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Von Beowulf bis Boromir - Die Rezeption mittelalterlicher Heldenepen im "Herrn der Ringe"

„Überall ist Mittelalter.“ So lautet der prägnante Titel einer bekannten Einführung in die Mediävistik von Horst Fuhrmann.  Klingt der Name auch plakativ, ist er doch richtig. In den Gefilden der phantastischen Literatur fällt dies oft besonders ins Auge und es wird niemanden überraschen, wenn auch J. R. R. Tolkien als deutlich vom Mittelalter beeinflusst bezeichnet wird. Ob nun Mediävisten deswegen die besseren Tolkienleser sind, wie es Thomas Honegger 2004 vorschlug, wird wissenschaftlich diskutiert und soll hier nicht weiter thematisiert werden. Nichtsdestotrotz vermag der Blick durch die Brille des Mittelalterkundigen faszinierende Wege nach Mittelerde zu weisen. Folgender Beitrag möchte zwei dieser Wege beschreiten und exemplarische Einblicke in Tolkiens mittelalterliche Welt bieten.

 

Die Mythologie der Gesellschaft zwischen 500 und 1500 ist voller Heldengestalten. Eine von ihnen ist Roland, mächtiger Krieger und obendrein Neffe Karls des Großen. Der berühmte Onkel dieses Recken überquerte im Jahr 778 die Pyrenäen, um sich den immer weiter vordringenden Mauren in Nordspanien entgegenzuwerfen. Der Neffe begleitete ihn auf seinem Feldzug. Tapfer kämpfte er, der einst einen Riesen gefällt hatte, vor den Toren der Stadt Saragossa, der Residenz des Kalifen. Die Christen fügten ihren Feinden eine empfindliche Niederlage zu und Karl entsandt seinen Paladin, einen zwielichtigen Mann namens Ganelon, mit den Mauren zu verhandeln. Roland misstraute Ganelon, Karl jedoch verließ sich auf das diplomatische Geschick und die Treue seines Gefolgsmanns; er kehrte mit einem Großteil der Truppen in sein Reich zurück. Seinen Neffen machte er dagegen zum Herzog der spanischen Mark, dem eroberten Schutzgürtel für das Frankenreich. Vor seinem Abzug überließ er Roland das Horn Olifant, mit dem dieser zu jeder Zeit Hilfe herbeirufen konnte. Karl war kaum mit dem Heer verschwunden, da schlugen die Mauren los und griffen die Zurückgebliebenen an, Ganelon hatte seine Landsleute verraten! Roland und seine Krieger kämpften heldenhaft, vermochten gegen die Übermacht letzten Endes aber nicht zu bestehen. Schließlich stößt Roland in der Stunde der größten Not in sein Horn:

 

Mit Mühe und Qual, unter großem Schmerz, / Bläst Graf Roland seinen Olifant. / Aus dem Mund schießt ihm das helle Blut, / Die Schläfe an seinem Schädel zerspringt dabei. / Der Schall des Horns, das er hält, trägt sehr weit: / Karl, der über die Pässe zieht, hört ihn.“

(Das altfranzösische Rolandslied, V. 1761-1765, übers. v. Wolf Steinsieck)

 

Der Herrscher eilt mit den Truppen zurück, doch als er ankommt, findet er lediglich die Leichen Rolands und seiner Männer vor. Voller Gram nimmt Karl schreckliche Rache an Ganelon und den Mauren.

 

So die Legende. Von einem wirklichen Roland wissen die Historiker wenig. Lediglich in der berühmten „Vita Karoli Magni“ Einhards wird ein gewisser Hruodland als Opfer eines Rückzugsgefechts in Spanien genannt. Im Zuge der aufkommenden Kreuzzugsbegeisterung des Hochmittelalters stilisierte man Karls Gefolgsmann zum Märtyrer, der im heldenhaften Kampf gegen die Heiden sein Leben für die Christenheit gegeben hatte. Das altfranzösische Rolandslied entstand und diente als Vorlage für zahlreiche Adaptionen, die den Stoff nahezu überall in Europa bekannt machten. Noch heute erinnert beispielsweise „Roland der Riese“ vor dem Bremer Rathaus an die Geschichten um den heldenhaften Krieger.

 

Elemente der hier erzählten Episode finden sich recht offenkundig in Tolkiens Welt. Die Rede ist vom tragischen Ende Boromirs am Fuß des Amon Hen. Im Kampf gegen eine riesige Übermacht von Orks stößt der in die Enge getriebene Krieger in sein Horn, um Hilfe herbeizurufen. Aragorn, der wahre König Gondors, hört ihn, als er gerade den Berg hinaufeilt. Er kehrt um und will seinen Gefährten retten, kommt jedoch zu spät und findet Boromir tödlich verwundet auf der Wiese Parth Galen am Fuß des Berges liegen. Die Parallelen zum Tod Rolands sind zahlreich. Zunächst besitzen beide Krieger ein Horn, mit welchem sie Hilfe herbeirufen, die dann aber zu spät das Schlachtfeld erreicht. Während Roland am Rand der Pyrenäen kämpft und sein König gerade das Gebirge überquert, verteidigt sich Boromir am Fuß des Amon Hen, auf dem sich Aragorn gerade befindet. Ebenso wie Karl versucht dieser, dem Bedrängten zu Hilfe zu kommen.

 

Für eine weitere mittelalterliche Sicht auf Tolkiens Welt wandert der Blick von den Pyrenäen gen Nordost, genauer gesagt ins Dänemark des 6. Jahrhunderts. Hier hat der alte König Hrothgar eine imposante Halle errichten lassen, um mit seinen Veteranen unzählige gewonnene Schlachten mit reichlich Met zu feiern. Die Trinkgelage werden den Kriegern jedoch gründlich verdorben: Jedes Mal, wenn diese beisammen sitzen, erscheint das Ungeheuer Grendel und reißt einen der Männer in Stücke. Niemand vermag gegen das Monster zu bestehen und Hrothgar ist verzweifelt. Doch schließlich naht Hilfe! Beowulf, der Bezwinger zahlreicher Untiere segelt mit seinen Männern nach Dänemark. Der Neffe des Gautenkönigs Hygelac nimmt Quartier in Hrothgars Halle und verspricht dem alten Mann, Grendel zur Strecke zu bringen. Nach mehreren Kämpfen bezwingt Beowulf schließlich Grendel und dessen nicht weniger monströse Mutter. Der Gaute wird als Held gefeiert, kehrt nach Hause zurück und wird schließlich zum Herrscher seines Volks. Viele Jahre lang regiert Beowulf erfolgreich und bezwingt jeden Feind der Gauten. Eines Tages jedoch erscheint ein furchtbarer Drache und bedroht das Reich. Der alt gewordene König stellt sich ihm mutig entgegen, einzig sein junger Neffe Wiglaf begleitet ihn dabei. Nach langem Kampf töten sich Beowulf und der Drache schließlich gegenseitig.

 

Überliefert wird die Geschichte im ältesten germanischen Heldenlied, dem Beowulf-Epos. Es gilt gemeinhin als wichtigstes Werk der altenglischen Literatur und gewährt spannende Einblicke in die germanische Mythenwelt und die Zeit der Völkerwanderung. Entstanden ist die einzige heute erhaltene Handschrift wohl um das Jahr 1000. Der Text umfasst sowohl heidnische als auch christliche Motive; so erhält Beowulf das Halsband der germanischen Göttin Freya zum Geschenk, während der Unhold Grendel als Abkömmling des Brudermörders Kain dargestellt wird.

 

Es lassen sich mehrere Parallelen zwischen dem Epos und Tolkiens Werk ziehen, Thomas Honegger weist z.B. ausführlich auf Gemeinsamkeiten der Trinkrituale von Dänen und Rohirrim hin. An dieser Stelle soll jedoch auf eine andere Szene des „Herrn der Ringe“ eingegangen werden: die Ankunft Aragorns und seiner Gefährten in Edoras. Die Reisenden werden zweifach kontrolliert, zunächst an den Toren der Stadt, wo mehrere Wächter die Ebene überwachen und die Gruppe schon aus der Ferne sehen, dann nochmals an der Schwelle von Meduseld. Als Beowulf und seine Begleiter die Stadt Hrothgars erreichen, verhält es sich ganz ähnlich. Die Gruppe verlässt ihr Schiff und wird sogleich von einer Wache am Strand in Empfang genommen. Ebenso wie am Tor von Edoras werden die Gauten nach ihrer Herkunft und ihren Absichten gefragt. Erst nach zufriedenstellender Antwort dürfen sie die Stadt betreten. Vor der Halle des Königs erwartet sie eine zweite Kontrolle, die sie erneut befragt:

 

Ein würdiger Mann / Fragte dort die Helden, welches ihre Herkunft sei: / »Aus welcher Gegend führt ihr die goldverzierten / Schilde, / Die grauen Harnische hierher, die schützenden Helme / mit Masken, / Den Haufen der Heerspeere? […]«“

(Beowulf-Epos, V. 331-335, übers. v. Martin Lehnert)

 

Beowulf stellt sich daraufhin vor. Schließlich dürfen die Reisenden eintreten, müssen jedoch ihre Waffen ablegen. Auch hier ist die Parallele zu Tolkien deutlich zu erkennen, da Háma die Gefährten ebenso auffordert, ihre Schwerter vor der Tür zu lassen. Auch die Orte der Zusammenkunft ähneln sich, hier steht Hrothgars Methalle Meduseld gegenüber.

 

Der mittelalterliche Blick auf Tolkiens Welt ist also ein vielversprechender. Dem geneigten Leser eröffnen sich durch das Werk des englischen Philologen nicht nur Zugänge zu einer spannenden Fantasy-Welt, sondern ebenso Wege in eine faszinierende, lang vergangene und doch bis heute lebendige Epoche der europäischen Geschichte.