen Werken zur Rechtfertigung der Hexenverfolgung auch Werwölfe vorkommen. So schreiben etwa Heinrich Kramer und Jakob Sprenger im berühmt-berüchtigten »Hexenhammer« von den Mannwölfen. Auch die französischen Gelehrten Henri Boguet und Jean Bodin befassen sich in ihren Schriften mit den Kreaturen. Interessant ist, dass sowohl im »Hexenhammer« als auch bei Boguet nach wie vor der Lehrsatz Augustins gilt, dass eine tatsächliche Verwandlung eines Menschen in einen Wolf gar nicht möglich, die Vorstellung einer solchen vielmehr das Werk von Dämonen sei. Während also ein böser Mensch, denn natürlich praktizierten nur solche mit Dämonen, schliefe, treibe ein Dämon in Wolfsgestalt sein (durchaus reales) Unwesen und beschere dem Schlafenden so lustvolle Träume voller Gewalt. Bodin dagegen ging von einer tatsächlichen, einer körperlichen Verwandlung eines Menschen in einen Wolf aus.

 

Egal welchem Ansatz wir nun folgen, sie alle rücken die Werwölfe in die Nähe zu den Kreaturen, die wir aus Horrorfilmen kennen. Denn erstmals in der Frühen Neuzeit werden die Wesen als normalen Wölfen überlegen beschrieben, sie kommen als groteske Mischwesen daher, als Hybriden aus Mensch und Wolf. Zeitgenössische Abbildungen illustrieren diesen Wandel. Im Übrigen konnten nun auch Frauen der Wolfsverwandlung bezichtigt werden, was in dieser Form vorher auch nie der Fall war.

 

Wie lief aber ein Werwolf-Prozess ab? Nachfolgend zwei Beispiele: Am 30. Oktober des Jahres 1629 wurde im rheinländischen Dorf Hohenrodt der Hirte Henrich Schaefer als Werwolf hingerichtet. Der erst kürzlich Zugezogene verstand sich auf die Heilkunst, die örtlichen Bauern nahmen gern seine Dienste in Anspruch, hatte er doch schon mehr als eine Kuh auf schier wundersame Art und Weise gesund gepflegt. Henrich ist offenbar ein kluger Mann, denn er weiß, dass gerade dieser Aspekt der Unerklärlichkeit auch eine Gefahr darstellt. Als im Sommer der Hirte Joachim Jost aus heute nicht mehr rekonstruierbaren Gründen als Hexer angeklagt wird, will Henrich fliehen. Er hat Angst. Angst, dass er der nächste sein könnte. Sein Fluchtversuch wird ihm zum Verhängnis: Henrich wird unterwegs aufgegriffen und angeklagt, aus Hunger und Armut seine Seele dem Teufel verkauft zu haben. Von jenem habe der Bedauernswerte eine Salbe sowie zwei Eisenstangen erhalten, mit deren Hilfe er die Verwandlung in einen Wolf vollzogen habe. In den Prozessakten heißt es dazu:

 

»[Der Teufel] gesagt: bück dich. Vnd ihm 2 lank spiz Eisen gegeben, vnd ihm vf Rücken geschmirt. Da sey er alsobalt zum Wolf worden. Vnd alsobalt sein 2 Zigen dohtgebisen. Darnach ihm sein Meister gervffen: hort her vf. Sobalt habe er alda gestanden wie ein Mensch

 

Etwa 30 Jahre zuvor ereilte in der französischen Freigrafschaft Franche-Comté in dem kleinen Ort Perchy den Heiler Jacques Bocquet ein ähnliches Schicksal. Am fünften Juni 1598 suchte ihn die Mutter der achtjährigen Loys Maillat auf und bat um Hilfe für ihre Tochter, die von einer Hexe verzaubert worden sei: Francoise Sécretain habe vor einigen Tagen bei der Familie gastiert und zum Dank die kleine Loys verflucht. Bocquet scheint dem Kind nicht geholfen zu haben, denn eine Woche später führte ein Priester einen Exorzismus an Loys durch. Tatsächlich erholt sich das Mädchen. Francoise wird auf der Flucht gefasst. Unter der Folter gesteht sie, eine Hexe zu sein und denunziert Jacques Bocquet als ihren Getreuen: Er sei ein Werwolf. Der Heiler wird verhaftet und gesteht, vom Teufel eine Salbe bekommen zu haben, die ihn zum Wolf, zu einem Loup-Garou gemacht habe. In Tiergestalt habe der Menschen und Vieh angegriffen und sich an läufigen Hunden vergangen. Jacques stirbt mit Francoise auf dem Scheiterhaufen.

 

Der frühneuzeitliche Werwolf ist also eine böse Kreatur. Ein Mensch, der mit dem Teufel oder verschiedenen Dämonen im Bunde ist, erhält von diesen verschiedene magische Gegenstände, mit denen er eine Verwandlung vollziehen kann – oder die es dem Dämon erlauben, in seinen Geist zu fahren und ihn glauben zu machen, er sein ein Wolf, während in Wahrheit der Dämon verschiedene Gräueltaten verübt. Die Opfer solcher Prozesse rekrutieren sich oft aus ähnlichen gesellschaftlichen Gruppen wie die Hexen: Sie sind Ortsfremde, die in ihrer neuen Heimat noch nicht familiär verwurzelt sind. Häufig zeichnen sie sich durch Fähigkeiten aus, die bei ihren Mitmenschen auf Unverständnis und Misstrauen stoßen, wenngleich sie ihnen häufig das Leben erleichtern. Mit dem Schwinden der Hexenprozesse im Kontext der Aufklärung nimmt auch der Glaube an real existente Werwölfe ab; sie werden zu Kreaturen der Phantastik.