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Jan Niklas Meiers "Grenzland": Eine Leseprobe

Sheppard reagierte zuerst: »Scharfschütze!«, brüllte er, während er sich auf den Boden warf und Mulligan mit sich riss.

Ein zweiter Schuss peitschte und holte Cornell von den Füßen, der fassungslos auf die Leiche seines Schwagers gestarrt hatte. Stöhnend wälzte er sich umher, die Hand auf die blutende Wunde in seiner rechten Schulter gepresst.

Nahezu zeitgleich starteten beide Panzer die Motoren, um den Männern zu Hilfe zu kommen. Nur Sekundenbruchteile später zischte das Geschoss einer tragbaren Panzerabwehrwaffe aus dem Wald und traf den Doombringer. Der Schuss saß – ob nun aufgrund des Könnens des Bashers oder einfach aus purem Glück – perfekt und richtete größtmöglichen Schaden an. Das Projektil durchschlug die schwache Panzerung an der Rückseite des Turms und detonierte im Innern des Fahrzeugs. Toole war sofort tot, von der Explosion regelrecht in Stücke gerissen. Parks dagegen hatte weniger Glück, er wurde von zahlreichen umherfliegenden Splittern durchbohrt. Sein Ende war qualvoll und dauerte mehrere Minuten, in denen er am Rand seines schwindenden Bewusstseins bemerkte, dass in Folge der Detonation ein Feuer im Innenraum ausbrach. Kurz darauf erreichten die Flammen den Treibstofftank und der T-62 explodierte in einem Feuerball.

 

Dixon erlebte das Ende des republikanischen Panzers, als er gerade mit der Steuerung des X-56 kämpfte. Sie alle hatten für den Fall eines Ausfalls des Fahrers eine Einweisung in den Umgang mit dem Panzer bekommen, er hätte jedoch nie daran gedacht, diese Fähigkeiten auch einmal anwenden zu müssen.

Jetzt war es soweit. Bellefleur tot, Cornell verwundet, nicht zu erkennen, wie schwer. Dixon schüttelte den Kopf, um sich auf seine Aufgabe konzentrieren zu können. Und die lautete: Holt den Sarge da raus! Ihm war ziemlich egal, was mit den Reps passierte, oder ob sie den Chip aus dem dämlichen Flugzeug bekamen; er wollte nur seinen Freund retten und dann von hier verschwinden.

In diesem Moment stürmten Basher aus dem Wald. Schon wieder. So eine Scheiße!, dachte der Richtschütze entsetzt. Die Angreifer waren nicht so zahlreich wie vorhin, gingen aber deutlich geschickter vor, indem sie sich von Anfang an verteilten, um dem Beschuss des Hauptgeschütztes entkommen zu können.

»Wir müssen ihnen den Weg abschneiden! Wenn sie Cornell und die beiden Reps erreichen, nehmen sie sie mit und opfern sie ihrer verrückten Göttin!«

Owens hatte recht. Dixon gab Gas und beeilte sich, den schweren Panzer zwischen die Soldaten und die anrückende feindliche Infanterie zu bringen. Es waren etwa zehn Basher, die sie berannten, leicht bewaffnet mit Maschinenpistolen und Schrotflinten. Owens saß schon hinter der Bordmaschinenkanone und eröffnete das Feuer. Er schaltete den vordersten Basher aus, die anderen warfen sich im hohen Gras in Deckung, blieben entweder mitten im Gelände liegen oder suchten Schutz hinter den Überresten ihrer gefallenen Kameraden. Sie erwiderten das Feuer, vermochten die schwere Panzerung aber natürlich nicht zu durchschlagen.

Plötzlich schoss der Panzerschreck im Wald erneut, ein Projektil zischte knapp über den X-56 hinweg.

Dixon schaute den Ladeschützen besorgt an. »Wir müssen den Schützen ausschalten. Sonst wird er uns früher oder später treffen!« Er stand auf und starrte durch den Sucher der Hauptkanone. So konnte er nichts erkennen, deshalb schaltete er auf Wärmebild um. Er konnte drei Silhouetten ausmachen, eine einzelne in der Deckung eines Gebüschs, wahrscheinlich den Scharfschützen, der Bellefleur auf dem Gewissen hatte, und ein Team, das wohl die Panzerabwehrwaffe bediente. Die mussten sie zuerst ausschalten.

»Mike! Ich hab sie, wir können sie mit dem Hauptgeschütz erwischen!«

Sofort begab sich der Angesprochene auf Position und lud die 120mm-Kanone mit einem Sprenggeschoss. »Bereit!«, meldete er.

Dixon feuerte die Thunderball ab und der Waldrand wurde von einer Explosion erschüttert. Dort, wo das feindliche Panzerabwehr-Team gekniet hatte, klaffte jetzt ein Krater, umgeben von Baumstümpfen und zerbrochenen Ästen.

 

Als der X-56 feuerte, hatte Sheppard bereits seine Dienstpistole in der Hand und lugte um das Heck des schweren Panzers herum. Noch neun Feinde. Und ein Scharfschütze irgendwo im Wald. Der Lieutenant ging davon aus, dass die Konföderierten zuerst die Panzerabwehrwaffe ausgeschaltet hatten. Und dass sich der Scharfschütze jetzt schleunigst eine andere Position suchen würde, da er davon ausgehen musste, ebenfalls entdeckt worden zu sein. Mit etwas Glück würde sich der Basher zurückziehen.

»Dan, der Konföderierte ist ohnmächtig.« Mulligan beugte sich über den Verwundeten. »Er hat viel Blut verloren.«

Sheppard ignorierte seinen Freund. Sie hatten jetzt andere Sorgen und um diesen Kerl war es nun wahrlich nicht schade. Die Basher waren aus ihrer Deckung aufgetaucht und starteten einen Sturmangriff. Die Maschinenkanone des Panzers ratterte wieder los und holte einen der Feinde von den Beinen. Doch die Basher hatten gelernt und verteilten sich weiträumig. Der Schütze konnten auf keinen Fall alle ausschalten, ein paar würden ihre Stellung erreichen.

Sheppard sah sich um. Keiner besaß eine automatische Waffe, sie hatten nur ihre Pistolen. Nun, dann eben so! Er nahm einen Basher ins Visier, dann ließ er den Arm sinken. Noch waren sie zu weit entfernt. Er hasste es, nichts tun zu können! »Chris!«, rief er, »Lass den Typ liegen und zieh deine Waffe! Wir müssen möglichst viele ausschalten, bevor sie den Panzer erreichen!«

Mulligan wurde noch eine Spur blasser, zog aber entschlossen seine Pistole aus dem Halter und sicherte um die Front des X-56 herum.

Der Bordschütze hatte derweil zwei weitere Feinde ausgeschaltet. Blieben noch sechs. Sheppard zog den Kopf ein, als einer der Basher ihn hinter dem Panzer ausmache und ins Visier nahm. Als der Mann nachladen musste, schnellte der Republikaner aus seiner Deckung hervor und feuerte in schneller Folge drei Schüsse ab.

Der Feind ging zu Boden und rührte sich nicht mehr.

Noch fünf.

Die Bordkanone riss einen weiteren Basher in Stücke.

Noch vier.

Auf der anderen Seite des Panzers fielen zwei Schüsse.

»Feind ausgeschaltet!«

Mulligan. Er war stolz auf den Jungen!

Noch drei.

Sheppard lugte aus seiner Deckung, sah einen Angreifer vor sich und schoss ihn nieder.

Noch zwei.

Aber die würden durchkommen.

»Bereit machen zum Nahkampf!«, rief er seinem Fahrer zu. Mulligan ließ zuerst nicht erkennen, ob er die Worte verstanden hatte, zückte dann aber sein Messer.

Gerade noch rechtzeitig drehte Sheppard sich wieder um. Einer der verbleibenden Angreifer hatte den Panzer erreicht und griff ihn an! Der Basher hatte ein bedrohlich aussehendes Messer in der Hand und stach nach ihm. Sheppard sprang ihm entgegen und drehte sich gleichzeitig zur Seite, um dem Stoß zu entgehen. Er hatte Erfolg, der Angriff ging ins Leere. Plötzlich direkt vor dem Basher, rammte er seinem überrumpelten Gegenüber den Ellenbogen ins Gesicht. Mit einem befriedigen Knirschen brach die Nase des Feindes. Der Mann taumelte zurück und heulte vor Schmerz auf. Sheppard setzte nach und trat dem Basher die Beine weg. Der Angreifer stürzte zu Boden. Auf diesen Moment hatte er gewartet! Der Lieutenant warf sich auf ihn und beide Soldaten rangen um das Messer. Schließlich krachte Sheppards Stirn auf die bereits gebrochene Nase des Bashers. Das verschaffte ihm den nötigen Vorteil, den Kampf um den Dolch zu gewinnen. Mit schwindender Kraft entrang er seinem Feind die Klinge und stach die Waffe immer wieder tief in die Brust des Angreifers. Erst als er seine Arme kaum  noch zu heben vermochte, ließ er von der Leiche ab. Der Oberkörper des Mannes war nur noch eine breiige Masse aus Blut und zersplitterten Knochen.

Als Sheppard nach und nach begann, seine Umwelt wieder wahrzunehmen, erbrach er sich heftig. Mit letzter Kraft rollte er sich von dem Toten herunter und blieb nach Atem ringend im Gras liegen.

Chris!, durchfuhr es ihn.

Mit einem Stöhnen hievte er sich in eine halb sitzende Position und sah zu seinem Freund.

Der rang noch mit seinem Feind, als ein Mann vom Turm des Panzers sprang und in den Kampf eingriff. Gemeinsam hielten sie den Basher nieder und Mulligan stieß dem Gegner die Klinge durchs Auge. Danach stand er wortlos auf und setzte sich etwas abseits ins Gras, der Gruppe den Rücken zugewandt. Die Schultern des jungen Mannes bebten, er weinte.

Wortlos ging Sheppard an dem konföderierten Soldaten, der sich gerade wieder aufrichtete, vorbei und ließ sich neben seinem Freund zu Boden sinken. Mulligan hielt den Kopf gesenkt, Tränen vermischten sich mit dem Blut, das aus einem tiefen Schnitt auf der Wange des jungen Corporals quoll, vermengte.

»Das gibt eine Narbe«, sagte Sheppard sanft und legte dem Kameraden eine Hand auf die Schulter.

»Aber keine so hässliche wie deine«, erwiderte Mulligan mit einem missglückten Lächeln.

»Alles ist gut, Chris. Du hast getan, was du tun musstest.«

»Ich habe Menschen getötet, zwei Menschen das Leben genommen.«

»Du hast gekämpft, es hieß du oder sie. Und ich bin froh, dass du es bist, der hier sitzt.« Sheppard bemühte sich, seine Stimme so sanft wie möglich klingen zu lassen. »Es ist Krieg, Chris. Im Krieg sterben Menschen. Das ist nicht schön, aber so ist es nun einmal.«

»Wir haben keinen Krieg. Zumindest hatten wir den bis heute Morgen nicht.« Einer der Soldaten der Konföderation war zu ihnen gekommen, ohne dass Sheppard etwas bemerkt hatte. Der andere kniete bei dem verwundeten Sergeant. »Wir brauchen einen Plan. Und zwar schnell.«