Neu, alt, dazwischen? Deadpool und das heteronormative Kino

Ein Beitrag von Jenny Hagemann

 

Wer sich für das – meist amerikanische – Blockbusterkino erwärmen kann, der hat derzeit gleich zwei große Superheldenfilme zur Auswahl: Einmal das gigantomanische Mammut-Projekt „Infinity War: Part One“, in dem laut Angaben der Produzenten über 60 mehr oder minder wichtige Marvel-Figuren auftauchen. Oder eben die Fortsetzung des Überraschungshits Deadpool. Deadpool, der für seinen unkonventionellen, selbstreferenziellen und intertextuellen Humor gelobt wurde. Der mit Ankündigungen schockt, im zweiten Teil könne der „pansexuelle“ Antiheld ein männliches love interest bekommen. Der ab 16 Jahren freigegeben ist und deshalb auch Strap-on-Dildos und frei hängende Gedärme zeigen darf. Nach all den strahlenden Helden des Marvel Cinematic Universe (MCU) schien Deadpool eine erfrischende, neue Erzählweise zu offerieren: Dieser Typ rettet vielleicht nicht die Welt, aber er weiß immerhin, dass er eine Comic-Figur ist und spricht daher auch mal gern mit dem Publikum über die Misserfolge seines Darstellers.

 

Nun geht Deadpool in die zweite Runde und gibt mir zu denken. Ist Deadpool wirklich so anders, so besonders, so außergewöhnlich, wie wir denken sollen? Durchbricht er die Regeln seines Genres oder gefällt er sich lieber in Scheinbrüchen? Und wenn ja, worin besteht dann die Grenze für Deadpool? Ich möchte nicht beide Filme in ihrer Gänze analysieren, sondern eher aus dem Gesamteindruck heraus punktuell einzelne Aspekte an verschiedenen Beispielen illustrieren.

 

Da wäre zuerst der Grundcharakter der Figur, der sich vor allem durch deren Handlungen ausdrückt. Und der ist schon mal alles andere als unkonventionell. Wade Wilson ist ganz vom Typ „Harte Schale, weicher Kern.“ Er jagt bösen Typen im Auftrag von Teenagermädchen Angst ein, redet sich aber natürlich immer ein, er wäre keiner von den Guten. Er hat zwar einen versauten Humor, beschützt seine feste Freundin aber vor möglichst allen Gefahren. Als klar wird, dass er unheilbare Krebs hat, flieht er aus der gemeinsamen Wohnung, weil er ihr Leben nicht zerstören will. Da haben Tony Stark oder auch der frühe Thor schon wesentlich verantwortungsloser gehandelt.

 

Dementsprechend sind die Geschichten – als zweiter zentraler Aspekt – rund um Deadpool ebenfalls alles andere als neu, sondern klassische Heldengeschichten. Was den zweiten vom ersten Teil allerdings angenehm unterscheidet, ist, dass es in dieser Geschichte keinen echten Super-Bösewicht gibt. Am Ende arbeiten alle zusammen und aus den Ausgestoßenen wird eine Familie. Da kommt zwar echtes X-Men-Feeling auf – nur eben neu oder andersartig ist das alles nicht.

 

Was passiert also, wenn wir uns die Filme ein wenig queer, aus der Gender-Perspektive anschauen? Wie oben beschrieben wirbt Ryan Reynolds als Hauptdarsteller und Produzent des zweiten Teils ja immerhin damit, dass Deadpools love interest diesmal männlich sein könnte. Schon im ersten Teil gab es eine Montage-Sequenz, in der Wade Wilson und seine Freundin Vanessa bei diversen Sexspielen gezeigt werden, die jeweils dem Feiertag angepasst sind, an dem sie stattfinden. Dementsprechend schnallt Vanessa sich auch einen Dildo um und wünscht dem knienden Wade einen schönen „Frauentag.“ Bei genauem Hinschauen passiert das in den beiden Filmen immer wieder: die postulierte Männlichkeit der Figur „Deadpool“ wird durch scheinbar unmännliche Kleidung oder Verhaltensweisen unterminiert. Das beginnt bei seiner Vorliebe, im Haus Crocs anzuziehen, weil die so bequem sind, geht über ein Plüsch-Einhorn, das er zum masturbieren verwendet bis hin zu seinen Flirts mit dem X-Man Colossus. Darüber hinaus bleibt die lesbische Beziehung zwischen Negasonic Teenage Warhead und Yukio von ihm fast völlig unkommentiert. Im Gegenteil: Er nennt seine Heldentruppe lieber „X-Force“, weil die Bezeichnung „X-Men“ Frauen ausschließe. Wade Wilson, der heimliche Feminist? Der Held, der Celine Dion liebt und für sie sogar High Heels trägt? (Schon wieder sind es übrigens die Schuhe, die hier eine Rolle spielen!)

 

Man möchte es glauben. Vielleicht, weil wir uns nach all den meist weißen, meist männlichen Superhelden mit Heterobeziehung und Muskelbergen endlich jemanden wünschen, der all das nicht braucht, um ein Held zu sein. Der Erfolg von Wonder Woman zeigte ja bereits: Nicht immer muss der Held männlich sein. Black Panther zog nach: Er muss auch nicht weiß sein! Fehlte also nur noch Deadpool, der sich aus dem heteronormativen Käfig befreite, den das Superhelden-Dasein mit sich bringt. Doch tut er es wirklich? Die Antwort finden wir nicht auf der Ebene der Handlung, denn dort bricht Deadpool stets und ständig Tabus. Wir finden sie eher auf der Ebene des Humors. Denn: Worüber lachen wir bei Deadpool?

 

Wir lachen über die Tabubrüche. Einerseits sind damit die Brüche der vierten Wand gemeint, die Deadpool im ersten Teil so selbstbewusst anspricht („… das sind… 16 Wände!“), andererseits das Bewusstsein und die Thematisierung anderer Filme und sogar Filmuniversen (immerhin nennt er Cable, den scheinbaren Bösewicht im zweiten Teil, einmal „Thanos“, da Cable-Darsteller Josh Brolin im MCU auch den Thanos spielt). Wir lachen, wenn Deadpool fragt, ob sich das Studio keine weiteren X-Men leisten konnte, weil Xavier’s Schule immer recht leer ist, wenn er dort auftaucht. Es sind Fragen, die wir uns als Zuschauende stellen und die sich eine Filmfigur nach allen Regeln der Kunst niemals stellen dürfte. Und wir lachen eben auch, wenn seine Hand bei einer Umarmung auf Colossus’ Hintern rutscht oder er ein Musikvideo mit Celine Dion dreht – stilecht in den bereits genannten High Heels. Wir lachen immer genau dann, wenn Deadpool seine eigene Gemachtheit und/oder Männlichkeit hinterfragt oder mit ihr bricht. Aber warum eigentlich? Ist es tatsächlich so witzig, wenn ein Mann hochhackige Schuhe trägt? Und wenn ja: warum? Und wieso verzeihen wir ihm das und nehmen ihn dennoch als Helden wahr?

 

Die Antwort kann darin liegen, dass die Figur des Deadpool quasi in weißer Heteronormativität zementiert ist. Für jeden Bruch damit gibt es ein Gegengewicht, sodass die Waage quasi nicht zu weit in Richtung Queerness ausschlagen kann. Einige Beispiele: Ja, er ist seit den Experimenten an ihm entstellt und entspricht nicht gängigen Schönheitsidealen. Aber: Er hat trotzdem eine Freundin, die dies sehr wohl tut und ihn durch ihr Begehren auch als begehrenswert legitimiert. Außerdem trägt er zu weiten Teilen der Filme eine Maske. Ja, er trägt gern mal fragwürdiges Schuhwerk. Aber: In den Medien wird man nicht müde, Reynolds körperliche Fitness und Muskeln zu feiern, die er sich für den Film antrainiert. Gleiches gilt für Josh Brolin. Erst die Spannung zwischen männlichem Körper und unmännlicher Kleidung – unter anderem – erzeugt den Humor der Filme. Gegen all die kleinen Hiebe in Richtung Normativität setzen die Macher der Filme Altbekanntes, Vertrautes. Wade Wilson ist eben doch ein muskelbepackter, weißer Mann mit fester Freundin und Kinderwunsch.

 

Der Humor von Deadpool beruht also auf bewusstem Bruch durch Ironie. Die Ironie ist wie ein Fangnetz für unsere Sehgewohnheiten, sie fängt uns auf, bevor wir bei aller Diversität und Vieldeutigkeit den Boden unter den Füßen zu verlieren drohen. Oder wer hört heute noch aufrichtig und aus tiefstem Herzen gern Celine Dion? Eben. Ist doch alles nicht ernst gemeint! Letztlich funktioniert Deadpool und all seine social justice also nur, weil er selbst alles andere als Teil einer Randgruppe ist, auch wenn er gern am Rande der Gesellschaft inszeniert wird. Das bedeutet nicht, dass die Filme schlecht sind. Tatsächlich gibt es sogar einiges, was im zweiten Teil besser gelöst wurde als im ersten (die Action zum Beispiel oder die Frage danach, wer der Böse ist). Dies soll keine Filmkritik im eigentlichen Sinne sein, sondern vielmehr eine freie, assoziative Analyse aus einem ganz bestimmten Blickwinkel heraus. Die Figur kann enormen Spaß machen, gerade weil sie dazu geeignet ist, übliche Superhelden-Genre-Grenzen zumindest zu hinterfragen. Sie ist auch personifiziertes Fandom, wird zum Sprachrohr von uns allen, wenn sie intertextuelle Bezüge herstellt, die wir auch selbst herstellen, wenn sie Logiklöcher im Drehbuch benennt, die uns auch selbst auffallen. Das schließt die Logiklöcher natürlich nicht, deshalb ist es letztlich, wie Deadpool selbst sagt, „lazy writing“ auf mindestens zwei Ebenen. Dennoch: Es macht Spaß, in Deadpool ein wenig von uns selbst zu erkennen. Nur mehr ist es eben letztlich doch nicht. Die Krone des Social Justice Warrior jedenfalls gebührt dennoch wohl eher Black Panther als Deadpool.