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Kim Steinfurts "Tiere": Eine Leseprobe

Er ist orientierungslos und hat kaum Raum zum Atmen. Nackte Körper sich krümmender, klagender Menschen liegen auf seinem blanken Leib, und unter ihm stapeln sich weitere Menschen wie Chickenwings in einer Schale. Die Ausdünstungen von Urin und Kot, Schweiß und Blut setzen sich in seiner Nase fest. Es ist ein scharfer, ein saurer, ein widerwärtiger Gestank, der dafür sorgt, dass ein dicker Klumpen seine Kehle hochklettert. Er muss kräftig schlucken, zwingt den Schleim und den säuerlichen Brei, der in seinen Mundraum gelangt, zurück in den Magen. Glitschige Gliedmaßen berühren ihn, Finger anderer Verzweifelter greifen nach ihm, manch einer schlägt und tritt nach ihm.

Ein jeder kämpft für sich.

Die erdrückende Enge lastet auf seinem Brustkorb, eine stechende Leere breitet sich in seiner Lunge aus. Panisch versucht er zu atmen, er hyperventiliert, doch vermag er gerade eben genug Luft aufzunehmen, um nicht zu ersticken.

Er sieht nichts, das Gesäß einer Fremden lastet auf seinem Kopf, drückt ihn immer weiter hinunter, drückt ihn in ein Gewusel aus Füßen und Händen hinein. Sein Nacken sendet Schmerzimpulse aus, wird der Belastung nicht mehr lange standhalten. Seine Panik verstärkt sich, nun tritt und schlägt auch er wild aus und entlockt denjenigen Menschen ächzende Laute, die ihn wie achtlos hingeworfene Gliederpuppen umgeben. Die ihn verschütten. Es ist dunkel, es ist laut. Menschen schreien und weinen durcheinander, ohrenbetäubend und herzzerreißend. Kinder jammern, wimmern. Die ersten sterben, erdrückt vom Gewicht ihrer Mitmenschen oder erstickt im Gemenge.

Ein scharfer Gestank zieht aus der Scheide jener Frau, die auf ihm liegt. Ihr weißes Bein ist mit braunem, verkrustetem Stuhl überzogen. Sie windet sich, kämpft in ihrer Panik wie sie alle kämpfen. Verzweifelt. Gegeneinander. Fußtritte und Schläge fügen Verletzungen zu. Manch einer brüllt sich die Seele aus dem Leib. Ein Mädchen ruft weinend nach ihrer Mutter.

Die Pein, die von seinem Nacken ausstrahlt, wird unerträglich, so unerträglich, dass auch er zu schreien anfängt, doch sein Schrei klingt dumpf unter dem Gesäß der Frau. Eine warme Flüssigkeit berührt seine Beine, rinnt über sie, trieft an ihnen hinab. Es mag Blut sein. Oder Urin. Er versucht den Kopf zu heben, doch das Gewicht, das auf ihm lastet, ist zu groß. Er versucht, seinen Körper zu rühren, doch eingeklemmt zwischen schweißnassen, strampelnden, zappelnden Mitmenschen ist er dazu außerstande. Er wendet alle Kraft auf, die in ihm steckt, doch er kann den steigenden Druck auf seinen Nacken nicht verringern. Im Gegenteil, sein Kopf rutscht weiter ab und plötzlich drückt der verschmierte Oberschenkel der Frau auf seinen Kehlkopf. Die Frau selbst rührt sich gar nicht, reglos ist sie eingequetscht zwischen anderen Menschen.

Er kämpft weiter, versucht zu schlagen und zu treten, doch auch dazu ist kein Platz mehr. So verfällt er in ein wildes Zucken und Schlottern, um ihn herum stöhnen, kreischen, brüllen, toben, grunzen die anderen.

Sie stecken in einem riesigen Behältnis, verknotet zu einem menschlichen Wollknäul. Am Boden des Behältnisses sammeln sich Blut, Urin und Erbrochenes und vermischen sich zu einer trüben Brühe, in der Dreckklumpen und Stuhl schwimmen.

Die Menschen unter ihm geben unter fürchterlichem Geschrei nach, sein Körper rutscht in die entstandene Lücke und landet auf einem Bein. Ein Fuß drückt gegen seine Flanke, die Fußnägel kratzen seine Haut blutig. Doch der Druck auf seinen Nacken ist fort, dieser überstreckt nicht länger.

Das Behältnis gerät in Bewegung, er spürt es in seinem Gekröse. Er sieht nichts als Arme, Beine, Geschlechtsteile, Köpfe. Vor Angst bis zur Unkenntlichkeit verzerrte Mienen. Der Fuß an seiner Flanke tritt mehrfach gegen ihn, jeder Treffer lässt einen stumpfen Schmerzherd in ihm entstehen. Gleichzeitig kann er die eigenen Arme und Beine nicht bewegen. Es ist, als wäre er lebendig begraben. Das Körpergewicht anderer presst seine Extremitäten eng an seinen Körper. Durch ein querliegendes, behaartes Bein aber hat sich ein kleiner Zwischenraum über seiner Brust entwickelt, und er kann wieder frei atmen. Seine Augen fixieren die nasse, schwarze Beinbehaarung, die sich kräuselt und im schwachen Licht glänzt.

Er hat Panik. Jede Zelle seines Körpers wünscht sich fort von hier. Er kämpft weiter, und weiß doch nicht, was ihm das nützen soll. Sein Unterbewusstsein aber zwingt ihm die Bewegungen auf, seine Muskulatur ächzt unter den Gewichten, gegen die sie arbeitet.

Das Behältnis ist noch immer in Bewegung begriffen. In seinem Magen breitet sich ein flaues Gefühl aus. Der scharfe Geruch von Magensäure ist allgegenwärtig. Erbrochenes fließt von Mensch zu Mensch. Seifige Gliedmaßen berühren ihn, flutschen über seine Haut.

Mit einem Mal dreht sich die Welt um 180 Grad, die Schwerkraft zieht das Menschenknäuel aus dem Behältnis.

Er fällt. Fällt, noch immer eingewickelt in andere Menschen, fällt mit ihnen. Sie alle fallen. Das flaue Gefühl in seinem Magen intensiviert sich, drückt gegen seine Speiseröhre. Zähflüssiger Brei schießt diese hoch, schießt mit enormem Druck in seinen Mundraum ein. Er erbricht sich, das lauwarme Vomitat, garniert mit unverdauten Stückchen und beißender Magensäure, verteilt sich über die Menschen vor ihm, wird durch den Druck und den freien Fall über deren blanke Haut gespült. Klumpen bleiben in der Körperbehaarung hängen.

Er spürt ein Brennen in seiner Speiseröhre, und vernimmt, das Geschrei der Menschen durchdringend, ein urgewaltiges Zischen, dessen Lautstärke sich immer weiter potenziert. Es trägt eine aggressive, eine zerstörerische Note in sich, wie das Zischeln tausender Giftschlangen in hundertfacher Verstärkung. Er, und mit ihm all die anderen zum Ballen zusammengepressten Menschen, stürzen in ein zweites Behältnis, dem zweifelsfrei jenes Zischen entspringt. Durch dessen glänzende Wände verstärkt es sich weiter, hämmert auf sein Trommelfell ein, versetzt es schmerzhaft in Schwingungen. Schlimmer aber als das Zischen ist die Hitze, die sich um ihn legt, die seine Haut bestrahlt, sie aufheizt und ein beißendes Gefühl erzeugt, als sei er ungeschützt der brütenden Mittagssonne an einem heißen Sommertag ausgesetzt.

Menschliche Leiber klatschen schweren Säcken gleich in etwas Nasses, Knochen bersten knackend. Die vordersten Menschen fallen dem harten Aufprall zum Opfer … und den ihnen nachpurzelnden, die sich über ihnen zur Pyramide auftürmen. Die Schreie, aus der Tiefe des zweiten Behältnisses kommend, wandeln sich von panikhaften Rufen zu einem Brüllen unter Höllenqualen. Mit den Schreien verändert sich auch das Zischen, es nimmt kurz an Intensität zu, wird noch einmal lauter, angriffslustiger, gieriger, ehe es nachgibt und leiser als zuvor vor sich hinplätschert. Es geht unter in den Geräuschen des qualvollen Sterbens jener Menschen, die sich nahe des Behältnisbodens befinden. Er kann nicht sehen, was vor sich geht, sieht nichts als einen behaarten Brustkorb und ein mit verkrustetem Blut besudeltes, jenen Brustkorb überspannendes und seine Nase eindrückendes Bein. Doch er hört, was unter ihm vor sich geht, und die Geräusche, die an sein Ohr dringen, diese Geräusche von elendig sterbenden Frauen, Männern, Kindern, die in ihrem grenzenlosen Schmerz zu nichts anderem in der Lage sind, als sich die Seele aus dem Leib zu brüllen, bis ihre Stimme erstickt, bis sie untergeht im tosenden Zischen, diese Geräusche steigern seine Panik ins Unermessliche. Noch einmal schlägt und tritt er um sich, spürt, wie sein rechter Fuß in etwas Weiches hineinrammt, was dem Menschen unter ihm einen abgewürgten Laut entlockt. Er kratzt seinem Nebenmann die Seite blutig, er schreit. Schreit in einer Lautstärke, dass in seinem Rachen ein Schmerz heraufzieht. Immer mehr Menschen unter ihm werden gepackt von diesem rätselhaften Zischen, das wilde, herzzerreißende Ausrufe aus ihnen herauspresst. Sie schreien wie am Spieß. Und die Hitze, die sich auch ihm bemächtigt hat, die ihm den Schweiß aus allen Poren treibt, die seine Körpertemperatur in lebensgefährliche Höhen katapultiert, intensiviert sich weiter. Er fällt nicht mehr, der ganze menschliche Ballen ist zum Stillstand gekommen. Die Bruthitze kriecht ihm unter die Haut, dass es unerträglich wird. Dass er sich die Haut am liebsten vom Gewebe ziehen möchte. Er schreit weiter, in vollkommene Panik verfallen, und ist zu rationalem Denken außerstande.

Jeder kämpft für sich.

Die im Behältnis gefangenen und vom erbarmungslosen Zischen gemarterten Menschen zappeln und schlagen, zucken und winden sich. Ein Fuß rauscht ihm mit Wucht ins Gesicht, er schmeckt den eisenhaltigen Geschmack von Blut. Das aber gereicht zur Nebensächlichkeit angesichts der mörderischen Hitze, die seine Körpersäfte zerkocht. Die droht ihn zu töten. Die Hitze entzieht ihm gleichermaßen die Atemluft, er schnappt nach Luft, ringt um Luft, würgt und hustet.