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"Klischees der Phantastik": Eine Leseprobe

"Siegfrid der Heldenhafte" - von N.W. Zed

 

Seit Tagen war Siegfried der Heldenhafte im Labyrinth der einigermaßen gruseligen Schrecken gefangen. Die dicken Ranken, die ineinander verwirbelt waren und dadurch dicke Wände bildeten, schienen sich stetig zu verändern, um seine Flucht zu verhindern. Das Labyrinth lebte, davon war Siegfried überzeugt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihn in den Wahnsinn treiben oder umbringen würde.

Die Nächte im Labyrinth waren kalt, weswegen der Ritter einen mannshohen Zyklopenraben erschlagen und zum Nachtlager umfunktioniert hatte. In den Innereien des riesigen Vogels waren die niedrigen Temperaturen zu ertragen und das Fleisch der Kreatur half ihm, den Hunger zu bekämpfen.

Siegfried hatte es sich gerade im Raben bequem gemacht, der allmählich zu stinken begann, und versuchte, eine Mütze voll Schlaf zu bekommen, als plötzlich der Boden vibrierte. Die Ranken raschelten, als würden sie sich unterhalten. Der Ritter hielt still und zog sich tiefer in den toten Vogel zurück, um seine Anwesenheit zu verbergen.

Ein riesiger Minotaurus stampfte in sein Lager und sah sich um. Die Axt, die das Monster mit sich führte, war größer als der Ritter – und die Kreatur führte sie einhändig. Der Stierkopf schnaufte. Das Fell, das er sich um die Taille geschlungen hatte, schien von einer noch niederträchtigeren Kreatur zu stammen.

Die Bestie schien zu wissen, dass sich Siegfried in unmittelbarer Nähe befand, denn sie sah sich aufmerksam um und schüttelte mit dem Kopf. Für den Ritter war sofort klar, dass das Biest ihm damit vermitteln wollte, dass es keinen Ausweg gab. Siegfried griff nach seinem Schwert. Das würde sein letzter Kampf werden. Wenn er schon gehen musste, so dachte er, würde er dem Vieh vorher gehörig eins auf die Rübe geben.

»Ich fasse es nicht!«, rief der Minotaurus und ließ seine Axt fallen. »Wie sieht es denn hier aus?«

Siegfried blinzelte.

Der Minotaurus wetterte weiter.

»Wer hat denn den Vogel so zugerichtet? Was soll denn das? Hier ist doch einer mit dem Schwert auf die Ranken losgegangen. Haben die Leute überhaupt keinen Respekt mehr vor dem Eigentum anderer? Hier. Feuer gemacht, ohne die Feuerstelle mit Steinen abzustecken. Was da alles passieren kann! Ihren Müll haben sie auch liegen lassen, die Schweine. Das ist doch eine Sauerei.«

»Äh.« Siegfried räusperte sich. Der Minotaurus fuhr herum.

»Was liegst du denn … Oh, beim Kloppgott Klögnar, ist das ekelhaft.«

»Ich wollte mich vor den eisigen Temperaturen in der Nacht schützen.«

»Nachts hast du hier überhaupt nichts verloren!«, schimpfte der Minotaurus. »Guck dir deine Schweinerei an. Ich hoffe doch sehr, dass das da drüben dein Hund war.«

»Ja.«, sagte Siegfried rasch. »Der Hund.«

»Wo steckt der Flohzirkus? Der fliegt raus, wenn ich ihn erwische.«

»Äh.« Siegfried kletterte aus dem Vogel und zog sein Schwert. Es war besser, im Kampf zu sterben, als sich weiter zu blamieren. »Mach dich zum Duell bereit, faule Kreatur!«

»Faule Krea … Ernsthaft, dich haben sie doch nach der Geburt auf den Boden fallen lassen. Du randalierst in meinem Garten herum, hackst den Vogel kurz und klein, trägst das Tier als Anzug und machst jetzt einen auf tapferen Ritter?«

»Die Tage deiner Schreckensherrschaft sind vorbei, Wächter des Labyrinths!«

»Wächter? Kumpel, ich bin hier nur der Gärtner.«

Siegfried ließ die Waffe sinken. »Der Gärtner?«

»Genau der. Ich halte hier alles in Schuss. Auch ein Fürst der Dunkelheit macht nach Feierabend gern mal eine Pause, um den Kopf abzuschalten. Dann kommt er hier her und füttert den Vogel.«

»Entschuldigung?«

»Ach, jetzt tu nicht so, als ob das ein ganz neues Prinzip wäre. Helden gehen in Tavernen, feiern mit der Bevölkerung und verschwinden mit dem schönsten Mädchen. Das schließt der Berufsstand meines Herren von vornherein aus, denn ihm eilt ein gewisser Ruf voraus. Außerdem kann er aus Imagegründen nicht einfach in die nächste Dorfspelunke gehen. Also hat er sich einen Garten eingerichtet, um zu entspannen.«

»Nun, ähm, ich bin hier, um den dunklen Fürsten zu stürzen.«

»Meinetwegen, aber erst bezahlst du mir die Schäden hier.«

»Willst du deinen Herren überhaupt nicht vor mir verteidigen?«

»Der kommt ganz gut alleine zurecht.«

»Oh.«

Siegfried und der Minotaurus schwiegen sich einige Momente lang an, die dem Ritter ewig vorkamen.

»Darf ich dir meine tragische Vergangenheit erzählen, die den Grund offenbart, wieso mein Genozid an anderen Rassen völlig gerechtfertigt ist?«, fragte Siegfried. Er musste das Schweigen einfach brechen.

»Kein Interesse. Ich schieße mal ins Blaue: Dorf irgendwo im Nirgendwo, Orkhorde kommt angedonnert, alles brennt, du bist der einzige Überlebende, weil du unter einem feuerfesten Holzwagen gelegen hast und aus unerfindlichen Gründen vom Häuptling verschont worden bist – aber erst, nachdem er vor deinen Augen deine Eltern hingerichtet hat.«

Siegfrieds erstauntes Schweigen wurde vom Minotauren als Bestätigung aufgefasst. Der Hornträger nickte.

»Dachte ich mir. Davon kommen einige hier her. Keine Ahnung, wieso die uns alle mit den Orks in Verbindung bringen, aber irgendwo da draußen rennt ein alter Mann herum, der sich für einen Zauberer hält. Der erzählt jungen Burschen, dass sie die Auserwählten seien und gegen uns in den Kampf ziehen müssen.«

Der Ritter runzelte die Stirn. »Das hat er zu mir auch gesagt.«

»Na siehst du. Sag mir eins: Wer soll dich denn auserwählt haben? Meinst du, da kam irgendwann mal eine Delegation in dein Dorf, hat in deine Wiege geschaut und „Der da!“ gesagt?«

»Das ist schon ein wenig anders gewesen. Vor tausend Jahren ...«

»Jetzt fang nicht damit an. Was soll denn vor tausend Jahren gewesen sein? Da war der Fürst noch nicht mal am Leben. Nur, weil irgendein Hampelmann vor tausend Jahren irgendwas gesagt hat, muss es heute nicht mehr aktuell sein. Tausend Jahre sind eine lange Zeit. Meinst du, die haben genau vorhergesehen, wie die Welt heute aussehen wird? Nichts dergleichen haben die. Die haben einfach irgendwelchen Unfug aufgeschrieben, den heutzutage nur noch Leute ernst nehmen, die zu viel von sich halten und meinen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis ihr Potenzial entdeckt wird.«

»Aber … der große Krieg, der alle dreißig Jahre ausbricht und nur von einem Helden ...«

»Ach, jetzt legst du dir die Details so zurecht, wie du sie brauchst. Ihr seid Menschen. Ihr schlagt euch ständig wegen irgendeinem Mist die Schädel ein. Wenn das nur alle dreißig Jahre vorkommen würde, könntet ihr euch was darauf einbilden.«

»Es bringt nichts, mit dir zu diskutieren. Du bist zynisch, weil du nur ein Gärtner bist. Von solchen Sachen hast du keine Ahnung.«

»Jetzt hältst du die Heldennase aber ganz schön hoch, Freundchen.«

»Ich bin schließlich im Vorstand der Auserwähltengewerkschaft.«

»Mhm. Die Flucht nach vorne ist besser, als den Schwanz zwischen die Beine zu klemmen, richtig?«

»So sieht es aus. Könntest du mir jetzt bitte den Weg hier raus zeigen? Es gibt eine finale Begegnung, zu der ich muss. Ich schreibe dir einen Scheck für die Schäden aus, die ich verursacht habe.«

»Das ist noch so eine Sache mit euch Helden.« Der Minotaurus nahm seine Axt und richtete sich auf. »Der Weg raus ist ausgeschildert. Man verläuft sich hier nur, wenn man zu viel von sich hält und die Wegweiser ignoriert.«

 

Siegfrieds Reise durch die Festung der Zerstörung verlief recht ruhig. Der Spiel- und Spaßfriedhof war geschlossen, da die Untoten auf Betriebsreise waren. Die Sukkubi hatten die Handwerker da und keine Zeit für ein Geplänkel mit einem Helden. Am Pfad der gepeinigten Seelen stand eine Umleitung, da die Schädel der gequälten Toten platt getreten waren und gegen neue ausgetauscht werden mussten. Glücklicherweise traf Siegfried einen hilfsbereiten Dämon aus der Hausverwaltung, der ihn im Betriebsfahrstuhl in die obere Ebene mitfahren ließ.

Der Weg durch die Mensa des unerträglichen Leids war auch gesperrt, weil gerade gewischt worden war und man keine Plattenstiefelabdrücke auf dem frisch gebohnerten Boden haben wollte. So blieb Siegfried nur der Gang durch das Zerberusgehege.

Die dreiköpfigen Ungeheuer bellten, als der Ritter an den Zwingern vorbei lief. Die Tiere versuchten, den Mann auf den Trockenfutterspender aufmerksam zu machen, um sich eine Kleinigkeit für Zwischendurch zu erbetteln.

»Von mir kriegt ihr nichts!«, sagte Siegfried bestimmt. Ein Held ließ sich nicht dazu herab, mit Monstern zu paktieren, egal wie treudoof sie gucken konnten.

Anwesende Dämonen, die mit ihren Kindern den Streichelzoo der Agonie besuchten, schüttelten ob der Arroganz des Helden den Kopf.

»Schaut euch nur den feinen Pinkel an«, sagte ein Gehörnter und nickte in die Richtung des Ritters.

»Schon gesehen. Ich habe den Kindern etwas Kleingeld gegeben, damit sie den Zerberussen etwas kaufen können. Ehrlich, nur weil sein Haar trotz Windstille im Wind weht, muss er längst die Nase nicht so hochhalten.«

»Lästert nicht über mich, sonst fährt das Schwert der Gerechtigkeit auf euch hernieder!«, rief Siegfried, wedelte mit einem Finger in der Luft herum und setzte seinen Weg fort. Die Dämonen sahen ihm nach und imitierten ihn ohne Worte.

 

Der Held stand vor dem Saal des ultimativen Bösen. Hinter der großen roten Eisentür hörte Siegfried Ritualgesänge. Er atmete tief durch.

»Ich habe mich mein ganzes Leben lang auf diesen Tag vorbereitet«, sagte er zu sich selbst. »Heute treffe ich den Mörder meiner Eltern. Also, irgendwie. Theoretisch gesehen.«

Die Worte des Minotauren machten ihm zu schaffen. Bisher hatte Siegfried unter dem Eindruck gelebt, dass ein Held immer Recht hatte. Egal, wie schlimm die Verbrechen waren, die man beging, man konnte sie immer mit der Erklärung begründen, dass man es für die Gerechtigkeit getan hatte. Helden hatten ganze Völker ausgerottet, weil sie ihre Eltern rächen wollten und hielten das Ganze für einen nachvollziehbaren Grund. Wen interessierten schon die anderen Rassen, über die man so gut wie nichts hörte? Die waren nur das Kanonenfutter für die wesentlich interessanteren Personen, die im Volksmund Helden genannt wurden. Die Kultur und Geschichte dieser Völker stand in keinem Vergleich zu den Leiden, die diese einzelnen Individuen erleiden mussten!

Siegfried schüttelte mit dem Kopf. Darüber konnte er später nachdenken.

Er trat die Tür auf, zog sein Schwert und wirbelte wie ein Metalltornado durch die versammelten Kultisten, die ein Ritual durchzuführen schienen. Etliche Stimmen sangen Unverständliches in einer Sprache, die Siegfried nicht kannte.

»… Happy Birthday to you ...«

Seine Schwert zerteilte mehrere Robenträger wie Lauch.

»… Happy Birthday to you ...«

Drei weitere Kultisten wurden von seiner Klinge aufgespießt wie ein Schaschlik.

»… Happy Birthday, dear Bo-Hoss ...«

Siegfried jodelte, wie er es bei einer Diskuswerferin gelernt hatte, die bei einem ungewöhnlich musikalischen Barbarenstamm lebte.

»Happy Birthday to you!«

Der Ritter sank auf die Knie, um nach Luft zu schnappen. Im Raum breitete sich ein angespanntes Schweigen aus, als die Kultisten bemerkten, was hinter ihnen vor sich ging.

»Kann mir mal einer erklären, was das soll?«, rief der Mann, der auf einem riesigen Thron saß.

»Fürst der Finsternis!«, rief Siegfried und stemmte sich auf seinem Schwert hoch. »Ich bin gekommen, um deiner Schreckensherrschaft ein Ende zu setzen!«

Der Fürst der Finsternis, der eine Papierkrone trug, seufzte und lehnte seinen Kopf auf eine Hand. Über ihm hing ein Banner, auf dem in der kryptischen Sprache von zuvor Folgendes stand: „Happy Birthday, Chef!“

Allem Anschein nach wollte er sich die Seelen Unschuldiger zuführen und seine Macht verstärken, denn neben ihm stand eine dreistöckige Torte ... des, ähm, Erdbeeralptraums.

»Das ist natürlich wieder typisch. Da feiert man mit der Belegschaft seinen Geburtstag und ein Held bricht ein, um alles durcheinander zu bringen.«

»Ich weiß! Furchtbar, nicht? Bei mir war er auch schon, davon hatte ich Euch erzählt. Er hat in den Garten geschissen und gesagt, dass es ein Hund war. Da war aber kein Hund, ich hab nachgesehen«, rief der Minotaurus.

»Mir hat er unlautere Angebote gemacht, damit ich Euch hintergehe, mein Fürst«, säuselte eine Sukkubus.

Der Fürst der Finsternis seufzte. »Na gut. Bevor er mir noch mehr Angestellte abmurkst, gewähre ich ihm eine Audienz. Tritt vor, Held, und trage dein Anliegen vor.«

»Ich bin Siegfried der Heldenhafte. Ich bin gekommen, um den Tod meiner Eltern zu rächen. Macht Euch bereit zum Duell!«

»Wie originell. Marcus, wärst du so freundlich, schon einmal die Wachen zu rufen, während wir uns unterhalten?«

»Jawohl, mein Gebieter!«, rief der geflügelte Dämon und flatterte davon.

»Das ist Marcus. Morgen ist er seit 25 Jahren in meiner Festung tätig. Da haben wir etwas für ihn geplant, aber … das bleibt schön unter uns!«

Die Anwesenden kicherten. Der Fürst der Finsternis zwinkerte und hielt sich einen Finger vor den Mund.

»Leute, mal im ernst!«, rief Siegfried. »Können wir das ganze Gut-gegen-Böse-Ding mal ein wenig ernster nehmen? Ich komme mir gerade wenig heldenhaft vor.«

»Gut so«, sagte der Fürst und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. »Dazu hast du allen Grund. Du bist in meinen Betrieb eingebrochen, hast reihenweise meiner Angestellten ermordet, für ordentlich Sachbeschädigung gesorgt und meinen geliebten Zyklopenraben getötet. Warum solltest du dich also wie ein Held fühlen dürfen? Siehst du den Mann da, dem du so heldenhaft den Kopf vom Körper geschlagen hast? Das ist Phil gewesen. Mein Hausmeister. Was hat er dir getan?«

»Nichts, schätze ich. Er hat in der Festung der Zerstörung gearbeitet, also muss er auch böse gewesen sein.«

»Oh ja. Mit Heimtücke hat er unsere Flure gewischt und niederträchtige Reparaturen durchgeführt. Er hat eine Frau und drei Kinder, die bestimmt ebenfalls abgrundtief böse sind.«

»Oh.«

»Oh«, bestätigte der Fürst. »Ihr Helden seid es gewohnt, dass man euch zujubelt. Dass ihr dabei schlimmer als die vermeintlich Bösen seid, das seht ihr gar nicht. Sag, Held, was weißt du über die Festung der Zerstörung?«

Siegfried schwieg peinlich lange.

»Nichts. Das war mir klar«, sagte der Fürst, als keine Antwort vom Ritter kam. »Irgendwann hat dir irgendjemand gesagt, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugeht, nehme ich an. Das Schloss ist alt, hat einen unpassenden Namen und schon stehen die Helden Schlange, um sich hier durchzuprügeln. Wenn jetzt irgendjemand zu dir kommt und dir sagt, dass im Kindergarten der Hauptstadt diabolische Kleinwüchsige einige Omas ärgern, brichst du dann auf, um die Tagesstätte gehörig durcheinander zu wirbeln?«

»Es heißt, dass du die Weltherrschaft an dich reißen willst!«

»Seit wann sind Gerüchte eine verlässliche Quelle? Weltherrschaft. Was will ich denn damit? Ich habe mit der Organisation dieser Festung genug um die Ohren. Wieso sollte ich mir die Welt unterwerfen? Kannst du dir vorstellen, wie schwierig sich diese ganze Sache gestaltet, wenn dich die gesamte Weltbevölkerung nicht ausstehen kann, weil du sie dir mit Gewalt zum Untertan gemacht hast? Du kannst nicht überall gleichzeitig sein, weißt du? Da bilden sich mir nichts, dir nichts Widerstandsbewegungen und du bekommst das überhaupt nicht mit, weil du nur mit dem Papierkram zu tun hast. Ich wüsste nicht, wieso die Weltherrschaft so erstrebenswert sein soll. Nee, lass mal.«

»Was … macht Ihr dann?«

»Die Festung der Zerstörung ist ein Erlebnispark, der von mir geführt wird.«

Ein Windzug fuhr zwischen Siegfried und den Fürsten.

»Ein Erlebnispark?«

»Ein Erlebnispark. Helden informieren sich nicht über unser Etablissement. Die gehen einfach davon aus, dass hier schlimme Sachen vor sich gehen und kommen gepoltert, um mir den Garaus zu machen. Am Ende des Tages schauen sie alle so blöd aus der Wäsche wie du.«

»Das ist mir jetzt schon ein wenig unangenehm.«

»Das sollte es auch. Weißt du, gegen wen du deinen Zorn hättest richten sollen?«

»Gegen wen?«

»Die Orkhorde, die deine Familie getötet hat. Dachtest du wirklich, die hören sofort auf zu töten, wenn du mich erledigst? Orks tun, was Orks eben tun. Sie marodieren und töten. Erledige die und schaffe das Problem ein für alle Mal aus der Welt. Aber das geht nicht. Das wäre nicht heldenhaft genug. Stattdessen beschließt du, dass du das Problem an der Wurzel packen musst, ohne zu wissen, wo sich diese Wurzel befindet. Nehmen wir mal an, ich wäre wirklich das große Übel gewesen, das hinter dem Tod deiner Eltern steckt, und du erledigst mich. Was dann?«

»Dann wäre es vorbei.«

»Was wäre vorbei? Du denkst also, nur weil der böse Fürst erledigt ist, lassen sofort alle die Waffen fallen und sagen „So, das war es für heute. War ganz nett, das nächste Mal machen wir es besser“? Nein, so weit kommt dein Kopf gar nicht. Du gehst nach Hause und lässt dich von den Idioten feiern, die auch alle denken, es wäre vorbei.«

»So ist es in den alten Überlieferungen immer gewesen.«

»Ja – und was meinst du, warum die Erzählung nicht weiter geht?«

»Weil alle glücklich bis zum Ende ihrer Tage leben.«

»Nein. Ganz einfach: Der Historiker, der diese Geschichten aufgeschrieben hat, ist danach von marodierenden Orks erschlagen worden. Wenn der Kopf einer Organisation fällt, bilden sich Splittergruppen. Diese Splittergruppen ziehen herum und brennen Dörfer nieder. Irgendwann schließen sie sich zusammen, wählen einen Anführer und machen Krach, bis ein Held kommt und sie zerschlägt. Danach geht das ganze Spiel von vorne los, weil der gemeine Held zu faul ist, um am Ball zu bleiben. Er hat schließlich das, was er wollte – und was mit den anderen passiert, ist ihm egal. Es würde sich ja auch schlecht in der Erzählung über ihn machen, wenn man schreibt, dass danach alles noch schlimmer geworden ist.«

Siegfried wusste nicht, was er darauf antworten sollte, doch das machte nichts. Der Fürst hatte genug Redebedarf für beide.

»Im Grunde, Held, ist die Sache so: Nicht ich habe deine Eltern getötet, sondern die Reste dessen, was ein anderer Held an Arbeit hat liegen lassen. Die Guten sind nur solange gut, wie für sie selbst was drin ist. Danach sterben wieder Menschen und ein neuer Sündenbock muss her. Man zeigt mit dem Finger auf jemanden, ruft „Der war es!“ und wartet, bis ein Held sich darum gekümmert hat. Im Anschluss zelebriert man, dass man gewonnen hat und ignoriert den Rest, schließlich wird das dann das Problem der nächsten Generation. Statt Probleme zu vermeiden, schiebt man sie auf, weil es bequemer ist.«

»Also sagst du, dass ich gar nicht der Auserwählte bin, sondern nur einer von vielen?«

»In dieser Generation bist du der Auserwählte. Du bist los, weil kein anderer Lust darauf hatte. Der ganze Popanz um eine Prophezeiung und wiederkehrende Retter dient doch nur dazu, einen Dummen zu finden, der sich von so etwas begeistern lässt, damit er die Drecksarbeit macht und die anderen sich zurücklehnen können. Danach verpackt man das ganze Theater in eine schöne Geschichte, lässt die widerlichen Details raus und nutzt dieses Tamtam, um den nächsten Trottel zu finden, dem man was vom Pferd erzählen kann. Die Leute sind so faul geworden, dass sie enorme Längen gehen, um unnötige Anstrengungen zu vermeiden – das kann mitunter ganz schön anstrengend sein, findest du nicht?«

»Ich fühle mich gerade überhaupt nicht gut.«

»Mach dir keine Sorgen, Held. Meine Wächter haben einen netten Platz für dich in unseren Zellen. Dort kannst du dich für eine längere Zeit mit unsere Unterredung auseinandersetzen, bis dir geholfen werden kann. Denn eins ist klar: Was du hier getan hast, war nicht heldenhaft. Das war ein Amoklauf. Du hast alle, die sich hier im Raum befinden, über einen Kamm geschert und hättest mit dem Töten nicht aufgehört, bis der Letzte am Boden gelegen hätte. In deinem Kopf hat dein Handeln einen Sinn ergeben und wir waren die Bösen. Das sind die typischen Merkmale eines Durchgedrehten; du musst verstehen, dass ich dich so nicht auf die Straße zurücklassen kann.«

»Ja.  Nein. Das ist schon in Ordnung.«

Siegfried wurde an den Armen gepackt. Zwei Wächter, die schwarze Rüstungen trugen, zogen ihn aus dem Saal und redeten auf ihn ein, doch er hörte ihnen nicht zu.

Das Heldendasein hatte sein Prestige irgendwie verloren.