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Abjekt und Hermaphroditismus, "Alien" und Psychoanalyse

Inmitten einer grenzenlosen Weite gleitet der gigantische Erzfrachter Nostromo lautlos dahin. Allumfassende Dunkelheit umgibt das Raumschiff, die siebenköpfige Crew befindet sich in künstlichem Schlaf. Doch dann empfängt Mother, der Schiffscomputer, einen Notruf. Sie weckt die Besatzung, und man beschließt, einen Rettungstrupp zur Quelle des Signals zu entsenden. Ein schrecklicher Fehler. Denn die Männer und Frauen der Nostromo bringen ein Monster an Bord ihres Schiffes. Eine Kreatur, die einem Albtraum entstiegen zu sein scheint. Ein Wesen, das nicht nur tötet, sondern Menschen zu Wirtskörpern, zur Brutstätte seines Nachwuchses macht.

 

1979 schrieb Ridley Scott mit »Alien« Filmgeschichte. Er schuf ein grandioses Hybridwerk aus Horror und Science Fiction, das bis heute unerreicht geblieben ist. In nervenzerreißender Langsamkeit erzählt Scott vom Schicksal der Nostromo. In teilweiser Missachtung der Konventionen des modernen Horrorfilms lässt sich der Regisseur Zeit; es dauert lange, bis das Alien erstmals in Erscheinung tritt. Vielleicht noch verstörender wirkt das Fehlen einer Identifikationsfigur. Denn bis Ripley sich als die Heldin des Films offenbart, vergeht bereits ein Großteil des Horrortrips, erst im letzten Viertel tritt sie in ihrer eigentlichen Rolle in Erscheinung. Im Jahr seiner Uraufführung war »Alien« ein medialer Skandal, angeblich mussten Zuschauer den Kinosaal ob aufkommender Übelkeit verlassen. Aber auch heute, in Zeiten von Terrorkino oder torture porn, ist »Alien« besonders. Während Filme wie »Saw« oder »Hostel« die Zerstückelung des menschlichen Körpers ästhetisieren und damit unsere Sehnsucht nach einer absoluten Souveränität ad absurdum treiben, funktioniert »Alien« anders. Scotts Film ist zutiefst psychologisch, durchsetzt mit sexueller Symbolik und auf unsere Urängste rekurrierend.

 

Eine Verschmelzung

 

Dabei ist die Verschmelzung von Horror- und Science-Fiction-Film auf den zweiten Blick eigentlich gar nicht mehr so innovativ. Tatsächlich ähneln sich beide Genres in weiten Teilen recht stark, sodass ein Hybridwerk nicht wirklich abwegig scheint. Bemüht man verschiedene kulturwissenschaftliche Definitionsansätze, so mag einem etwa die Floskel begegnen, beide Genres wollten die Aufklärung an ihre Grenzen bringen. Zwar befasst sich die Science Fiction mit Technik, mit den Weiten von Zeit und Raum, während Horror viel eher die Abgründe menschlichen Empfindens zu ergründen sucht. Aber: Immer geht es doch, so hat es Georg Seeßlen als einer der profundesten Kenner des Horrorfilms formuliert, um Bewältigungs- bzw. Erklärungsstrategien des Phantastischen, des für uns Unerklärlichen. Die Science Fiction nutzt dazu die Technik; die Wissenschaft schafft Lösungen – so können wir etwa die eigentlich noch unerreichbaren Geheimnisse des Weltalles ergründen und gegen dessen Gefahren bestehen. Der Horror dagegen führt gegen den aufgeklärten Menschen die Reste des Mythos ins Feld: »Vorm Anderen hat die Aufklärung panische Angst«, hat Theodor W. Adorno einmal bemerkt. Wesen, die es eigentlich nicht geben darf, deren Existenz (oder eben Nicht-Existenz) die Menschheit schon seit jeher begleiten, steigen aus ihren Gräbern, kriechen aus ihren Höhlen in weit entfernten Gebirgen, und bedrohen die bürgerliche Mitte.

 

Wenn Science Fiction und Horror nun verschmelzen, dann geht es um Grenzüberschreitung. Nicht nur um Genregrenzen, sondern auch in einem inhaltlichen Sinne. So mag etwa die Technik eine Grenze überschreiten, der menschliche Drang nach immer größerem Fortschritt gebiert das Monströse: künstliches Leben, welches sich gegen seine Schöpfer wendet. Und spätestens hier befinden wir uns mitten in der »Alien«-Reihe, wie insbesondere das jüngste Produkt des Franchise, »Alien: Covenant«, in aller Drastik zeigt.

 

Der Schöpfergott

 

In einem weißen Raum sitzt der Androide David seinem Schöpfer Peter Weyland gegenüber. In der ansonsten ziemlich sterilen Umgebung finden sich Zeugnisse schöpferischer Perfektion: eine Replik des florentinischen Davids und ein Gemälde der Geburt Christi. Die nächste Stufe der Schöpfung sitzt nun am Klavier und spielt Wagner: Der Androide, er gibt sich selbst den Namen David, wird später die Prometheus-Mission überstehen und damit beginnen, sich selbst für einen Gott zu halten. Das Streben der Menschheit nach einem perfekten künstlichen Abbild ihrer Selbst hat ein Monster geschaffen, welches wiederum in seinem eigenen schöpferischen Drang weitere Monster gebiert. So ist es letzten Endes David, welcher uns die Aliens bringt. Doch bei all seiner schöpferischen Kraft ist der Androide doch fehlgeleitet, sein eigener Narzissmus entlarvt ihn: In einem fast schon biblisch anmutenden Gegenüber von David und Walter, seinerseits eine verbesserte Version des Androiden und damit erneut Sinnbild menschlichen Fortschrittsdrangs, zitiert ersterer das berühmte Ozymandias-Gedicht und schreibt es George Byron zu. Walter korrigiert ihn und nennt mit Percy Bysshe Shelley den korrekten Verfasser – einen überzeugten Atheisten. Trotzdem obsiegt am Ende der fehlgeleitete Schöpfergott, kann er doch die Aliens an Bord des Raumschiffs bringen und ihnen so menschliche Wirtskörper zur Verfügung stellen.

 

Es sind jene Aliens (im ersten Teil wählte Scott noch die Einzahl und implizierte damit eine Singularität der Kreatur), welche die Filmreihe wirklich besonders machen. Neben allen hintergründigen Verstrickungen des Weyland-Konzerns, die gleichermaßen an Dystopien und verschiedene Paranoia-Thriller der ausgehenden 70er-Jahre gemahnen, ist doch die außerirdische Bedrohung der eigentliche Grund unserer Angst. »Alien« ist zutiefst psychologisch, der Film rekurriert auf unsere Urängste, seine Kreaturen repräsentieren das Monströse in seiner vielleicht reinsten Form. Das Alien ist ein Wesen, das wir nicht zuordnen können. Es ist kein Tier, es ist kein Mensch – ja, es scheint nicht mal gänzlich biologischer Natur zu sein. Die einem Albtraum entstiegene Kreatur setzt die Grenzen gängiger Taxonomie außer Kraft, das Alien ist weder das Eine noch das Andere, es ist eine Form des Dazwischen. Es mag eine Mischung aus Mensch und Insekt sein, oder etwas gänzlich anderes. Alles an ihm wirkt fremd, ja gar falsch. Es hat keine Augen und kann trotzdem sehen. Es ist geschlechtlich uneindeutig. Es schleicht umher, es legt atemberaubende Geschwindigkeit an den Tag. Es nutzt Wirtskörper, um seinen Nachwuchs auf die Welt zu bringen. Es spottet sowohl Darwin‘scher als auch Lamarck’scher Theorie. Und – vielleicht noch viel beunruhigender – es führt uns das Abjekte vor Augen.

 

Das Abjekte

 

Dan O’Bannon, Drehbuchautor des ersten Films, bemerkte einmal, er habe ein Werk voll von »psycho-sexual horror« schreiben wollen. Und das ist ihm gelungen: Die Aliens wollen nicht unsere Welt erobern, sie wollen uns nicht einmal fressen. Sie wollen unsere Körper auf gänzlich andere Art. In einer Form von Vergewaltigung erobern sie unseren Leib, bohren sich in uns hinein und pflanzen ihre Brut in uns, bis diese in einer Perversion von Geburt aus uns hervorbricht. Das Wesen des Alien ist eine schreckliche Verschmelzung von Tod und Sex, von Schmerz und Geburt.

 

Damit ist »Alien« zutiefst psychologisch. Eine theoretische Fundierung einer solchen Lesart bietet uns nun etwa die bulgarische Literaturtheoretikerin Julia Kristeva mit ihrem Abjekt-Begriff. Das Konzept ist überaus komplex, grundsätzlich liegt ihm aber die Annahme zugrunde, dass ein neugeborenes Kind mit dem Augenblick der Geburt einen Separationsprozess durchmacht. Es löst sich vom mütterlichen Leib und tritt in eine symbolische Ordnung, in das soziale Gefüge der es umgebenden Welt, ein. Diese Trennung stellt das Kleinkind nun vor eine Herausforderung, ist es doch bislang in der Geborgenheit des Körpers der Mutter aufgewachsen, wurde dort ernährt und hat sich dort entwickelt. Um in der neuen Umgebung bestehen zu können, entwickelt das Neugeborene nach und nach ein Selbst; es lernt also, sich als ein Individuum zu begreifen, welches losgelöst von der Mutter existiert. Dies gelingt durch einen Vorgang der Abspaltung: Alle Anteile der kindlichen Psyche, die an den Mutterleib erinnern, werden abgespalten, da sie einer erfolgreichen Selbst-Konstituierung im Weg stehen. Die abgespaltenen Elemente bezeichnet Kristeva als das Abjekte, als – etwas frei übersetzt – den Auswurf. Ein derartiger Abspaltungsprozess kann nun aber nie vollständig gelingen, das Abjekte bleibt an den Rändern unseres Bewusstseins bestehen. Dort symbolisiert es einerseits eine Bedrohung, scheint es doch geeignet, uns in einen Zustand vor der Selbstwerdung zurückfallen zu lassen. Gleichzeitig geht mit dem Abjekten aber immer ein Gefühl des Verlusts einher, die Geborgenheit des Mutterleibs haben wir so für immer verloren. Dem Abjekten ist demnach eine latente Anziehung genauso inhärent wie ein Gefühl der Bedrohung, der von ihm ausgehenden Gefahr.

 

An dieser Stelle sei zur Veranschaulichung ein Beispiel angebracht: Blut, die Nabelschnur oder die Gebärmutter – all das sind Dinge, die mit dem Abjekten verbunden sind. Sie gemahnen uns an die Zeit im mütterlichen Körper. Sie sind aber nicht das Abjekte, kommt jenem doch explizit keine konkrete Manifestation zu. Oder anders: Das Abjekt ist kein Objekt. Vielmehr versteht Kristeva unter ihrem Begriff, das beim Anblick entsprechender Dinge empfundene Unbehagen, die Aversion, den Ekel. Das Abjekte konfrontiert das Ich also mit seinen Grenzen. Etwas komplizierter ausgedrückt steht das Abjekt zwischen dem Subjekt und dem Objekt. Es füllt also eine Leerstelle, es markiert einen Ort des Dazwischen, es zeigt dasjenige auf, was durch die symbolische Ordnung gefallen ist, was sich auch nicht sprachlich fassen lässt. Zum Abjekten zählt aber nicht nur die Aversion gegenüber Körperflüssigkeiten oder -teilen, die an Mutterleib und Geburt erinnern, sondern etwa auch die Abneigung gegen Nahrung, ein eindeutig präödipales Verhaltensmuster. Eine solche Abneigung äußert sich etwa durch den Ekel vor der Haut auf Milch. Noch etwas abstrakter ist das menschliche Gefühl Leichen gegenüber mit dem Abjekt-Konzept erklärbar: Die Leiche ist tot, damit symbolisiert sie all das, was wir abspalten müssen, um Leben zu können. Der tote Körper zeigt auf, dass wir alle letzten Endes nichts als verwesendes Fleisch und entweichende Körperflüssigkeiten sind. Er verweist auf all das, was wir permanent abspalten, um zu leben.

 

»psycho-sexual horror«

 

Noch einmal zurück zur Bemerkung Dan O’Bannons: Sein Wunsch nach »psycho-sexual horror« äußert sich vielleicht nirgends deutlicher als in der Geburt der Aliens. Um sich fortzupflanzen, benötigen sie einen Wirtskörper, gewaltsam setzen sie ihren Samen in ein menschliches Opfer, aus dem schließlich ein neugeborenes Alien hervorbricht, wobei der Wirt stirbt – ein Leben für ein Leben, wenn man so will. Das Auf-die-Welt-kommen des Wesens geht dabei nicht sauber vonstatten, Blut spritzt, das Innere des Menschen wird nach außen verkehrt. Der Prozess der kreatürlichen Geburt ist in »Alien« ein schrecklicher, ganz im Gegensatz zum sauberen, allem Abjekten beraubten Erwachen der Raumschiffcrew aus ihren Stasiskapseln. Jene Behältnisse symbolisieren den Mutterleib, die hieraus folgende Geburt – nicht umsonst heißt der den Prozess initiierende Computer Mother – ist geradezu klinisch steril, frei von Blut, Schleim und sonstigen Körperflüssigkeiten. Alles ist kontrolliert, alles ist sauber, alles ist schmerzfrei. Die Technik hat das Abjekt besiegt, so könnte man meinen. Die zukünftige Wissenschaft scheint in der Lage zu sein, die Geburt all ihrer Schrecken zu berauben. Doch dann kommen die Aliens. Sie führen der technisierten Gesellschaften ihre eigenen Körper vor, sie holen alles Abjekte zurück in die Welt. So gesehen zeigt es einen Konflikt zwischen Technik und Natur auf, der sich im Übrigen auch in der Konzeption des Nicht-Menschlichen innerhalb der Filmreihe niederschlägt: auf der einen Seite stehen die Androiden, auf der anderen die Aliens. Die Geburt der außerirdischen Kreaturen nun rekurriert eindeutig auf das Abjekte. Der Prozess ist äußerst schmerzhaft, er geht gar mit dem Tod des Wirts einher. Der Körper wird regelrecht zerfetzt, Blut spritzt umher.

 

Vielleicht noch verstörender ist die geschlechtliche Nicht-Zuordenbarkeit des Aliens, es ist weder als Mann noch als Frau zu erkennen. In seiner Konzeption vereinte der Künstler H. R. Giger sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsmerkmale. Die Kreaturen symbolisieren auf diese Weise sowohl das Abjekte im Prozess der Geburt als auch eine hyperphallische Bedrohung. Letztere äußert sich etwa im Prozess der Vergewaltigung, in welchem der Alien-Samen in den menschlichen Wirt gelangt, weiterhin auch in der penetrierenden Zunge, die aus dem Maul der Wesen hervorschießt. So tötet das Alien, welches wiederum bereits einen phallusförmigen Kopf besitzt, mit diesen selbst oder mit seiner Zunge: Tod durch Penetration, Tod durch Vergewaltigung. Weiblichkeit hat Giger den Kreaturen dann in Form des doppelten Kiefers mitgegeben, welcher auf die inneren und äußeren Schamlippen der Vagina dentata verweist.

 

Das Alien rekurriert also auf unsere Abneigung dem Abjekten gegenüber, insbesondere die Perversion des Prozesses der Geburt bringt jene abgespaltenen Elemente wieder in unser Bewusstsein. Weiterhin symbolisiert die Kreatur gleichermaßen weibliche und männliche Bedrohung, auch indem der Prozess des Tötens auf den Akt der Vergewaltigung verweist.