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Weisheit und Zerstörung: Erscheinungsformen Odins bei Tolkien

In seinen Werken erschuf J. R. R. Tolkien eine phantastische Welt von schier unvergleichlicher Komplexität und Tiefe. Einen großen Teil seiner Inspiration entnahm der Schriftsteller und Philologe dabei der germanischen Mythologie. Hierbei lag sein Fokus vor allem auf Gestalten wie Trollen, Zwergen und Elfen; Wesen der „niederen Mythologie“. Göttergestalten schenkte er – zumindest im Hobbit und im Herrn der Ringe – zumeist weniger Beachtung. Eine Ausnahme sticht jedoch hervor. Odin hinterließ eine deutliche Spur in Tolkiens Werk. Dieser Beitrag möchte der Fährte nun folgen und einen kurzen Blick auf die Erscheinungsformen des Gottes werfen.

 

Doch zunächst einmal eine scheinbar banale Frage: Wer ist eigentlich Odin? Welche Funktion hatte er für die germanische Kultur? Woher nehmen wir unser Wissen über ihn? Beginnt man mit Letztgenanntem, so erscheint die Antwort ernüchternd. Von einem wirklichen „Wissen“ kann eigentlich gar nicht die Rede sein. Die Germanen waren eine Kultur ohne eigene Schriftlichkeit. Lediglich die Runen dienten der dauerhaften, schriftlich fixierten Konservierung von Wissen, waren aber für längere Texte ungeeignet. Ausführlicher berichten die antiken Griechen und Römer über ihre nördlichen Nachbarn. Doch deren Texte können keinesfalls als objektiv angesehen werden und vermitteln so leicht ein verfälschtes Bild. Gleiches gilt für Zeugnisse des Mittelalters, als die Germanen begannen, die Schriftkultur christlicher Missionare zu übernehmen. Werke wie die berühmte Edda des Snorri Sturluson berichten zwar über eine vorchristlich-mythologische Zeit, weisen aber dennoch deutlich christliche Einflüsse auf. So übernimmt Snorri beispielsweise höfische Umgangsformen in seinen Text. Sichtet man die derart schwierige Quellenlage, ergibt sich ein ambivalentes Bild Odins.

 

Dieser scheint auf der einen Seite ein mächtiger, brutaler Kämpfer, ein Kriegsgott zu sein, auf der anderen brachten ihn die Germanen jedoch auch mit Dichtung und Weisheit in Verbindung. Odin sammelt die gefallenen Krieger in der riesigen Halle Walhall, um für die letzte Schlacht der Götter ein Heer in den Kampf führen zu können. Auch verfällt er sich a-moralisch und leiht einem Krieger seinen Speer Gungnir, damit dieser seinen Schwager ermorden kann. Dennoch galt er wohl auch als ein Gott der Weisheit. Ihn verlangt es nach den Geheimnissen der Runen. Um diese zu erlangen, hängt er kopfüber in der Weltesche Yggdrasil. Weiterhin opfert er gar eines seiner Augen, damit man ihm gewähre, aus dem Weisheitsbrunnen Mimirs zu trinken. Odin wird stets von seinen Raben Huginn und Muninn begleitet, in Asgard, dem Sitz des germanischen Götter-Pantheons, hält er sich entweder in Walhall auf, oder sitzt auf seinem Hochsitz Hlidskjalf, von welchem aus er alle neun Welten zu überwachen vermag. Häufig jedoch ist er auch in der Welt der Menschen unterwegs. Hier erscheint Odin jedoch nicht als Gott, vielmehr gleicht er einem alten Vagabund: Er trägt einen langen Bart, einen Hut und einen Reisemantel, auf dass ihn niemand erkenne.

 

Hierin findet sich auch gleich eine sehr deutliche Ähnlichkeit zu einer Figur aus Tolkiens Werk: dem Zauberer Gandalf. Auch dieser erscheint als ein alter Mann mit Stab und Hut, verbirgt jedoch seine wahre Macht hinter dieser Maskerade. So kann Gandalf ganz Mittelerde durchwandern. Beide Gestalten sind weise und spenden den Menschen Rat. Gandalf etwa hilft den zentralen Figuren im Herrn der Ringe, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Motiv des Ratgebers findet sich an zahlreichen Stellen in Tolkiens Werk. Beispielsweise unterstützt Gandalf Frodo beim Umgang mit dem Ring, hilft Aragorn mit seiner wahren Identität als Thronerbe Gondors umzugehen und steht Theoden bei der Planung der Abwehr von Sarumans Truppen zur Seite. Odin hilft unter anderem Seefahrern, indem er ihnen Sturmwarnungen zukommen lässt. Der Aspekt der Waffenhilfe findet sich auch hier, wenn der Gott Sigurd (Siegfried aus dem Nibelungenlied) rät, wann er mit den größten Erfolgsaussichten zu kämpfen hat. Eine weitere augenfällige Gemeinsamkeit beider Figuren ist sicherlich ihre Fähigkeit, Magie zu wirken. Bei einem genaueren Blick unterscheiden sie sich hierin jedoch im Detail. So nutzt Gandalf seinen Stab, um einen Zauber zu wirken, während Odin sich spezieller Runen bedient, die in das zu verzaubernde Objekt eingeritzt werden müssen.

 

Bei allen Gemeinsamkeiten ist Odin jedoch deutlich dunkler, negativer dargestellt als der rein „gute“ Gandalf. Dies reicht von offensichtlicher Trunkenheit des Gottes über diverse sexuelle Ausschweifungen bis hin zu schwarzer Magie und der bereits beschriebenen Anstiftung zum Mord. Odin ist in der Lage, Menschen um den Verstand zu bringen, sie gar dem Tod zu überantworten. Er befleißigt sich der Nekromantie und kann seine Gestalt wandeln. Diese Aspekte des Asen ähneln nicht mehr den Fähigkeiten Gandalfs, sondern denen seines finsteren Gegenspielers Sauron. So tritt der Feind der freien Völker Mittelerdes im Hobbit als Totenbeschwörer in Erscheinung und kann sich im Silmarillion in einen Wolf verwandeln. Huginn und Muninn fungieren als fliegende Spione Odins, während Sauron über die Geflügelten Schatten gebietet. Ein weiterer gemeinsamer Aspekt beider Figuren ist der Besitz eines Rings. Sauron schuf sich den Einen Ring, um alle anderen Ringe der Macht zu beherrschen. Dem Schmuckstück Odins, genannt Draupnir („Tropfer“), ist keine solch furchterregende Macht gegeben. Er dient in erster Linie zur Vermehrung des Reichtums der Götter, indem jede neunte Nacht acht Ringe gleichen Gewichts von ihm „abtropfen“. Dennoch beherrscht Draupnir die so abgespaltenen Ringe wie der Eine Ring auch über die anderen Ringe der Macht zu gebieten vermag.

 

Odin hat demnach seine Spuren in Tolkiens Werk hinterlassen. Möchte man diese nun zusammenfassen, liegt der Schluss nahe, dass sich die positiven Aspekte des Asen, wie etwa Weisheit und Hilfsbereitschaft gegenüber den Menschen, in der Figur Gandalf wiederfinden, während die dunkle, zerstörende Seite der Gottheit ihren Ausdruck in Sauron findet. Im Gegensatz zu Tolkiens Mythologie ist der germanischen kein eindeutiges „gut“ und „böse“ bekannt, wie uns die Zwiespältigkeit des odinischen Wesens treffend nahebringt. Mit der Aufnahme besagter Kategorisierung übernimmt Tolkien christliche Vorstellungen. Odin ist weder „gut“ noch „böse“, seine beiden Seiten spiegeln sich in den gegenpoligen Figuren Gandalf und Sauron wider.