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Die seltsamen Verwandlungen des Werwolfs. Teil 1: Von der Antike bis zur Aufklärung

Zeus verwandelt Lykaon, CC-PD

 

Seit sich der damals noch recht unbekannte H. P. Lovecraft im März 1924 in Form eines Leserbriefs im Weird Tales-Magazin darüber beschwerte, dass es sich kein Autor traue, aus der Ich-Perspektive über einen Werwolf zu schreiben, hat sich eine ganze Menge getan. Längst sind die haarigen Zeitgenossen ins Standardrepertoire des Horrorfilms und der unheimlichen Literatur übergegangen, ja heutzutage erscheint einem das Motiv vielleicht gar als überpräsent. In der Tat könnte man fragen, ob es wirklich notwendig war, neben dem Vampir auch noch den Werwolf entweder zum zahmen Kuscheltier oder wahlweise auch zum romantischen Herzensbrecher mutieren zu lassen … So oder so, es ist offenkundig, dass die Werwölfe mittlerweile mehr sind als plumpe Mordmaschinen, dass sie sich nicht mehr auf den bloßen Trieb zu jagen und zu töten reduzieren lassen. Grund genug also, sich einmal intensiver mit dem Motiv auseinanderzusetzen!

 

Die Geburt einer Bestie

 

Werwolf, das bedeutet in etwa „Mann-Wolf“. Das Präfix „wer“ stammt dabei aus dem Germanischen, kommt also aus Mitteleuropa. Die Kreatur selbst jedoch findet sich nicht nur in der germanischen Kultur, ist die Vorstellung, dass ein Mensch sich in ein Tier verwandelt, doch wesentlich älter und nicht allein auf Europa beschränkt. Die vielleicht älteste schriftliche Erwähnung eines Werwolfs findet sich im »Gilgamesch-Epos«, einer mesopotamischen Erzählung aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend. Hier trifft nun der Held – eben jener Gilgamesch – auf die Göttin Ishtar und erfährt, dass diese, offenbar sehr eifersüchtig, einen ihrer Liebhaber in einen Wolf verwandelt habe. Der arme Mann hatte sich offenbar irgendetwas zuschulden kommen lassen, das der Göttin nicht gefiel. Eine Wolfsverwandlung aus Rache kannten auch die alten Griechen und Römer. Hier kursierte der Mythos von Lykaon, einem arkadischen König, der ein überaus selbstzufriedener Mann gewesen zu sein scheint. In seiner Überheblichkeit zweifelte er gar an der Allwissenheit der Götter. Der darüber gar nicht erbaute Zeus stieg nun vom Olymp herab, um den Frevler zur Rede zu stellen. Lykaon empfing den Göttervater in seinem Palast und lud ihn zum Gastmahl. Hier wollte er Zeus als Heuchler entlarven, indem er ihm Menschenfleisch auftischen ließ. Dieser jedoch durchschaute – natürlich – den Betrug und verwandelte den Zweifler zur Strafe in einen Wolf, damit der ganze Welt dessen wahres Gesicht offenbart werde – der Wolf galt den alten Griechen nämlich als überaus hinterhältig. Neben dieser Geschichte, die wohl auch Zeitgenossen eher ins Reich der Legenden verwiesen, wussten auch antike Gelehrte von Werwölfen zu berichten. So etwa Herodot, der heute gemeinhin als der erste „richtige“ Historiker gilt. Dieser schrieb im fünften Jahrhundert vor Christus vom Volk der Neuren, dass sich jeder der ihren einmal im Jahr für mehrere Tage in einen Wolf verwandeln müsse.

 

Das Monster ist nicht wirklich da – oder?

 

Im Mittelalter machte dann der christliche Glaube eine theologische Auseinandersetzung mit der Frage, ob sich denn ein Mensch überhaupt in einen Wolf verwandeln könne, nötig. Der Kirchenvater Augustinus von Hippo fand eine Antwort: Ja, theoretisch ist das möglich, denn Gottes Allmacht kann alles hervorbringen. Aber: Gott würde das nicht tun, denn Werwölfe sind ja böse. So weit, so … gut. Nur wo kamen dann die ganzen Beschreibungen – und davon gab es im frühen Mittelalter eine ganze Menge – von Menschen her, die meinten, einem Werwolf begegnet zu sein? Der Bischof wusste auch darauf eine Antwort: Da Gott die Werwölfe ob ihrer Bosheit nicht erschaffen würde, müssten es eben dämonische Täuschungen sein. Täuschungen deshalb, weil Dämonen zum Glück nicht in der Lage wären, selbst etwas Manifestes zu erschaffen. Obwohl die Werwölfe nun offenbar nicht wirklich da waren, konnten die Menschen sie sehen – und die Kreaturen konnten umgekehrt auch den Menschen gefährlich werden. Tatsächlich wurde die aus heutiger Sicht ziemlich seltsam wirkende Argumentation Augustinus‘ über Jahrhunderte zur offiziellen Lehrmeinung, was die Werwölfe anging.

 

Die mittelalterliche Medizin – man denke jetzt allerdings nicht an moderne Ärzte oder Apotheken – entwickelte dagegen das Krankheitsbild der Lykanthropie. Die Ärzte gingen davon aus, dass sich ein Mensch einbilden konnte, ein Wolf zu sein, was sie auf eine extreme Form der Melancholie zurückführten. Interessanterweise ist der grundlegende Ansatz einer eingebildeten Wolfsverwandlung aufgrund einer Krankheit auch aus heutiger Sicht nicht gänzlich von der Hand zu weisen: So kann eine entsprechende Vorstellung in seltenen Fällen durchaus auftreten, nämlich bei schizophrenen Psychosen. Weitere Ansätze bringen die Lykanthropie mit Drogenkonsum in Verbindung.

 

Der tragische Werwolf

 

Doch zurück ins Mittelalter: Neben den theologisch-wissenschaftlichen Fragen die Werwölfe betreffend, nimmt sich auch die höfische Literatur des Motivs an. Insbesondere in Frankreich sind die Werwölfe beliebt. Die Verwandlung in einen Wolf erscheint hier aber nicht mehr als Strafe der Götter, sondern als ungerechtfertigt, meist verursacht von einem heimlichen Feind des Protagonisten. Ein Beispiel: Im »Bisclavret« der Marie de France, einem französischen Lai (= volkssprachliche Versdichtung) des späten 12. Jahrhunderts, findet sich ein regelrecht tragischer Werwolf. Der Protagonist, ein Edelmann aus der Bretagne, verlässt jede Woche für drei Tage sein Haus. Seine Frau, in Erwartung einer Affäre des Gatten, folgt ihm heimlich und entdeckt das Unvorstellbare: Ihr Mann ist ein Werwolf! In drei Tagen der Woche muss sich der Ritter in einen Wolf verwandeln. Dazu entledigt er sich seiner Kleider, die er gut verstecken muss. Denn findet er diese nicht wieder, ist er verdammt, auf ewig ein Wolf zu bleiben. Als oben angekündigter heimlicher Feind entpuppt sich nun die Ehefrau. Denn die hat ihrerseits tatsächlich eine Affäre und stiftet ihren Liebhaber dazu an, die Kleider des Ritters zu finden und zu stehlen. Der Bedauernswerte muss nun ein Wolf bleiben. Nachdem man sich auf diese Weise des Ehemannes entledigt hat, heiratet die Frau ihren Verehrer.

 

Der Ritter lebt nun in Wolfsgestalt im Wald, bis er eines Tages auf den König trifft. Der Wolf verhält sich dabei so menschlich, dass der Herrscher beschließt, dem seltsamen Verhalten des Tieres auf den Grund zu gehen: Er nimmt den Verwandelten mit auf seine Burg. Hier halten sich allerdings auch die Ehefrau sowie ihr neuer Mann auf, welche sogleich vom Wolf angegriffen werden. Der König wundert sich sehr über die plötzliche Verhaltensänderung des Tieres, stellt die Frau zur Rede und kann so die Wahrheit aufdecken. Schlussendlich erhält der Ritter seine Kleider zurück und kann wieder als Mensch leben.

 

Die mittelalterliche Literatur kennt also einen regelrecht sympathischen Werwolf, den ein tragisches Schicksal ereilt. Diese Form des Motivs wird sich viel später in der modernen Phantastik wiederfinden.