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Lovecrafts kosmisches Grauen: "The Colour out of Space"

Die Quelle der Angst ist nicht von dieser Welt, sie muss von außerhalb in die naturwissenschaftlich entzauberte Gesellschaft eines technisierten Zeitalters einbrechen. Lovecraft war überzeugt davon, dass der Mensch nur das Unbekannte wahrlich zu fürchten in der Lage ist. Und eben jenes Unbekannte konnte eine Welt, die ihm mit modernen Hilfsmitteln nahezu vollkommen erklärbar schien, nicht mehr bieten. Das Fremde, die Quelle der Angst kommt deshalb aus den Weiten des Alls. Wenige seiner Geschichten aber führen jene Grundidee des Autors deutlicher vor als »The Colour out of Space« (deutsch: Die Farbe aus dem All).

 

Das Grauen aus dem All

 

Das 1927 erschienene Werk präsentiert dem Leser eine latente Bedrohung durch eine nicht empirisch fassbare Kreatur; durch das ultimative Fremde, welches nach und nach für den schleichenden Verfall einer Gemeinde sorgt. Lovecraft lässt einen Landvermesser aus Boston von seiner Reise in die ländlichen Gegenden um die fiktive Stadt Arkham herum berichten. Während seiner Arbeiten stößt er auf ein verlassenes Gehöft, auf dessen Gebiet sich ein Brunnen befindet, welcher den Erzähler auf unerklärliche Weise mit Furcht und Abscheu erfüllt. Von dem alten Einsiedler Ammi Pierce erfährt er schließlich das schreckliche Geheimnis um die Farm der Gardners. Er hört von jenem schicksalshaften Tag, an welchem der Meteorit auf dem Land der Familie einschlug. Vom Tag, mit dem das Grauen seinen Lauf nahm. Zuerst mutierte die umliegende Pflanzenwelt, dann wurden die Tiere krank und schließlich befiel die Macht des Dings, welches aus dem All gekommen war und nun am Grund des Brunnes lauert, auch die Menschen selbst. Doch selbst nach dem Tod verschwand das Wesen, eben jene Farbe aus dem All, nicht. Sie verharrt noch immer in ihrem neuen Heim. Und jedes Jahr breitet sich das von ihr befallene Gebiet weiter aus.

 

Ein schleichendes Gift

 

Lovecraft nutzt auch in »The Colour out of Space« wie so oft zwei Ebenen des Schreckens: Auf der einen Seite steht das Schicksal der bedauernswerten Familie Gardner, die nach und nach von der Farbe des Lebenswillens beraubt wird. Die zweite Ebene jedoch ist bei aller Tragik der Handlung weit bedrohlicher, geht sie doch über das eigentliche Geschehen hinaus. Selbst der Leser soll sich nicht sicher fühlen, denn die Rahmenhandlung, die Arbeit des Landvermessers, hat einen durchaus realen Hintergrund. So begannen 1926 die Planungen für das Quabbin Reservoir, welche damals ausführlich in der regionalen Presse diskutiert wurden. Das heute größte Binnengewässer im Commonwealth of Massachusetts versorgt einen wesentlichen Teil Bostons und der umliegenden Gebiete mit Trinkwasser. Für die Entstehung eines Wasserreservoirs dieser Größe müssen im Vorhinein umfangreiche Messungen erstellt und Entscheidungen über etwaige Umsiedlungen von Gemeinden getroffen werden – genau die Aufgaben, die der Landvermesser der Geschichte wahrnimmt, wenn er unterwegs ist, um das Farmland der Gardners zwecks seiner Überflutung zu prüfen. Lovecraft lässt seine Leser also in dem Wissen zurück, dass auf jenem Land, das später vielleicht einmal den Grund ihres Trinkwasserreservoirs bilden wird, eine korrumpierende Macht, ein vampirisches Wesen lauert, welches sie nach und nach in den Tod zu treiben vermag.

 

Die Geschichte wirkt umso eindringlicher, weil ihre nicht-phantastische Ebene, etwa die Beschreibung des Landes und der es bewohnenden Menschen, so realistisch wirkt. Der Schrecken findet nicht an irgendeinem entlegenen Ort statt, nicht auf dem Meer wie in »Call of Cthulhu«, oder gar in den eisigen Weiten der Antarktis wie in »At the Mountains of Madness« (deutsch: Berge des Wahnsinns). Zwar wirkt das Grauen auch in diesen Erzählungen omnipräsent, nirgends aber findet es sich in so unmittelbarer Nachbarschaft des Lesers und nirgends scheinen außerliterarische, tagespolitische Ereignisse so geeignet, seine Macht zu stärken. Das kosmische Fremde befindet sich unmittelbar neben der alltäglichen Welt des Menschen, es kann jederzeit und ohne Vorwarnung hereinbrechen – etwa in Form eines herabstürzenden Himmelskörpers.

 

In fremden Gefilden

 

Neben Handlung und Interpretationsmöglichkeiten ist »The Colour out of Space« aber auch in anderer Hinsicht bemerkenswert: Mit eben dieser Geschichte wagt Lovecraft sich erstmals auf den gerade im Entstehen begriffenen Markt der US-amerikanischen Science Fiction vor. So veröffentlichte er sein Werk in einem ausschließlich auf dieses Genre spezialisierten Magazin, dem von Hugo Gernsback herausgegebenen »Amazing Stories«. Ob das Manuskript auch »Weird Tales«, Lovecrafts favorisiertem Publikationsorgan, vorgelegen hat, ist heute umstritten. Fest steht jedoch, dass jener Gernsback Lovecraft die Lust an weiteren derartigen Experimenten gründlich verhagelte: Er ließ den Autor wochenlang auf sein Honorar warten. Und als das Geld dann nach drei Mahnbriefen eintraf, belief sich die Zahlung auf 25 Dollar, auch für damalige Verhältnisse eine mehr als klägliche Summe – insbesondere wenn man bedenkt, dass es sich um einen relativ umfangreichen Text handelt. Lovecraft wurde so mit einem Honorar von 1/5 Cent pro Wort abgespeist. Zum Vergleich: Die Lebenshaltungskosten des Autors, dessen Alltag man wohl als überaus spartanisch beschreiben kann, beliefen sich auf 50 bis 60 Dollar im Monat! Unter diesen Umständen ist es wahrscheinlich nicht extra erwähnenswert, dass Lovecraft nie wieder bei »Amazing Stories« veröffentlichte.